CDU-Politiker Kaufmann kritisiert Blockadehaltung seiner Partei bei Ehe für alle: "Treffen nicht mehr den Zeitgeist" (EXKLUSIV)

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STEFAN KAUFMANN
Stefan Kaufmann von der CDU | ullstein bild via Getty Images
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Die große Mehrheit der Deutschen findet, dass Lesben, Schwule und Bisexuelle weiter diskriminiert werden, und fordern ihre komplette rechtliche Gleichstellung.

Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Nach den am Donnerstag veröffentlichten Ergebnissen stimmen 83 Prozent der Aussage zu, Ehen zwischen zwei Frauen oder zwei Männern sollten erlaubt sein.

"CDU trifft nicht ganz den Zeitgeist"

"Das zeigt, dass das Thema in der Gesellschaft vollends angekommen ist", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann im Gespräch mit der Huffington Post. Gleichzeitig kritisierte er die Blockadehaltung seiner Partei bei dem Thema. "Die Umfrage zeigt einmal mehr, dass die CDU bei dem Thema nicht mehr ganz den Zeitgeist trifft."

Es gebe viele Homosexuelle aus dem bürgerlichen und konservativen Lager, die von der CDU bei dem Thema ernstgenommen werden wollen. "Mit unserer Blockadehaltung verbrennen wir uns diese Wähler. Das ist schade, denn eigentlich ist die Ehe für alle eine Chance für unsere Partei", sagte Kaufmann.

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Auch Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, kritisierte die Bundesregierung.

"Die Zustimmung zur Gleichstellung bei der Ehe war noch nie höher – das zeigt, dass die Gesellschaft hier viel weiter ist als die Politik", sagte sie in Berlin. Lüders kritisierte, dass es in Deutschland anders als in 14 Staaten Europas noch immer keine "Ehe für alle" gebe.

CDU-Politiker Kaufmann rechnet damit, dass sich das noch in diesem Jahr ändern könnte.

„Wenn nicht in dieser Legislatur, dann nach der Bundestagswahl mit einem neuen Koalitionsvertrag, in dem das Thema eine zentrale Bedingung sein wird", sagte Kaufmann der Huffington Post - auch, wenn man möglicherweise auf die Durchsetzungsfähigkeit des Koalitionspartners angewiesen sei. Denn in der Union ist das Thema extrem umstritten.

"Toleranz ist für manche immer noch nur Fassade"

Und auch in der Bevölkerung ist das Thema immer noch vielen unangenehm.

So bezeichneten es 38 Prozent der Befragten als unangenehm, wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen. Etwa 18 Prozent halten Homosexualität für "unnatürlich". Wenn der eigene Sohn schwul oder die eigene Tochter lesbisch wäre, fänden dies sogar rund 40 Prozent unangenehm.

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"Das irritiert mich doch sehr", sagte CDU-Politiker Kaufmann. Die Umfrage zeige auch, dass für manche "Toleranz immer noch nur eine Fassade ist. Wenn es ums Eingemachte geht, also die eigene Lebenswirklichkeit oder die eigene Familie, ist das Thema immer noch für viele vorurteilsbeladen."

Er könne das aber auch nachvollziehen: "Diese Menschen wünschen sich vielleicht eigene Enkel oder fürchten, dass ihre Söhne Nachteile haben", sagte Kaufmann.

Die Umfrage ist der Auftakt für das von der Antidiskriminierungsstelle ausgerufenen Themenjahrs für sexuelle Vielfalt unter dem Titel "Gleiches Recht für jede Liebe".

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(ben)