"Neue Eskalationsstufe": Attacken von Rechtsextremen auf Theater nehmen dramatische Ausmaße an

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"Neue Eskalationsstufe": Rechtsextreme greifen das Wertvollste an, was unsere Gesellschaft hat | Caiaimage/Martin Barraud via Getty Images
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  • Quer durch die Republik attackieren rechte Aktivisten mit Hass und Gewalt Theater und andere Kultureinrichtungen
  • Sie bedrohen Künstler, attackieren Schauspieler und üben Druck auf Theater aus
  • Der Hass auf die Künstler ist aktuell so groß wie noch nie in der jüngeren deutschen Geschichte

Für die einen ist Falk Richter ein Künstler. Für die anderen ein verabscheuenswertes Hassobjekt.

Grund dafür ist das Theaterstück "Fear", das Richter vor einem Jahr in der Berliner Schaubühne inszenierte. Das Stück zeigt, wie junge, unpolitische Erwachsene vom rechten Hass überrollt werden. Wilders, Le Pen und Petry flimmern dabei über die Videoleinwand. Eine traurige Dystopie.

Verstörender aber war, was nach der Premiere passierte: Über Nacht brach der Hass über Richter herein, er erlebte einen "Frontalangriff“ des rechten Mobs, wie er sagt. Das klare Ziel laut Richter: "Autor und Künstler einzuschüchtern und die Schaubühne dazu zu bewegen, das Stück abzusetzen“.

falk richter
Richter

In den Tagen nach der Premiere erreichen ihn Morddrohungen, beim Theater gehen Anschlagsfantasien ein. Und die rechte Studentenbewegung der Identitären droht, das Theater zu stürmen, wie er auch in einem Gastbeitrag für die HuffPost schreibt.

Derartige Fälle häufen sich seit einigen Monaten. Quer durch die Republik attackieren rechte Aktivisten mit Hass und Gewalt die Meinungsfreiheit. Sie bedrohen Künstler, attackieren Schauspieler und üben Druck auf Theater aus. Und sie haben es auf eine besonders wertvolle Errungenschaft unserer Gesellschaft abgesehen: die Kunstfreiheit.

Die Liste der traurigen Beispiele ist lang.

In Chemnitz zeigte sich, wie schnell der Hass sogar in Gewalt umschlagen kann. Dort detonierte vor drei Monaten eine Bombe vor einem Kulturzentrum, das mit einem Theaterprojekt an die NSU-Morde erinnerte. Zuvor hatten Neonazis Besucher des Zentrums zusammengeschlagen und das Gebäude mit Farbbeuteln und Steinen beworfen.

In Dresden wiederum mussten die Menschen erleben, dass sich der Hass bis tief in die Mitte der Gesellschaft gefressen hat. Dort hat vor wenigen Tagen ein wutschäumender Mob gegen eine Kunstinstallation protestiert.

Ein syrischer Künstler hatte drei Busse vor die Frauenkirche aufgestellt, um an die zerstörte syrische Stadt Aleppo zu erinnern. Mit Parolen wie "weg mit dem Schrott“ und "Volksverräter“ hetzen seitdem Rechte gegen das Mahnmal.

dresden
Dresden

In Dessau zeigte sich, dass der Hass schon in der Politik angekommen ist. Der AfD ist ein Theaterstück von deutschen und syrischen Jugendlichen zuwider. Die Partei versucht, mit allen Mitteln Stimmung dagegen zu machen. Unter anderem im Landtag. AfD-Sprecher Hans-Thomas Tillschneider forderte etwa eine "Renaissance der deutschen Kultur“ statt einer "linksliberalen Vielfaltsideologie“.

In Altenburg in Thüringen musste die deutsche Öffentlichkeit schließlich erleben, dass der Hass auch Erfolg haben kann: Vier ausländische Schauspieler haben beim Theater gekündigt, weil sie es in der kleinen Stadt nicht mehr aushielten. Auch, weil sie im Alltag angefeindet wurden.

"Erst, wenn man es persönlich erlebt, weiß man, wie krass es ist.“

Besonders krass ist der Fall des 32-jährigen Ouelgo Téné. Der Schauspieler kommt aus Burkina Faso, ist schwarz und spielt die Hauptrolle im Hauptmann von Köpenick. Eine Provokation für manche in Altenburg.

