Deshalb macht es euch glücklich, weniger zu arbeiten

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Robert Wringham ist Autor und Journalist

Raus aus den Schulden, weniger Stress, mehr persönliche Freiheit - klingt für viele Menschen verlockend. In seinem Buch "Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung" (Heyne, 336 Seiten, 16,99 Euro) will der britische Autor und Journalist Robert Wringham einen Ausweg aufzeigen. Seine Botschaft: Weniger konsumieren heißt weniger arbeiten. Wie ein erster Schritt aussehen könnte, verrät der Herausgeber des Magazins "New Escapologist" im Interview mit spot on news.

Gerade hat ein neues Jahr begonnen. Ein guter Vorsatz lautete sicher wieder bei vielen Menschen, aus dem täglichen Hamsterrad zu entkommen. Wie könnte ein erster Schritt aussehen?

"Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung" von Robert Wringham finden Sie hier

Robert Wringham: Allgemein denke ich, der beste Trick, seine guten Vorsätze auch umzusetzen, ist, sie positiv zu besetzen. Viele Menschen nehmen sich vor, sich zu bessern, ins Fitnessstudio zu gehen. Besser klappt es, wenn man mit Spaß an die Sache heran geht, zum Beispiel plant, sich öfter mit Freunden zu verabreden, Bücher zu lesen, die einem Freude bereiten. Nach Vergnügen und Spaß zu suchen, könnte 2017 genau das Richtige sein, vor allem vor dem Hintergrund, dass es aus der Politik so viele schlechte Nachrichten gibt.

Und was die "Eskapologie", also die "Wissenschaft vom Aussteigen", betrifft?

Wringham: Da wäre ein guter erster Schritt, Vergnügen zu suchen, aber auf einfache, bescheidene Weise. Es geht nicht darum, Dinge anzuschaffen, sondern eher darum, beispielsweise das Meditieren zu erlernen oder zu lernen, den Sonnenschein zu genießen, den Mond und die Sterne zu betrachten. Diese Dinge kosten mich keine Mühe und Kraft, sie bringen Freude, ohne Kosten zu verursachen. Man wendet sich vom Konsum ab. Und wenn man weniger Geld ausgibt, kann man über den nächsten Schritt nachdenken: weniger arbeiten. Das ist eine Herausforderung. Aber wenn man erkannt hat, dass man nicht so viel Geld benötigt, wird es eine überlegenswerte Option.

Teilzeit zu arbeiten, ist genug?

Wringham: Absolut, ja. Es ist allerdings eine Herausforderung, einen Teilzeitjob zu arrangieren, leider steht die Welt diesem Konzept gerade feindlich gegenüber. Viele Arbeitgeber wollen die Leute den ganzen Tag auf ihren Bürostühlen sitzen sehen. Wenn man sich aber die Geschichte der Arbeit ansieht, gab es in Westeuropa und in Nordamerika eine breite Bewegung, die für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft hat - und für kürzere Arbeitswochen. Deshalb haben wir ein Wochenende, zwei freie Tage nehmen wir als gesichert hin. Das war nicht immer so. Und die Welt sollte sich auch für das Konzept der Teilzeitarbeit öffnen. Das klingt im Moment utopisch. Aber es hat schon einmal geklappt, es kann wieder klappen.

Warum glauben Sie, dass sich das durchsetzen könnte?

Wringham: Für den einzelnen ist es eine gute Idee, das Geld reicht für ein schönes Leben aus. Ich habe das selbst ausprobiert und solange Miete, Essen, Strom und Internet bezahlt werden können, ist ein Teilzeitjob gut. Vielleicht fängt man dadurch sogar an, seinen Job zu mögen. Wenn man nur drei Tage die Woche arbeitet, ist es nicht so eine große Verpflichtung. Es ist eine gute Zwischenlösung, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Für viele Menschen bedeutet ein Vollzeitjob Sicherheit. Wie haben Sie es geschafft, sich von dieser Vorstellung zu befreien?

Wringham: Ich habe ganz einfach ausgerechnet, was es mich kostet, mein Leben auf bequeme Art zu leben. Ich habe ein Budget, darin enthalten sind Miete, Essen, Strom, Telefon, Internet und auch Geld, um einmal in der Woche in eine Bar zu gehen. Man braucht für all das weniger Geld, als die meisten denken. Ich lebe von 500 Pfund im Monat. Das klappt auch sicherlich deshalb, weil ich einiges an Kosten mit meiner Partnerin teile. Wenn man keinen Partner hat, kann man sich einen Mitbewohner suchen.

Sorgen Sie für das Alter vor?

