POLITIK
19/01/2017 19:22 CET | Aktualisiert 20/01/2017 08:09 CET

Lieber Herr Höcke, meine Empörung bekommen Sie nicht!

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Lieber Herr Höcke, Sie bekommen meine Empörung nicht

Lieber Herr Höcke,

Ich bin ehrlich, mich nervt nichts so sehr wie Ihr Gerede. Dass Sie das Holocaust-Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande“ bezeichnen, die deutsche Geschichtsaufarbeitung "mies und lächerlich“ nennen, ist widerlich.

Ich habe wie Sie Geschichte studiert, sogar – das nur am Rande – an der selben Universität. Wir beide wissen, dass verbale Brandstiftung, wie Sie sie betreiben, in der Geschichte selten ein gutes Ende genommen hat.

Ihr Menschenbild ist verachtenswert – und trotzdem habe ich es satt, mich öffentlich über Sie zu empören. Jede Aufregung, jede impulsiv rausgetwitterte oder bei Facebook veröffentlichte Kritik an ihrem Wahnsinn, bringt Sie näher an Ihr Ziel.

Denn hinter Ihrer Hetze steckt System. Sie sind die Brechstange der AfD, der rechte Rand des rechten Randes. Immer wenn wir Ihnen Aufmerksamkeit schenken, sorgen wir dafür, dass noch hunderte Menschen mehr Ihre vogelwilden, hasserfüllten Positionen zu hören oder zu lesen bekommen.

Mehr noch: Wir riskieren, dass Sie die Menschen mit Ihrem Hass anstecken. Denn das ist, was Sie wollen. Aus Hass entsteht mehr Hass – und Hass ist das, was Ihre Partei so stark gemacht hat.

Distanzierungen aus der AfD haben keine Wirkung

Es ist vollkommen egal, was Frauke Petry über Sie sagt. Oder André Poggenburg. Das wissen wir beide. Die bilden die bürgerliche Fassade Ihrer Partei. Sie wiederum ködern die Neo-Nazis, denen die NPD längst zu unambitioniert ist.

Ich bin lange nicht der erste, der erkannt hat, dass Empörung gegen Sie nicht hilft. In einem Blog für „Medium“ schrieb der Münchener Journalist Simon Hurtz bereits im Dezember, dass vor allem "souveräne Ignoranz“ die richtige Antwort auf Ihren Wahnwitz ist.

"Ich halte solche ausgeruhten Erwiderungen für die angemessenere Reaktion als kurzfristige Empörung“, schrieb Hurtz damals.

Seine Worte sind heute aktueller denn je.

Denn was nach Ihrer Skandal-Rede in den sozialen Netzwerken folgte, war ein Sturm der Entrüstung, wie ihn sich die AfD nicht schöner hätte ausmalen können. Bei Youtube hat Ihr Auftritt in Dresden bereits über 300.000 Aufrufe – auch weil die Empörten sie durch ihren Social-Network-Sturmlauf in jede zweite Timeline spülten.

Dass wir "Nazi" rufen, schert einen Nazi nicht

Journalisten aller großen Medien waren erbost. Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung" sprach im "Nachtmagazin" von einer "braunen Brühe der finstersten Art".

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann nannte Sie erstaunlich direkt einen Nazi, sein Parteikollege Sigmar Gabriel bezeichnete Ihre Partei als "Sammelbecken für Rechtsradikale“.

Sie alle haben damit recht – und dennoch laufen sie gegen Wände. Es gibt nichts, was der AfD noch nicht vorgeworfen wurde. Empörte Worte verlieren schnell ihre Bedeutung.

Hurtz hingegen hat das System der AfD erkannt. Er zitiert aus einem internen Strategiepapier der AfD, in der die Partei "sorgfältig geplante Provokationen" einfordert. Damit wolle man die anderen Parteien zu nervösen und unfairen Reaktionen verleiten.

Für das "Profil der Partei" ist das positiv, steht in dem Dokument. Jede Stigmatisierung hilft Ihnen, Herr Höcke.

Wir müssen wieder anders diskutieren

Doch was ist die Alternative?

Wir müssen anfangen wieder mehr über gute Ideen zu reden, als über idiotische. Denn dass Sie ein Nazi sind, wissen alle die, die es wahrhaben wollen, schon lange. Und die anderen werden wir nicht dadurch überzeugen, dass wir es wieder und wieder betonen.

Stattdessen sollten wir Ihren Rassismus diskreditieren, wann immer es geht. Und dann gute Lösungen für die Probleme präsentieren, die Sie im Hass zu ersticken versuchen.

Wir müssen anfangen, politische Ideen in den Mittelpunkt zu rücken. In den Mittelpunkt unserer Berichterstattung, unserer Twitter-Tiraden – und unserer Gespräche beim Feierabendbier.

Denn derzeit sprechen wir nur noch über diejenigen, die gegen Ideen anschreien, statt solche zu entwickeln.

Auch die etablierten Parteien sollten das beherzigen: Denn CDU und SPD reden bereits seit Beginn der Flüchtlingskrise über kaum etwas anderes, als die "gefährliche AfD", die "menschenverachtenden Rechtspopulisten", die "Partei ohne Lösungen". Und vernachlässigen dabei, den Menschen ihre eigene Überzeugung nahe zu bringen.

Genau das ist doch, was Sie wollen, Herr Höcke. Machen wir uns nichts vor.

(mf)

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