Ihn habe man schon verbal und körperlich angegriffen, sagt er im Gespräch mit der "Zeit": "Erst, wenn man es persönlich erlebt, weiß man, wie krass es ist.“

Dass er nicht für immer gehe, sagt er aber auch. "Ich renne nicht vor dem Rassismus weg. Ich brauche nur eine Pause“, zitiert ihn die "Zeit“.

All das erinnert die Publizistin und Juristin Liane Bednarz an Deutschlands dunkle Vergangenheit. "Rechtspopulisten haben häufig sehr starke, autoritäre Züge“, sagt sie im Gespräch mit der HuffPost. "Diese Art der Kulturpolitik ist vor allem angesichts Deutschlands unrühmlicher Vergangenheit – Stichwort "entartete Kunst" – problematisch.“

"Der Asylkampf ist zu einem Kulturkampf geworden"

Der Journalist und Buchautor Michael Kraske ("Vorhofflimmern“) spricht sogar von einer "neuen Eskalationsstufe durch den Rechtspopulismus in Deutschland.“ Der Asylkampf sei zu einem Kuturkampf geworden.

"Die leben gedanklich nicht mehr in einer Demokratie"

Das führt zu Hass, den deutsche Theatermacher so heftig noch nie in der jüngeren deutschen Geschichte spüren.

Kritik sei man aus dem bürgerlichen Lager gewohnt, etwa über eine linke Provokation. Nun aber werden die Künstler diffamiert, "weil sie sich für Menschenrechte und gegen Rechtsextremismus und –terrorismus einsetzen", sagt Kraske.

Wer demokratische Grundwerte hochhält, wird zur Zielscheibe - das ist eine neue Qualität. Und lässt erahnen, wie schwer der Kampf gegen den Hass sein muss. Lässt er sich überhaupt gewinnen? Und wenn ja, wie?

Eine Antwort auf diese Fragen hat etwa Michael Wegner. Der Pfarrer ist Superintendent im Kirchenkreis Altenburger Land. Er kämpft an zwei Fronten – und das macht es schwierig für ihn.

Die Nachricht, dass vier Schauspieler das Theater in der Region verlassen würden, hat ihn schockiert. Wegner kann auf der einen Seite nicht tolerieren, „wenn Menschen in ihrem Menschsein unterdrückt werden.“ Auf der anderen Seite weiß er aber auch: "Der Riss, welcher durch unsere Gesellschaft geht, betrifft auch unsere Kirchengemeinde.“

Wenn Wegner also gegen Rechts kämpft, kämpft er auch gegen seine eigenen Leute. Deswegen veranstaltet er auf der einen Seite jeden Montag eine Gebetsrunde, anschließend singt die Gruppe auf dem Markt. Stiller Protest also.

Auf der anderen Seite redet er mit denen, die nicht seiner Meinung sind. In der Hoffnung, sie von seiner Sache zu überzeugen.

fear
Szene aus "Fear"

Die Region habe immer gute Erfahrungen mit der Integration von Flüchtlingen gemacht – etwa den österreichischen Juden und den Osteuropäern, die während der Industrialisierung kamen. "Das ist der beste Weg, den Besorgten die Argumente zu nehmen“, sagt er. "So wird sich die Brisanz des Themas von allein erledigen.“

"Falsch wäre es, gar nichts zu tun"

Eine völlig andere Antwort hat Regisseur Falk Richter. Natürlich. Er sagt: Mit den meisten Rechtspopulisten kann man nicht mehr reden. "Die ganze Gesellschaft muss aktiv werden und Zeichen setzen.“

Er kenne Autoren und Regisseure aus Polen, Ungarn und Russland, die sich nicht mehr trauen, frei zu reden. "Soweit darf es hier nicht kommen“, sagt er.

Die einen setzen auf Dialog, die anderen auf lautstarken Protest. Vermutlich ist beides richtig.

Falsch wäre es, gar nichts zu tun. Und Fälle wie jene in Dresden, Dessau, Chemnitz und Altenburg als verrückte Einzelfälle abzutun.

Das sind sie nicht.

Sie sind systematische Angriffe auf das wertvollste unserer Gesellschaft.

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(ks)