Bundesverband Deutscher Milchviehhalter warnt: "Ein Viertel aller Milchbauern kämpft um seine Existenz"

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Bundesverband Deutscher Milchbauern warnt: "Ein Viertel aller Milchbauern kämpfen um ihre Existenz" | Fabrizio Bensch / Reuters
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  • Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter geht davon aus, dass ein Viertel der Milchbauern um seine Existenz kämpft
  • 2016 fiel der Milchpreis in manchen Regionen teilweise unter 20 Cent pro Liter
  • Eine schnelle Erholung des Milchmarkts ist laut BDM nicht in Sicht

Angespannt und dramatisch: So lässt sich das Jahr 2016 für die Milchbauern zusammenfassen. Die Milchpreise befanden sich wieder einmal im Sturzflug.

Zahlen des Statistischen Bundesamts vom Dezember zeigen, wie schlecht es um die Milchbauern steht: 4000 Betriebe mit Milchkühen mussten zwischen November 2015 und November 2016 aufhören. Mit 5,6 Prozent verzeichnen die Milchbauern damit den größten Rückgang an Betrieben im Vergleich zu anderen Viehhaltungen.

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) geht gegenüber der Huffington Post davon aus, dass sich die Situation der Bauern in diesem Jahr nicht merklich verbessern wird.

Milchbauern können sich nicht erholen

Die Milchpreise steigen mittlerweile zwar langsam. Der Milchindustrieverband erwartet für 2017 durchschnittlich einen Preis von 32 Cent pro Liter, im vergangenen Jahr lag der Preis in manchen Regionen bei unter 20 Cent.

32 Cent pro Liter würden aber nicht ausreichen, damit sich die Milchbauern erholen können, sagt der Sprecher des BDM, Hans Foldenauer.

Sollten die Bauern in der Krise Darlehen aufgenommen haben, sei das nicht genug, um Tilgungsraten zurückzahlen zu können. "Eine entsprechende Arbeitsentlohnung, geschweige denn Rücklagenbildung ist ebenfalls nicht möglich", sagt Foldenauer der Huffington Post.

17.000 Betriebe kämpfen ums Überleben

Er schätzt, dass mindestens ein Viertel der Milchbauern derzeit um seine Existenz kämpft – das wären nach den aktuellen Zahlen über 17.000 Milchvieh-Betriebe.

"Das sind vor allem Betriebe, die investiert haben, damit aber nicht aufhören können, sondern ihr Eigentum an einen Investor, eine Bank oder eine Molkerei übergeben müssen", sagt Foldenauer.

Es ist ein stiller Kampf. Nach außen hin werde gar nichts sichtbar. Der Betrieb der Milchbauern existiere normal weiter, allerdings entscheide der Bauer nicht mehr selbst, sondern sei abhängig beschäftigt, sagt Foldenauer.

Auch für dieses Jahr rechnet er mit einem Rückgang von über fünf Prozent bei Milchvieh-Betrieben: "Immer mehr Milchviehhalter resignieren und wollen die Milchkuh-Haltung wegen Schadensbegrenzung aufgeben."

Um den Trend zu stoppen, müsste eine wesentlich schnellere Markterholung einsetzen. Außerdem seien laut Foldenauer politische Weichenstellungen notwendig, die zeigen, dass die Politik solchen Krisen ernsthaft entgegen treten will.

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Darum stürzten die Preise ab

Ein Grund für den Preisverfall der Milch war, dass die EU 2015 die Milchquote abschaffte. Seit dem konnte jeder Milchbauer so viel Milch produzieren, wie er will.

Als die Nachfrage aus China einbrach und Russland wegen der Konfrontation in der Ukraine-Krise alle Importe von Milchprodukten aus der EU blockierte, kam zu viel Milch auf den europäischen Markt. Das Überangebot drückte die Preise.

Schwankungen der Milchpreise sind nicht neu. Schon 2009 sackten sie teils unter 22 Cent pro Liter für die Bauern, stiegen 2013 aber zeitweise wieder auf mehr als 40 Cent.

Was muss sich ändern?

Eine Lösung, um solche Krisen in Zukunft zu verhindern, wäre dass Angebot an Milch zu reduzieren.

Einen ersten Ansatz in diese Richtung gibt es bereits. Seit September 2016 können Milchbauern EU-Gelder beantragen, wenn sie im Gegenzug ihre Produktion drosseln. Laut der Bundesregierung haben in Deutschland bisher 11.000 Bauern diese Hilfe in Anspruch genommen.

Es war ein Schritt in die richtige Richtung. Laut Kirsten Wosnitza reiche das aber noch nicht aus. Sie ist Milchbäuerin und Sprecherin des Landesteams Schleswig-Holstein des BDM.

Sie sagt: "Was wir konkret brauchen, ist ein Instrument, das uns auf anbahnende Krisen vorbereitet - oder besser noch: sie verhindert. Das verhindert, dass ein gesättigter Markt in Europa mit noch mehr Milch geflutet wird."

Auch Foldenauer bezweifelt, dass sich der Milchmarkt schnell erholen werde. Er glaubt, dass Milchbauern mehr Milch liefern, um ihre Verlust auszugleichen. Damit tun sie genau das, was die Milchkrise ausgelöst hatte. Auch die sehr hohen Lagerbestände sprächen gegen eine weitere Erholung des Milchmarktes.

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