Der Air Berlin-Boykott zeigt, wie absurd die politische Debatte in Deutschland geworden ist

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Der Airberlin-Boykott zeigt, wie absurd die politische Debatte in Deutschland geworden ist | Fabrizio Bensch / Reuters
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Die politische Diskussion in Deutschland nimmt immer mehr an Schärfe zu - und sie nimmt aktuell abstruse Züge an.

Jüngstes Zeichen dafür: Die Boykott-Aufrufe gegen Unternehmen und Nachrichtenseiten in den vergangenen Wochen. Das neueste Opfer: Die Fluglinie Air Berlin.

Auf Twitter trendet derzeit der Hashtag "Boykott Airberlin". Aufgerufen zum Boykott hatten vor einigen Wochen ursprünglich Linke, denn die Airline fliegt auch abgelehnte Asylbewerber in ihre laut Bundesregierung sicheren Herkunftsländer zurück.

Boykottieren als Modeerscheinung

Jetzt steigen auch Rechte ein und wollen ihrerseits die Fluglinie boykottieren. Weil sie angeblich in dem rechten Wochenblatt "Junge Freiheit" nicht mehr werben will.

Politische Gegner diskutieren aktuell nicht mehr miteinander, sondern greifen zum einfachsten - und auch dümmsten Mittel - dem Boykott. Man muss gar nicht erst historische Parallelen bemühen, um zu zeigen, wie problematisch diese öffentlichen Hetzkampagnen sind.

Der Boykott-Aufruf gegen die Fluglinien ist derzeit nur einer von vielen: Ob User Unternehmen dazu aufrufen, auf bestimmten Webseiten nicht mehr zu werben (wie im Fall rechter News-Seiten), ob man ein Berufsnetzwerk (Xing) kündigt, weil der Herausgeber der Nachrichtensparte nebenbei auch noch eine konservative Meinungsplattform betreibt, oder ob man bei einer Fluglinie nicht mehr bucht, weil sie abgelehnte Asylbewerber aus dem Land befördert.

Anfang der Woche löste zudem ein Fake-Account der Supermarktkette Kaiser's Tengelmann im Netz Aufregung aus, weil der Markt angeblich das konservative Magazin "Tichys Einblick" boykottierte.

Politischer Kindergarten

Ihr blickt da nicht mehr durch? Kein Wunder. Was hier in den sozialen Netzwerken passiert, ist Kindergarten.

Um zu verstehen, wie die Boykott-Aufrufe funktionieren, lohnt ein kurzer Blick auf die Causa Air Berlin:

Schritt 1: Die SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken macht die Fluggesellschaft Air Berlin darauf aufmerksam, dass ihre Werbung auch auf dem rechten US-Nachrichtenportal “Breitbart-News” ausgespielt wird.

Ursprung von Eskens Tweet ist die Aktion des deutschen Werbers Gerhard Hensel. Der hatte im Dezember die Twitter-Kampagne “Kein Geld für Rechts” gestartet und Nutzer aufgerufen, Unternehmen darauf aufmerksam zu machen, wenn ihre Werbung auf rechten Webseiten ausgespielt wird.

Dem ist jetzt auch Esken nachgekommen.

Schritt 2: Air Berlin reagiert prompt und setzt “Breitbart” auf eine Blacklist. Das heißt, es wird keine Werbung von der Fluglinie mehr auf die Seite kommen.

An der “Kein Geld für Rechts”-Aktion störten sich schon viele Rechte oder Konservative.

Schritt 3: Jetzt boykottieren die Rechten zurück. So ruft auch der User “Demokratie” zum Boykott gegen Air Berlin auf, weil die ja wiederum “Breitbart” boykottieren.

Boykott und Gegenboykott.

Ist politisch dadurch irgendeine Frage gelöst worden, die die Menschen in Deutschland umtreibt?

Nein, natürlich nicht.

Vielmehr zeigt der Boykottwahn in den sozialen Netzwerken: Rechte, Alternative und Linke verlieren sich derzeit in ihren Privatkriegen - und büßen dadurch den Anschluss an die Realität ein. Dumm nur: AfD und Linke kommen derzeit in Deutschland auf ein Wähler- und Sympathisanten-Potenzial von einem Drittel der Wähler.

Das verheißt nichts gutes für das Wahljahr 2017. Vielleicht kommt demnächst sogar noch der Wahlboykott.

Mehr zum Thema: AfD-Mitglieder wollen Medien boykottieren – dürfen aber nicht

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