POLITIK
25/01/2017 05:12 CET | Aktualisiert 25/01/2017 15:23 CET

SPD-Kanzlerkandidat Schulz hat einen Vorteil gegenüber Merkel - er kennt die Abgründe

Christian Hartmann / Reuters
Martin Schulz

  • Martin Schulz ist der neue Hoffnungsträger der SPD für die Bundestagswahl

  • Dabei fehlt dem 61-Jährigen Erfahrung und Anerkennung auf bundespolitischer Ebene

  • Doch Schulz hat einen Vorteil: Eine auf seinen gebrochenen Lebenslauf zurückgehende Authentizität und Glaubwürdigkeit

Plötzlich Kanzlerkandidat: Heute wird sich Martin Schulz um 12.00 Uhr der Bundestagsfraktion der Sozialdemokraten vorstellen. Die Sondersitzung war einberufen worden, nachdem der bisherige Parteichef Sigmar Gabriel Schulz als Kanzlerkandidaten und für den Parteivorsitz vorgeschlagen hatte.

Hat Schulz eine reelle Chance, Merkel im September zu schlagen? Wohl kaum. Es erscheint unmöglich. Allerdings hat Schulz einen Vorteil gegenüber Merkel: Er kennt die Abgründe.

Schulz wird schon jetzt als "Hoffnungsträger" bezeichnet. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin und stellvertretende SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft versprach ihm gestern gleich ihren Rückhalt.

Kaum einer weiß, wofür Schulz steht

"In diesen Zeiten geht es vor allem um Gerechtigkeit, Zuversicht, Sicherheit im Wandel und Zusammenhalt. Für diese Werte steht Martin Schulz wie kaum ein anderer", sagte Kraft.

Schulz steht für einen Neuanfang der SPD, die ihre Glaubwürdigkeit als Partei der sozialen Gerechtigkeit durch Gerhard Schröders Agenda 2010 und die Jahren als Juniorpartner der CDU in der großen Koalition verloren hat.

Doch die SPD-Abgeordneten werden sich heute die Frage stellen, wofür Schulz eigentlich steht. Keiner weiß, was sein politisches Programm ist.

Schulz deutet am Dienstag nur, dass die SPD wieder die Partei sein wolle, die sich um die Ängste der Menschen kümmert. Er wolle sich um die "Gesellschaft" kümmern, die "immer weiter auseinanderdriftet."

Schulz ist in der Innenpolitik völlig unerfahren

Das gab es noch nie: Ein Politiker ohne innenpolitische Erfahrung auf Bundesebene will Angela Merkel herausfordern. Elf Jahre lang war Schulz Bürgermeister von Würselen und 22 Jahre Mitglied des Europaparlaments.

Nicht einen Tag lang war er Abgeordneter des Bundestages. Für viele ist der 61-Jährige innenpolitisch noch ein unbeschriebenes Blatt.

Doch genau das könnte sein großer Vorteil sein. Er kommt von außen als Erneuerer. Nie gehörte er der Großen Koalition ab. Und einen weiteren Vorteil hat er: Er ist authentisch, glaubwürdig.

Seine zornigen Reden im Europaparlament sind legendär. Hier zeigt er sich als aggressiver Verteidiger demokratischer Werte. Zum ersten Mal fiel er den Medien 2003 mit einer Rede auf, in der den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi für seinen Demokratieverständnis und seinen Interessenskonflikt als Medienmogul und Politker kritisierte.

Der bezeichnete ihn daraufhin als "KZ-Lagerführer".

Unvergessen ist auch jene Szene, als er einen rechtsradikalen griechischen Abgeordneten wegen rassistischer Äußerungen über Türken aus dem Parlament warf - ohne Diskussion. Auch seine Kritik am türkischen Premierminister Erdogan wurde zum Facebook-Klassiker.

So deutlich wie Martin Schulz hat noch kein deutscher Spitzenpolitiker Erdogan kritisiert

Schulz kommt von unten. Er hat kein Abitur, da er vom Gymnasium flog, nachdem er zweimal sitzen geblieben war. Als Teenager soll er aufbrausend und wütend gewesen sein - "ein Sausack", wie er selbst sagt. Nachdem sein Traum von der Karriere als Profifußballer durch eine Sportverletzung platzte, verfiel er dem Alkohol. Nur sein Bruder und ein Freund hielten zu ihm. Er wurde erst trocken, dann Bürgermeister, dann Präsident des Europaparlaments - und jetzt Kanzlerkandidat.

Dieser Bruch im Lebenslauf könnte heute sein größter Vorteil werden. Schulz weiß, wie es ist, keine Perspektive zu haben. Wenn die Frau die Koffer packt. Wenn die Zwangsräumung droht. Wenn man den Selbstmord plant. Wer, wenn nicht er, soll die enttäuschten SPD-Wähler zurückholen?

Vielleicht vollbringt er tatsächlich das Unwahrscheinliche. Schließlich erschien es auch mal unmöglich, dass ein Ex-Alkoholiker ohne Abitur Kanzlerkandidat wird.

(jg)