ELTERN
15/02/2017 18:39 CET | Aktualisiert 17/02/2017 07:57 CET

Es gibt eigentlich nur eine Sache, die Kinder bis zum 6. Lebensjahr gelernt haben müssen

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Wenn ein Kind lernt, mutig zu sein, kommt der Rest ganz von alleine.

Die ersten Jahre nach der Geburt sind zauberhaft. Da kommt ein kleines Wesen zur Welt. Entdeckt nach und nach erst die Wohnung, dann die umliegenden Spielplätze - und schließlich ist dieses kleine Wesen, das eben noch ein Baby war, in der Lage, seinen Willen immer lautstarker zu artikulieren.

Diese ersten Entwicklungsschritte sind magisch - aber sie lösen bei vielen Eltern auch große Fragen aus. Müsste der Kleine nicht längst laufen?

Sagen die anderen Kinder nicht schon viel mehr? Und: Wie kann ich mein Baby so fördern, dass es später im Leben die besten Chancen hat, ein glückliches Leben zu führen?

Doch bei all diesen Fragen, so warnen Erziehungsexperten, übersehen Eltern, dass Kinder bis zu ihrem sechsten Lebensjahr vor allem eins gelernt haben müssen.

"Das Einzige, was ein Kind bis zum sechsten Lebensjahr lernen muss, ist: Ich bin gut", sagt Erziehungsexpertin und Buchautorin Julia Dibbern.

"Mut ist das Zutrauen zu uns selbst, etwas zu wagen"

Konkret heißt das, sie müssen wissen, dass die Eltern ihnen tatsächlich etwas zutrauen. Und um dieses Selbstvertrauen zu entwickeln, brauchen Kinder vor allem: Mut - und der ist laut Psychologen nicht angeboren, sondern muss sich entwickeln.

Dabei können Eltern nicht nur einen entscheidenden Beitrag leisten: Sie schaffen es ohne die Hilfe der Eltern nicht.

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"Mut ist das Zutrauen zu uns selbst, etwas zu wagen", sagt etwa Anne Frey, Psychologin an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. "Es ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann."

Eltern müssen Kindern dafür das Gefühl geben, dass sie ihnen vertrauen. Dass sie ihnen aber zugleich auch zutrauen, schwierige Situationen allein zu meistern.

“Unseren Kinder Mut zuzumuten, fällt heute schwer”, schreibt Wissenschaftsjournalistin Nicola Schmidt in ihrem Buch “Mut - Wie Kinder über sich hinauswachsen”. Moderne Eltern stünden unter enormem gesellschaftlichen Druck.

Das eigene Kind steht in ständiger Konkurrenz zu den anderen Kindern. Schon von kleinauf wird es gepusht, wo es geht - in Förderkursen, Musikstunden, Lerngruppen.

"Ronja Räubertochter war nie im Kindergarten? Undenkbar"

Wenn es dabei aus der Reihe fällt, gilt ein Kind oft als 'nicht normal'. “Auffällige Kinder jeder Art werden schnell in Schubladen gesteckt. Ein wild herumstreunender und tote Katzen sammelnder Tom Sawyer wäre heute ein Fall fürs Jugendamt. Ronja Räubertochter war nie im Kindergarten? Undenkbar.”

Sie kritisiert wie viele andere Erziehungsexperten, dass der Hang der Optimierung längst auch die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern beeinflusst. Mit dieser “Über-Beelterung” erreichen Eltern laut Schmidt - obwohl sie es gut meinen - das Gegenteil von dem, was sie sich für ihre Kinder wünschen.

Statt selbstbewusste, mutige Kinder zu erziehen, machen sie aus ihnen unsichere, ängstliche Wesen.

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Kinder seien in der Lage selbst einschätzen, ob sie eine Situation meistern können oder nicht, schreibt Schmidt. “Wenn Kinder immer wieder aufs Neue erleben, was sie alles schaffen können, werden sie immer größere Herausforderungen bewältigen.”

Kinder wissen dabei meistens ziemlich genau, was sie tun - auch wenn ihre Eltern das nicht wahrhaben wollen. "Kinder treibt es dazu, sich an Widerständen zu bewähren, weil sie genau dort wachsen können", schreibt Schmidt.

Kinder suchen bewusst die "Kribbelzone"

"Kinder suchen sich die Zone, in der sie alles üben, was sie können, und immer einen kleinen Schritt weitergehen - den Schritt, der Mut erfordert."

Wenn sie es heute noch nicht schaffen, auf den wackligen Baumstumpf im Garten zu klettern, probieren sie es in der nächsten Woche wieder und bald darauf springen sie dann schon ohne fremde Hilfe rüber zum nächsten Baumstumpf.

“Kribbelzone” nennt Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster diese Zone. Es ist der Bereich, in den sich Kinder ganz natürlicherweise vorwagen und wo sie bewusst den Nervenkitzel suchen, das Kribbeln im Bauch.

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Sie gehen Risiken ein und testen aus, wie weit sie schon gehen können. Das kann der Versuch sein, dieses Mal auf dem Baum einen Ast höher zu klettern oder so hoch zu schaukeln bis es nicht mehr höher geht.

Entscheidend dabei ist: Diese Schritte trauen sich Kinder nur, wenn die Eltern eine Basis der Sicherheit schaffen und dem Kind vermitteln, dass sie jederzeit da sind, um zu helfen, wenn es nötig ist.

Dazu gehört aber gleichzeitig auch, dass das Kind Freiräume hat. Innerhalb dieser kann es selbstständig Erfahrungen machen, ohne dass die Eltern es ständig kontrollieren und eingreifen, wenn das Kind die Situation auch alleine hätte meistern können.

