POLITIK
24/01/2017 18:54 CET | Aktualisiert 24/01/2017 20:47 CET

Gabriels schweres Erbe: Warum der Rücktritt des SPD-Chefs einen Scherbenhaufen hinterlässt

Fabrizio Bensch / Reuters
Gabriels schweres Erbe: Warum der Rücktritt des SPD-Chefs einen Scherbenhaufen hinterlässt

Ob Sigmar Gabriel klar ist, was er da in den vergangenen Monaten angerichtet hat?

Monatelang zögerte er die Entscheidung über seine Kanzlerkandidatur hinaus. Während die Union sich bereits auf Angela Merkel geeinigt und mit der Planung des Wahlkampfs begonnen hatte, geriet die Kandidatenkür der SPD zur Witznummer.

In ganz Deutschland machten sich die Menschen darüber lustig, wer sich wohl im Jahr 2017 für diese einstmals so stolze Partei herzugeben bereit wäre.

Die Partei verarscht

Als Anfang Januar die "Bild“-Zeitung der Überzeugung war, dass Gabriel es doch machen würde, ermahnte die Parteiführung die SPD-Mitglieder zur Ruhe. Die Kandidatenfrage würde offiziell am Ende des Monats geklärt werden. Das Wunder geschah, und fast die gesamte Sozialdemokratie hielt tatsächlich so lange still.

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Und nun? Sagen wir es doch ganz offen, und in einer Sprache, die man sowohl im Bergwerk als auch am Hochofen verstehen würde: Sigmar Gabriel hat seine eigene Partei verarscht. Weil er am Ende als derjenige dastehen wollte, der die Entscheidung getroffen hat, steckt er die Info ein paar Tage zu früh an die Hauptstadtpresse ("stern" und "Zeit") durch.

Und natürlich gibt es auch schon einen Plan B, der nun ohne Beteiligung der Basis auf den Tisch geflattert kommt: Martin Schulz soll es machen. Zur Erinnerung, das ist jener ehemalige Präsident des Europaparlaments, der nach Informationen des "Spiegel" noch vor vier Wochen keinen Bock darauf hatte, für die SPD den Wahlverlierer zu mimen.

Aber da muss er nun wohl durch. Es ist halt kein anderer da.

Natürlich ist Martin Schulz bei den Wählern beliebter als Gabriel, das belegen sämtliche Umfragen. Aber ob diese persönliche Popularität auch auf die Partei abstrahlen wird, das steht auf einem anderen Papier.

Weshalb sollte man 2017 SPD wählen?

Die SPD im 2017 ist zu einer Partei ohne Eigenschaften geworden. Das Soziale beherrscht die Linkspartei besser, die Grünen sind für liberale Großstadtbewohner glaubwürdiger. Wer die Union wählt, unterstützt Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Und wer dagegen ist, dürfte wohl eher bei der AfD heimisch werden.

Es gibt keinen klar formulierbaren Grund mehr, die SPD zu wählen.

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Und daran hat Gabriel einen großen Anteil mit seinem Eiertanz in der Asylpolitik (mal Til Schweiger treffen, mal Obergrenzen fordern), in der Bekämpfung des Rechtsextremismus (mal mit Pegida reden wollen, mal Asylgegner als „Pack“ beschimpfen) oder auch in Fragen des internationalen Freihandels (heute so, morgen so).

Die beste Nachricht des Tages ist, dass Gabriel auch als Parteichef zurücktritt. So bleibt der SPD wenigstens mittelfristig die Gelegenheit, zu einer klaren Linie zu finden. Es wäre zu wünschen. Denn eigentlich braucht dieses Land die SPD. Gerade jetzt.