POLITIK
18/01/2017 05:21 CET | Aktualisiert 18/01/2017 14:41 CET

Nach Mays Brexit-Rede rechnet die deutschsprachige Presse mit dem Schlimmsten

WPA Pool via Getty Images
Die britische Regierungschefin Therese May kündigte gestern einen "harten Brexit" an

  • Die Presse in Deutschland und Österreich sieht Theresa Mays Brexit-Rede kritisch

  • Die Journalisten glauben, dass sie ihre extrem hohen Forderungen an die EU nicht durchsetzen kann

  • Großbritannien werde diese Unverfrorenheit noch büßen müssen

Mit der Ankündigung, ihr Land aus dem europäischen Binnenmarkt zu führen, hat die britische Premierministerin Theresa May im In- und Ausland kontroverse Reaktionen ausgelöst.

Die deutschsprachige Presse sieht nun schwere Zeiten auf Europa zukommen.

Einen besonders pessimistischen Blick in die Zukunft wirft der österreichische "Standard". Die britische Regierungschefin habe mit ihrer Rede "die schlimmsten Erwartungen übertroffen", schreibt das Blatt. Sie habe sich nur an die Hardliner unter den Brexit-Befürwortern gewandt - obwohl es unter den 51,9 Prozent, die vergangenes Jahr für den EU-Austritt gestimmt hatten, viele gegeben habe, die sich einen "weichen Brexit" gewünscht hätten.

"Kleinbritannien in Trümmern"

Der "Standard" sieht Großbritannien nun in eine neue Abhängigkeit von den USA fallen - und rechnet sogar mit dem Auseinanderbrechen des Königreichs: "Am Ende dieses Jahrzehnts wird Großbritannien bestenfalls wieder die gerade erst abgestreifte Rolle als Pudel Amerikas übernehmen dürfen. Schlimmstenfalls liegen dann Wirtschaft und Verfasstheit einer Nation namens Kleinbritannien in Trümmern. Statt den Brexit-Schaden zu begrenzen, richtet die Premierministerin weitere Zerstörungen an. Die Briten haben schwere Jahre vor sich."

Mehr zum Thema: "Fühle mich zunehmend unerwünscht": Eine Deutsche in Großbritannien über die Zeit nach dem Brexit

Auch die deutsche "Frankfurter Allgemeine Zeitung" glaubt nicht daran, dass Großbritannien durch den Brexit gestärkt wird. "Angesichts der politischen Großwetterlage bedarf es großer Glaubensstärke, in der künftigen britischen Solonummer die Erfüllung des nationalen Interesses zu sehen - und nicht die Schwächung beider Seiten."

Die Frankfurter mahnen EU-Bürger und Briten, nun zu kooperieren: "Die EU der 27 und Britannien sollten alles daran setzen, dass die Trennung nicht in einen Rosenkrieg mündet und ein enges, kooperatives Verhältnis in der 'Zeit danach' nicht verbaut wird."

"Dieser Konfrontationskurs kann nicht funktionieren"

Nach Ansicht der "taz" geht May auf "volle Konfrontation": "In ihrer Grundsatzrede zum Brexit war zwar öfters das Wort 'Kompromiss' eingeflochten - aber das war nur Dekoration", schreiben die Berliner.

"In Wahrheit stellte May Maximalforderungen an die Europäische Union. Der Dreiklang heißt: keine Freizügigkeit, keine Anerkennung des Europäischen Gerichtshofs, keine Nettozahlungen. Ende der Durchsage."

Dabei sei sie sich nicht zu schade gewesen, die britischen Nuklearwaffen und den ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu erwähnen, um die EU zur Übernahme der britischen Forderungen zu überreden.

Doch damit wird sie nach Ansicht der "taz" nicht weit kommen: "Dieser Konfrontationskurs kann nicht funktionieren. May stellt die Verhandlungslage völlig falsch dar: Die Briten müssen sich bewegen, nicht die Europäer, wenn es zu einem Kompromiss kommen soll."

"Die Briten haben unter dieser Führung schwere Jahre vor sich"

Auch "Die Welt" glaubt, dass die Verhandlungen nicht im Sinne Großbritanniens verlaufen werden: "Was am Ende dabei herauskommt, wird den Bluthunden der britischen Boulevardpresse - hoffentlich - viel weniger gefallen als Mays allererster Zug."

Die Journalisten raten zu Pragmatismus: "Die Beteiligten müssen sich der historischen Verantwortung bewusst sein, die auf ihnen lastet. Sie müssen sich bewusst sein, dass es bei den Verhandlungen mit Großbritannien nicht darum geht, Pluspunkte zu machen, und zu beweisen, wer der Stärkste ist. Sondern es geht um den Erhalt von Wohlstand und Frieden in Europa. Und zwar in ganz Europa - auch in Großbritannien. Wenn das nicht gelingt, droht das gesamte europäische Projekt unterzugehen. "

Nach Ansicht des "Kölner Stadt-Anzeigers" redet May den Populisten nach dem Mund. "Sie argumentiert wie die EU-feindliche Ukip: Außerhalb der EU könne das Land nicht Teil des Binnenmarktes bleiben. Diese Behauptung bleibt trotz ständiger Wiederholung falsch."

"May richtet mutwillig weitere Zerstörungen an"

London wolle in der Zollunion bleiben, sich aber an gemeinsamen Außenzöllen nicht beteiligen, weil es mit Ländern in Übersee eigene Handelsabkommen abschließen will.

"Statt den Brexit-Schaden einigermaßen zu begrenzen, richtet die Premierministerin mutwillig weitere Zerstörungen an. Die Briten haben unter dieser Führung schwere Jahre vor sich", urteilen die Kölner.

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(sk)

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