Das riskante Spiel ist von der Natur vorgesehen

Wer sofort angerannt kommt, wenn das Kind oben an der Rutsche angelangt ist, ohne überhaupt abzuwarten, ob es nicht auch alleine wieder runter kommt, schadet ihm damit mehr als dass er ihm hilft.

Sätze wie “Pass doch auf” oder “Das ist doch viel zu hoch für dich” verunsichern das Kind und geben ihm das Gefühl, dass es der Herausforderung nicht gewachsen ist.

Schmidt rät, der Freiheit der Kleinen einen Rahmen zu geben: Wie lange dürfen sie draußen bleiben, wie weit mit dem Fahrrad wegfahren, über welche Gefahren muss vorher gesprochen werden?

"Kinder werden trotzdem mal zu schnell von der Rutsche sausen oder mit dem Fahrrad auf die Knie fallen. Hier reagieren Eltern am besten gelassen und liebevoll", schreibt sie.

Dass Kinder riskante Situationen suchen und sich auf gewagte Spiele einlassen, ist von der Natur so vorgesehen.

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"Das Kind verringert durch das Spiel seine Angst vor Situationen, die 'gefährlich' waren, als es noch kleiner war", schreiben die norwegischen Psychologen Ellen Sandseter und Leif Kennair in einer Studie zu evolutionären Vorteilen riskanten Spielverhaltens von 2011. Einer der wichtigsten Aspekte gewagter Spiele sei ihre antiphobische Wirkung.

Das kindliche Vermögen, Risiken selbst einzuschätzen hängt maßgeblich davon ab, wie Eltern ihre Kinder in solchen Situationen anleiten und unterstützen.

Das Erstaunliche: Unbewusst benutzten Kinder beim riskanten Spiel eine Technik, die Psychologen zur Behandlung von Angststörungen einsetzen, schreiben Sandseter und Kennair. Eine Methode nämlich, die das, wovor man sich fürchtet, in kleine “Scheibchen” teilt, sodass nach und nach auch größere Ängste überwunden werden können.

Nur dann eingreifen, wenn sich das Kind nicht selbst helfen kann

Verböten Eltern ihre Kinder also beständig, sich in vermeintlich gefährliche Situationen zu begeben, blieben Ängste, die längst nicht mehr angemessen seien, warnen die Forscher.

Die Folge seien ängstliche Kinder, die im Extremfall sogar mit Angststörungen zu kämpfen hätten.

Ein Kind, dem die Eltern vermitteln, dass es gefährlich ist, beim Klettergerüst bis nach oben zu klettern oder von der Schaukel zu springen, wird auch später im Leben vor Herausforderungen zurückschrecken.

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“Unterscheiden Sie mit Ihren Kindern klar, wann Hilfe wirklich nötig ist und was die Kinder erstmal alleine versuchen”, rät Erziehungsexpertin Nicola Schmidt. “Vereinbaren Sie mit den Kindern ein Codewort für wirklich gefährliche Situationen.”

Gleichzeitig sollten Eltern darauf achten, nichts von ihren Kindern zu erwarten, das ihre Fähigkeiten übersteigt. Wenn der Vater seinen Sohn anfeuert, auf dem Klettergerüst ganz bis nach oben zu steigen (“Los jetzt, das schaffst du locker”), obwohl sich das Kind noch nicht bereit dazu fühlt, macht ihm das Angst und es erlebt ein Gefühl des Versagens.

Jedes Alter bringt sein eigenes Level an Mut mit sich. Wer von seinen Kindern mehr Mut verlangt, als sie zu diesem Zeitpunkt aufbringen können, verunsichert sie damit nur.

“Mut heißt auch, ehrlich zu sein"

Ein selbstbewusstes Kind werde in diesem Fall dem Vater sagen, dass das Klettergerüst noch zu hoch ist, schreibt Schmidt in ihrem Buch. “Mut heißt nämlich auch, ehrlich zu sein.”

Diese Form des emotionalen Muts komme Kindern auch später zugute, wenn sie sozialem Druck ausgesetzt seien, erklärt die Erziehungsexpertin. Ein Jugendlicher, der früh gelernt hat, dass es mutig ist, die eigenen Grenzen zu benennen, wird auf dem Schulhof eher Nein sagen, wenn die Klassenkameraden rauchen oder ihn zu einer waghalsigen Mutprobe überreden wollen.

“Mut gehört zu den Eigenschaften, die unser Leben entscheidend beeinflussen”, schreibt Schmidt. "Niederlage oder Erfolg, Verzweiflung oder Hoffnung, Einsamkeit oder Glück - Mut hat einen entscheidenden Anteil daran, wie unser Leben verläuft.”

“Wer weiß, wie Mut entsteht und wie man ihn stärken kann, hält ein wichtiges Puzzle-Teil für ein gelingendes Menschenleben in der Hand.”

Kinder 'verwöhnen' schadet nicht

Und das beginnt nicht erst, wenn die Kinder groß genug sind, bewusst ihre Grenzen auszutesten. Den allerersten Grundstein für den Mut ihrer Kinder legen Eltern bereits am ersten Tag.

Wer sein Baby in den Arm nimmt, sobald es schreit, es stillt, wenn es hungrig ist und mit im eigenen Bett schlafen lässt, schafft die Basis, auf der Mut überhaupt erst entstehen kann.

“So ‘verwöhnte” Babys wachsen nicht zu weinerlichen Muttersöhnchen oder manipulativen Tyrannen heran”, schreibt Schmidt. “Sie werden zu selbstbewussten, starken, sozial kompetenten und letztlich mutigen Kindern.”

Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace.

(sma)

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