Die Menschen weltweit misstrauen der Elite - "Das System ist kaputt"

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Die Menschen weltweit misstrauen der Elite - "Das System ist kaputt" | Reuters Photographer / Reuters
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Ein bisschen Krise ist ja immer in Demokratien. Weil immer irgendjemand was zu meckern hat.

Aber jetzt? Sind die Demokratien in der Krise. Und das nicht nur ein bisschen. Eigentlich müsste man KRISE schreiben.

Die Kommunikationsberatung Edelman hat eine Umfrage dazu gemacht. Eigentlich müsste man UMFRAGE schreiben.

Gigantischer globaler Vertrauensverlust in alle Institutionen

Denn anders als diverse Erhebungen, die alle paar Tage veröffentlicht werden, hat die Firma für ihren jährlichen "Edelman Trust Barometer" im Herbst mehr als 33.000 Menschen in 28 entwickelten Staaten befragt. Und kommt zum Ergebnis:

So einen Vertrauensverlust in das, was Demokratien bislang zusammenhängt, hat sie noch nicht dokumentiert. Ein riesiger Teil der Bevölkerung misstraut ihrer Regierung, ihren Medien, ihrer Geschäftswelt, ihren Nichtregierungsorganisationen (NGOs).
In 21 von 28 Ländern ist das Vertrauen erodiert. Damit überwiegt das Misstrauen in zwei von drei Ländern. Betroffen waren vor allem Demokratien nach westlichem Muster, darunter auch Deutschland.

Angesichts der niederschmetternden Ergebnisse wirkt es fast wohltuend nüchtern, wenn Firmenchef Richard Edelman sagt: "Die Folgen der globalen Vertrauenskrise sind tief und weitreichend."

Erst das finanzielle Erdbeben, dann die Tsunamis

"Es begann mit der großen Rezession von 2008, aber wie nachfolgende Tsunamis haben haben Globalisierung und technologischer Wandel das Vertrauen der Menschen in globale Institutionen weiter geschwächt." Die Folgen seien Populismus und Nationalismus.

Vertrauen in die Institutionen (Veränderung zu 2016)

  • Regierung: 41 Prozent (minus 1 Punkt)
  • Medien: 43 Prozent (minus 5 Punkte)
  • Geschäftswelt: 52 Prozent (minus 1 Punkt)
  • NGOs: 53 Prozent (minus 2 Punkte)

Die massive Schlappe für die Medien erklärt Edelmann so: "Die Menschen sehen die Medien nun als Teil der Elite." Der verhassten Elite also.

Auf wen die Menschen hoffen

Einzig die Geschäftswelt kann den Befragten nach die Lage noch ändern. Drei von vier Befragten glauben, dass eine Firma die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in ihrer Umgebung verbessern kann. Kathryn Beiser von Edelman geht sogar so weit, die Wirtschaft die "letzte Bastion des Vertrauens" zu nennen.

Die breite Masse vertraut der Elite nicht - und die Elite sich selbst nicht

Spannend ist, dass die Autoren in jedem Land sowohl die breite Masse online befragt haben, als auch besonders gut informierte Menschen, die regelmäßig Nachrichten konsumieren, zum bestverdienenden Viertel gehören und eine höhere Schulbildung haben.

In 20 Ländern misstraut die breite Bevölkerung ihren Institutionen, die Elite immer noch in sechs Ländern.

Vertrauen in die Institutionen nach sozialem Hintergrund (Veränderung zu 2016)

  • Breite Masse: 45 Prozent (minus 3 Punkte)
  • Informierte Bevölkerung: 60 Prozent (keine Veränderung)

Besonders weit geht diese Schere in den USA (21 Punkte), Großbritannien (19 Punkte) und Frankreich (18 Punkte) auseinander.
In den USA hat Donald Trump die Wahl gewonnen, Großbritannien hat für den Brexit gestimmt. Man kann sich ausrechnen, was das für die anstehenden Wahlen in Frankreich bedeutet.

"Das System ist kaputt"

Das Fazit der Autoren ist niederschmetternd: "Das System ist kaputt." Die Menschen glauben demnach, dass das System die Elite ungerecht begünstigt, dass Harte Arbeit nicht belohnt wird, dass man der Führung nicht vertrauen kann, dass es einen starken Reformer braucht. Desillusioniert sind sowohl die gut Informierten als auch die Masse der Bevölkerung.

Die Menschen denken über das System ...

  • dass es gescheitert ist: 53 Prozent
  • dass sie nicht wissen, was sie davon halten sollen: 32 Prozent
  • dass es funktioniert: 15 Prozent

Viele Menschen haben Angst ...

  • wegen der Korruption: 40 Prozent
  • wegen der Einwanderung: 28 Prozent
  • wegen der Globalisierung: 27 Prozent
  • wegen der Innovationsgeschwindigkeit: 22 Prozent

Die Mehrheit aller Menschen sorgt sich, deswegen den Job zu verlieren. Und hält es für angeraten, die heimische Wirtschaft durch Protektionismus zu schützen.

Teufelskreis aus Furcht und Misstrauen

Die Autoren der Studie warnen vor einem Teufelskreis aus Furcht und Misstrauen. Wer dem System nicht vertraue, sei anfälliger für diverse Ängste, das Vertrauen sinke weiter. Populisten nützten und befeuerten das – und die Mediennutzung verstärke den Kreislauf.

Viele Leute ziehen selbst gesuchte Informationen jenen klassischer Medien vor. Das heißt, sie suchen eher Thesen, die sie bestätigen. Und, das zeigt die Umfrage auch, sehr viele ändern ihre einmal gefasste Meinung dann nicht mehr.

Viele Menschen vertrauen noch auf Informationen aus (Veränderung zu 2012) ...

  • Suchmaschinen: 64 Prozent (plus 3 Punkte)
  • traditionelle Medien: 57 (minus 5 Punkte)
  • reine Online-Medien: 51 Prozent (plus 5 Punkte)
  • Unternehmensseiten: 43 Prozent (plus 2 Punkte)
  • Social Media: 41 Prozent (minus 3 Punkte)

Die Studie ist mehr als ein Spiegel von Befindlichkeiten. Sie ist staatenübergreifender HILFESCHREI der Menschen. Und eine vielleicht letzte WARNUNG, die Systeme zu überarbeiten, bevor sie unrettbar zerstört sind.

Denn eine Hoffnung gibt es noch: Obwohl die Menschen insbesondere den Regierungen nicht mehr vertrauen, hoffen sie auf den Schutz durch den Staat. Auf die Gestaltungskraft der Unternehmer vor Ort. Damit lässt sich etwas anfangen.

Es gilt, eine Balance zwischen berechtigtem Misstrauen und nötigen Vertrauen zu finden, damit eine Gesellschaft funktioniert. Der Dichter Wilhelm Busch hat das vor mehr als 100 Jahren auf den Punkt gebracht:

"Wer andern gar zu wenig traut,
Hat Angst an allen Ecken;
Wer gar zu viel auf andre baut,
Erwacht mit Schrecken."

(mf)

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