Wringham: Ja. Ich verdiene mehr als 500 Pfund die Woche. Und alles, was darüber hinausgeht, lege ich beiseite. Dadurch kann man einiges über Investment lernen. Die Rente ist der einfache Weg, bei dem man der Regierung oder einem privaten Institut erlaubt, sich um das Geld zu kümmern. Das muss man nicht mitmachen, es gibt viele Arten, zu investieren. Wenn man sich mit den Grundlagen vertraut macht, kann einem das eine Menge Sicherheit für die Zukunft geben.

Sie sollen nicht mal ein Handy besitzen.

Wringham: Ich werde immer wieder auf die Sache mit dem Handy angesprochen. Und nachdem in verschiedenen Artikeln über mich zu lesen war, dass ich kein Handy habe, hat mir meine Schwester eines gekauft. Im Moment habe ich also eines, ich weiß aber noch nicht, ob ich es behalte. Ich finde Smartphones nicht notwendig, ich habe es benutzt, um darauf ein E-Book zu lesen und checke damit Twitter und E-Mails. Aber das Gerät an sich benötige ich nicht, ich habe einen Computer, mit dem ich das auch kann. Und ich muss auch keine E-Books lesen, ich habe eine Bücherei um die Ecke. Ich denke, ich muss das Handy also wieder loswerden.

Auf welche Dinge, die für viele Menschen selbstverständlich sind, verzichten Sie noch?

Wringham: Ich habe noch nie ein Auto besessen, ich kann nicht fahren, ich will nicht fahren, das interessiert mich nicht und ich sehe auch keinen Nutzen darin. In Großbritannien und Deutschland haben wir ein gut ausgebautes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln. Das zu nutzen, ist nicht teuer. Außerdem gehe ich gerne zu Fuß. Wenn man das nicht mag, kann man mit dem Rad fahren. Ich habe auch schon in Montreal gelebt, dort besitzen 70 Prozent der Einwohner kein Auto. In Japan gibt es das Phänomen, dass junge Menschen kein Geld mehr für Autos ausgeben wollen, sie kaufen sich lieber iPhones. Ich hoffe, dass die Anzahl der Autos in Zukunft weiter abnimmt.

Wann haben Sie sich entschlossen, Ihr Leben so zu gestalten, wie es jetzt ist?

Wringham: Das war wohl schon immer in mir drin. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich als kleiner Junge zu meiner Mutter gesagt habe: Lieber bin ich obdachlos, als in einem schrecklichen Job zu arbeiten. Ich habe nach der Universität zunächst als Bibliothekar gearbeitet - weil ich Bücher mag und ich dachte, ich kann in einer tollen Umgebung arbeiten und interessante Leute treffen. Und so war es auch. Aber nach ein paar Jahren habe ich gedacht: Und das muss ich jetzt wirklich jeden einzelnen weiteren Tag machen? Selbst wenn man also eine Arbeit hat, die toll ist, ist es doch eine riesige Verpflichtung, dieser 40 Stunden die Woche nachzugehen. Also habe ich etwas anderes ausprobiert.

Wie sind die Reaktionen bisher auf Ihr Buch?

Wringham: Als die englische Ausgabe im vergangenen Januar erschienen ist, kauften es vor allem Fans unseres Magazins "New Escapologist". Sie kannten die Botschaft und haben verstanden, um was es geht. Daher war das Feedback sehr positiv. Ein Teil von mir denkt aber, ich hätte das Buch mehr unter den Menschen anpreisen sollen, die nicht von meinen Ideen überzeugt sind. Weil es so wenig kritische Stimmen gab, ist es offenbar nicht zu denen vorgedrungen, die die Botschaft hören sollten. In Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft sich "Ich bin raus" sehr gut und erreicht viele Menschen.

Abkehr vom Konsum und klassischen Vollzeitjobs - kann das zum neuen Mainstream-Trend werden?

Wringham: Ja. Junge Menschen wenden sich immer mehr von materiellen Dingen ab. Das hängt wohl einerseits damit zusammen, dass es Mode ist, viel Zeit im Internet zu verbringen und dadurch ist es nicht mehr so wichtig, sich viele Sachen zu kaufen, mit denen man sich umgibt. Aber es ist auch eine Notwendigkeit, die Leute haben nicht mehr so viel Geld wie früher zur Verfügung. Viele Leute arbeiten in befristeten Arbeitsverträgen, ohne Sicherheit. Diese Menschen sparen lieber Geld, als es auszugeben. Ich will auch nicht sagen, dass meine Ideen einzigartig sind, es gibt im Moment viele Leute, die mit einer ähnlichen Botschaft an die Öffentlichkeit gehen. Es könnte zum Mainstream-Thema werden, schließlich ist es ziemlich einfach umzusetzen: weniger konsumieren heißt weniger arbeiten. Und das ist nicht nur besser für die Gesundheit, sondern auch für die Umwelt.

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