POLITIK
23/01/2017 05:30 CET | Aktualisiert 23/01/2017 10:52 CET

Historiker erklärt bei "Anne Will", was die US-Bürger uns durch Trumps Wahl mitteilen wollen

Mit seiner Antrittsrede am Freitag hat Donald Trump alle Hoffnungen zerstört, dass er als Präsident gemäßigter sein würde als im Wahlkampf.

In der gestrigen Sendung von Anne Will schien deshalb Ratlosigkeit zu herrschen. "Der Mann denkt aggressiv-nationalistisch", stellte Will fest. "Trump im Amt - verändert das die Weltordnung?", fragte die Moderatorin ihre Gäste (mehr dazu im Video).

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die schon vom Wahlergebnis im November "schockiert" gewesen war, stellte ernüchtert fest, dass Trump sich nicht verändert habe. "Der Wahlkämpfer Trump geht nahtlos in den Präsidenten Trump über." Für ihn gelte: "Ich gewinne, du verlierst."

Sogar Ralph Freund, CDU-Mitglied und Vizepräsident der "Republicans Overseas Germany", fand die Rede "befremdlich". Trumps Ton sei "ein bisschen rustikal", sagte er. Gleichzeitig erinnerte er daran, dass Trump demokratisch gewählt wurde und den Willen der Wähler verkörpere.

Freund will jetzt aber ersteinmal abwarten und Trump an seinen Taten messen. "Im Tun liegt die Wahrheit, nicht im Reden." Das klang sehr ausweichend. "Sie mögen uns nicht verraten, was Sie denken!", unterstellte ihm die Moderatorin.

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"Man kann Trump zuhören, und das ist manchmal schlimm genug", sagte Dieter Kempf, seit Januar Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. "Hinter seinen kernigen Sprüchen steckt kein Inhalt“, erklärte er. Seine Drohung mit Strafzöllen für deutsche Autobauer schade der amerikanischen Wirtschaft am meisten, denn es würde vor allem für die Amerikaner teurer. Trump habe die Globalisierung nicht verstanden, befand er

Günter Verheugen sah das anders. "Trump hat gezielt die Verlierer der Globalisierung angesprochen", sagte der SPD-Politiker. Verheugen zerstörte alle Hoffnungen, dass das Präsidentenamt Trump mäßigen wird. Er habe sich mit Trumps Interviews in den letzten Jahrzehnten beschäftigt. Der Milliardär habe in seinen Aussagen eine bemerkenswerte Konstanz.

"Trump wird mit Sicherheit all das tun, was er gesagt hat. Ich rate dazu, das bitter, bitter ernst zu nehmen, was er sagt." Trump halte das gesamte weltpolitische System der Nachkriegszeit für überflüssig, sagte Verheugen. Nicht nur die Nato, sondern auch EU, WTO und UNO.

Der Historiker Michael Wolffsohn kann nachvollziehen, warum die Amerikaner Trump gewählt haben. "Die Nato kränkelt“, sagte er. "Die Amerikaner haben überall die Kastanien aus dem Feuer geholt. Und die Verbündeten haben ihre Versprechen nicht gehalten." Es sei nicht überraschend, dass die US-Bürger den Europäern "einen Tritt in den Allerwertesten" geben.

Trump stelle somit "die addierte Frustration der Durchschnittsamerikaner" gegenüber der Rolle der Europäer in der Welt dar. Er fand dafür eine etwas unglückliche Metapher: "Er ist der Mund des amerikanischen Bauches".

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Er sieht eine "neue soziale Frage", die durch die Globalisierung entstanden sei. "Dies ist kein amerikanisches Problem. Das hat seine Auswirkungen auch in den europäischen Ländern." Schließlich würde auch in Deutschland gegen TTIP demonstriert.

Von der Leyen erinnerte mit Blick auf die vertraglichen Vorgaben bei den nationalen Verteidigungsetats daran, dass die Nato "keine 2-Prozent-Frage" sei. "Die Nato ist ein Wert", befand die Verteidigungsministerin - das Versprechen der freien Länder, sich gegenseitig zu beschützen.

Jetzt müsse Deutschland sich mehr engagieren und seinen Verteidigungsetat erhöhen. "Deutschland kann nicht mehr sagen, wegen unserer Geschichte halten wir uns aus allem raus. Gerade aufgrund unserer Vergangenheit müssen wir uns weltweit engagieren."

"Wir dürfen nicht nur auf den Präsidenten starren", so die Verteidigungsministerin. Die USA seien durch "Millionen Freundschaften" mit Europa verwoben. "Dieses Fundament ist tragbar. Darauf sollten wir vertrauen", appellierte sie.

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(ben)