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12/01/2017 13:36 CET | Aktualisiert 12/01/2017 13:37 CET

Sie sind die "letzten freien Menschen der Erde" - jetzt könnte Tschernobyl ihre Kultur zerstören

Amos Chapple/Radio Free Europe
Die Samen in Norwegen leiden unter der Verstrahlung ihrer Rentiere - sie bedroht die Existenz des Stammes

Selbst wer am 26. April 1986 noch nicht geboren war, weiß, was an diesem Tag in der ukrainischen Stadt Tschernobyl geschehen ist.

Die Explosion in einem der Reaktoren des dortigen Atomkraftwerkes bescherte uns die schlimmste Nuklear-Katastrophe der Menschheitsgeschichte.

Wer jetzt denkt, die Geschichte sei nach dreißig Jahren ausgestanden, irrt gewaltig. Überall in Europa leiden Menschen und Tiere noch immer an den Folgen.

Der Stamm der Samen in Norwegen sieht seine Traditionen bedroht

Darunter auch das indigene Volk der Samen im Norden Skandinaviens. Die Samen leben traditionell von der Zucht und dem Verkauf von Rentieren.

Durch die Katastrophe von Tschernobyl wurden die Pflanzen in ihrem Lebensraum stark verstrahlt. Die Folgen erschweren noch heute die Aufzucht der Rentiere und damit die Lebensgrundlage der Samen.

Auch auf HuffPost: In Tschernobyl könnte bald eine der größten Solaranlagen der Welt entstehen

rentier herde

Eine Rentier-Herde in Norwegen

Die beiden Fotografen Amos Chapple und Wojtek Grojec besuchten das Volk der Samen und hielten deren Leben in der Arktis mit den Rentieren in beeindruckenden Bildern fest.

Ihre Fotostrecke zeigt nicht nur die Schönheit der Natur Norwegens, sondern dokumentiert auch die Probleme der Samen bei ihrer traditionellen Aufzucht von Rentieren.

norwegen landschaft

Trotz über 2.000 Kilometer Entfernung leidet Norwegen unter der Strahlung Tschernobyls

Die Rentiere fressen täglich verseuchte Pflanzen

Nach der Explosion in Tschernobyl breitete sich eine radioaktive Wolke über ganz Europa aus. Jeder Regenschauer und jeder Schneefall verteilte radioaktiven Staub auf der Erde. Besonders viele Niederschläge verzeichnete Norwegen im Frühjahr 1986. Über 700 Gramm des radioaktiven Stoffes Cäsium fielen auf den Boden des Landes.

Die dort wachsenden Flechten sogen die Strahlung auf wie ein Schwamm. Das Problem: Vor allem im Winter ernähren Rentiere sich fast ausschließlich von Flechten - und fressen die verstrahlten Pflanzen.

fressendes rentier

Die Rentiere fressen täglich stark verstrahlte Flechten

Kjell Joran Jama lebt im norwegischen Dorf Snasa und kümmert sich seit Jahren um mehrere Rentierherden der Samen. Über das Leben seines Volkes sagte er den Fotografen: "Wir sind die letzten freien Menschen der Erde. Wenn ich in die Berge gehen will, gehe ich. Wenn ich zuhause bleiben will, mache ich das."

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Kjell Joran Jama kümmert sich um die Rentierherden des Dorfes Snasa in Norwegen

Aufwändige Tests sind für die Rentier-Züchtung notwendig

Etwa drei Mal pro Jahr treiben Kjell und seine Kollegen ihre Herden in einer engen Koppel zusammen - dann wird jedes einzelne Tier auf Strahlung getestet.

Fotograf Chapple begleitete die Samen bei einem Strahlungstest mit seiner Kamera und zeigte, wie viel Arbeit es macht, jedes der Tiere einzeln zu untersuchen.

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Jedes einzelne Tier wird regelmäßig auf Strahlung getestet - eine Menge Arbeit für die Hüter

Kjell erinnert sich noch gut an den Tag der Tschernobyl-Katastrophe und wird auch heute noch jeden Tag damit konfrontiert. Denn nicht selten kommt es vor, dass seine Rentiere wegen zu hoher Strahlenbelastung nicht geschlachtet und verkauft werden können.

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Nicht alle Tiere können die Samen später verkaufen

In Norwegen liegt die Grenze für Strahlenbelastung bei Lebensmitteln bei 3.000 Becquerel pro Kilogramm, in der EU dürfen es dagegen nur 600 Becquerel sein. Ein Zugeständnis der norwegischen Regierung an die Samen, um deren Existenz zu stützen.

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Maximal 3.000 Becquerel Strahlung dürfen die Rentiere in sich tragen

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Spezielle Geräte sind notwendig, um die Tiere zu untersuchen

Keine Schlachtung - kein Geld - keine Zukunft

Und auch Kjell erzählt: "Wir haben nichts anderes zum Leben. Wenn sich die Rentiere nicht verkaufen, sind wir uns selbst überlassen." Ab wann die Tests nicht mehr nötig sein werden, weiß niemand. Der 67-jährige Kjell ist sich jedoch sicher, dass er den Rest seines Lebens im Schatten der Ereignisse von Tschernobyl verbringen wird.

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Diese Bilder wurden in uns in freundlicher Zusammenarbeit mit Fotograf Amos Chapple zur Verfügung gestellt. Mehr Bilder der Fotostrecke aus Norwegen seht ihr bei Radio Free Europe.

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(lm)

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