POLITIK
02/02/2017 20:10 CET | Aktualisiert 02/02/2017 22:00 CET

Schulz vor Merkel: Das große Zittern bei der CDU

JONATHAN NACKSTRAND via Getty Images
German Chancellor Angela Merkel gives a press conference with Sweden's Prime Minister (not in picture) in Stockholm on January 31, 2017. Merkel is on a one-day official visit to Sweden. / AFP / Jonathan NACKSTRAND (Photo credit should read JONATHAN NACKSTRAND/AFP/Getty Images)

  • In einer aktuellen Umfrage zieht der SPD-Kanzlerkandidat mit seiner Popularität an Angela Merkel vorbei

  • Das trifft die Union an einem wunden Punkt, die ihren Wahlkampf voll auf die Kanzlerin zuschneidet

  • Dort beginnt das große Zittern

Der größte Nimbus der Union – Merkels Popularität – ist das erste Mal gebrochen. Glaubt man dem aktuellen Deutschlandtrend, würde nur jeder dritte Deutsche die Kanzlerin wählen – und 50 Prozent Martin Schulz.

Dieser Unterschied ist dramatisch. Und ein schlechtes Vorzeichen für eine Partei, die ihren Wahlkampf voll auf ihre Chefin fokussiert. Dabei schlägt die Merkelmüdigkeit in der Bevölkerung und der Partei offenbar nun voll durch. Schulz kann sich als echte Alternative inszenieren – und das sorgt bei der Union für Unruhe.

Nach außen gibt man sich zwar noch gelassen. Wer sich in diesen Tagen aber mit den Konservativen unterhält, muss nicht zwischen den Zeilen lesen um zu verstehen, wie die Stimmung ist.

"Schulz Kandidatur hat uns unvorbereitet getroffen"

"Die Schulz-Kandidatur hat uns völlig unvorbereitet getroffen“, sagt etwa ein führender Innenpolitiker.

Ein anderer ertappt sich immer häufiger bei dem Gedanken, "dass Merkel doch besser den Weg freigemacht hätte.“

Und in der bayrischen Schwesterpartei sorgen sich einige um die CDU wie um eine sterbende Zimmerpflanze, die einfach nicht gedeihen will.

Die SPD hätte auch mit einem Willy Brandt in Bayern keine Chance. Aber: "Verliert die CDU, verliert auch die CSU – da können wir in Bayern auch 200 Prozent holen, es würde nicht reichen für die Regierung.“

Erst jetzt wird klar, wie unvorbereitet die Schulz-Kandidatur das Konrad-Adenauer-Haus getroffen hat. Dort hatte man sich schon auf einen anderen Gegenkandidaten eingestellt. Auf einen Gabriel, der abends nicht mehr weiß, was Sigmar am Morgen gesagt hat. Ein Running Gag dort.

Nicht ohne Grund machte man den wahren Gegner ganz woanders aus: Auf Facebook, in Form von Chatbots und Fakenews. In der Union glaubte keiner, dass Gabriel Merkel gefährlich werden könnte. Nichtmal Gabriel glaubte das ernsthaft. Deswegen der Rücktritt, der das Blatt um 180 drehte.

Schulz entzaubert den Mythos Merkel

Schulz ist angetreten, um den Mythos der unschlagbaren Kanzlerin zu entzaubern. Das verleiht ihm ein Momentum, worauf die Sozialdemokraten seit der verlorenen Schröder-Wahl warten. Die Sozialdemokraten freuen sich über die Umfragewerte, als wären sie schon Kanzler, obwohl sie nicht für Rot-Rot-Grün reichen.

Das ist aber egal, denn die steigenden Umfragen wirken wie eine selbsterfüllende Prophezeiung: Sie hauchen einer völlig entmutigten Partei wieder Leben ein. Erstaunlich sind dabei nicht unbedingt die 28 Prozent – das ist immer noch weniger als der Wert, mit dem Schröder die Wahl verloren hat und immer noch weit weniger, als die Union derzeit hat. Erstaunlich ist dabei das Tempo, mit dem die Sozialdemokraten den Abstand zur Union verkleinern.

Natürlich kann sich das Blatt genauso schnell wieder wenden. Natürlich könnte es sein, dass sich Schulz mit unbedachten, impulsiven Äußerungen ähnlich schnell unbeliebt macht wie 2013 Steinbrück.

Schulz trifft dort, wo es Merkel wehtut

Nicht zu unterschätzen ist auch, dass Schulz praktisch immer noch eine Blackbox bei innen- und wirtschaftspolitischen Fragen ist. Ob er hier den Ton der Deutschen auch im Detail trifft, wird sich im Wahlprogramm zeigen.

Völlig unbeleuchtet ist auch seine Zeit im EU-Parlament – auch hierauf wird sich der politische Gegner stürzen und nach Angriffspunkten suchen.

Aber Schulz trifft dort, wo es Merkel wehtut.

Er hat Charisma, kann Massen mitreißen. Er steht tatsächlich für eine Alternative, nämlich Rot-Rot-Grün. Oder, mit Abstrichen, Rot-Grün-Gelb.

Das heißt: Mehr Investitionen, mehr Umverteilung, höhere Vermögenssteuern, höhere Sozialleistungen.

Anders die Union. Man kann ihr zwar nicht vorwerfen, dass sie keine Alternative zur Politik der Großen Koalition anbietet: eine schärfere Sicherheitspolitik, Steuerentlastungen, eine unternehmensfreundlichere Wirtschaftspolitik.

Aber ihren Trumpf als international erfahrene Krisenmanagerin kann Merkel gegen den "Mister Europa", wie Schulz manche nennen, nicht so klar ausspielen wie gegen Gabriel.

Hinzu kommt: Mit jeder neuen Umfrage wird deutlicher, dass Merkel die Machtoptionen ausgehen. Das spüren die Wähler. Die Grünen sind zu schwach – und dass die sich auf die CSU einlassen würden, wird immer unwahrscheinlicher.

Eine Koalition mit der SPD wäre zwar denkbar – aber als Wechselwähler überlegt man sich zweimal, ob man nochmal vier Jahre Große Koalition riskiert oder lieber auf Rot-Rot-Grün pokert.

Bliebe noch die AfD.

Aber nunja.

Die CDU muss aufpassen, dass sie nicht in die SPD-Falle tappt. Wenn sie den Mut verliert, verliert sie die Wahl. Das hat das Drama um Gabriel gezeigt.

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(ks)

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