Viele Eltern haben Angst, ihr Baby zu verwöhnen - und machen damit einen großen Fehler

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MOTHER BABY WORRY
Stressed mother and her baby. | SolStock via Getty Images
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Es gibt einen Mythos, der sich über Jahrzehnte hinweg gehalten hat und der Eltern bis heute das Leben schwer macht. Interessanterweise existiert er nur in westlichen Gesellschaften.

Viele Eltern glauben - oder lassen sich von Freunden und Verwandten einreden -, dass sie ihre Babys verziehen, wenn sie sich zu viel um sie kümmern.

Wer seinem Bedürfnis oder gar Instinkt nachgeht, sein Baby jedes Mal hochzunehmen, wenn es weint, oder es stundenlang herumträgt, hat mitunter ein schlechtes Gewissen.

Genau das ist jedoch ein riesiger Fehler, wie verschiedene Studien zeigen.

Babys, die viel Nähe bekommen, entwickeln sich besser

Die Wissenschaft hat eine ganz eindeutige Antwort auf die Frage, ob Eltern ihre Babys mit zu viel Hingabe verwöhnen können und beendet damit eine uralte Debatte:

Eltern, die viel Körperkontakt mit ihren Babys haben und stark auf ihre Bedürfnisse eingehen, fördern eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung.

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Erst vor wenigen Wochen erschien eine neue Studie in der Fachzeitschrift “Pediatrics”, bei der die Wirkung von Hautkontakt auf frühgeborene Babys untersucht wurde.

Die Wissenschaftler bewerteten nicht nur die kurzfristigen Effekte, sondern untersuchten auch, wie sich der enge Kontakt zu den Eltern oder anderen Bezugspersonen 20 Jahre später auf die Entwicklung der Frühchen ausgewirkt hatte.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Diejenigen, die als Babys mit Nähe “verwöhnt” wurden, hatten als Erwachsene höhere IQs, größere Flächen von grauer Masse im Gehirn und sogar ein höheres Einkommen als diejenigen, die weniger herumgetragen wurden.

Babys, die viel herumgetragen werden, weinen weniger

Zwar handelt es sich hierbei um eine Studie über Frühchen - doch Untersuchungen von voll ausgetragenen Kindern kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Insbesondere in den ersten zwei bis drei Lebensmonaten wirkt sich der enge Kontakt zu den Eltern überaus positiv auf die Entwicklung von Kindern aus.

Eine Studie aus dem Jahr 2012 zeigte, dass Babys mit viel Körperkontakt weniger weinen und eine stabilere Atmung und Herzfrequenz haben.

Auch voll ausgetragene Babys brauchen in den ersten Lebensmonaten extrem viel Nähe, da alle menschlichen Babys aus Sicht der Evolution physiologische Frühgeburten sind.

“Die Babys müssen nachreifen”

Sie müssten eigentlich noch drei bis sechs Monate im Mutterleib bleiben - das geht aber nicht, weil ihr Kopf dann zu groß werden würde, als dass sie auf natürlichem Weg zur Welt kommen könnten.

“Sie sind noch nicht fertig, sie müssen nachreifen”, sagte Nicola Schmidt, Journalistin und Fachautorin für Erziehung und Familie, der Huffington Post.

“Mindestens in dieser Zeit müssen wir den Kindern also alles geben, was sie brauchen und eigentlich noch viel länger, damit sie zu ihrem eigentlichen Reifestadium kommen können.”

Nähe ist für eine gesunde Hirnentwicklung unerlässlich

Die Nähe trägt nicht nur entscheidend zur emotionalen Entwicklung des Kindes und zur Beziehungsbildung zwischen Eltern und Kind bei - auch für die Entwicklung des Gehirns ist sie von großer Bedeutung.

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In einem Artikel für das Fachjournal “Newborn and Infant Nursing Reviews” erklärt die Ärztin Raylene Phillips, dass die Gehirne von Babys in den ersten Lebenswochen noch nicht vollständig geformt sind, weshalb die Art der Zuwendung, die sie in dieser Zeit bekommen, sich so entscheidend auf ihre Gehirnentwicklung auswirkt:

“Die Amygdala ist in den ersten zwei Monaten nach der Geburt in ihrer kritischen Entwicklungsphase”, schreibt Phillips.

“Die Amygdala befindet sich tief im Zentrum des Gehirns und gehört zum limbischen System, das am emotionalen Lernen, dem Formen von Erinnerungen und der Aktivierung des sympathischen Nervensystems beteiligt ist. Hautkontakt aktiviert die Amygdala und trägt zur Reifung dieser wichtigen Hirnstruktur bei.”

Babys sollten unbedingt in der Nähe der Eltern schlafen

Erziehungsexpertin Schmidt empfiehlt Eltern sogar, mit ihren Kindern im Familienbett zu schlafen. Dort werden Babys Untersuchungen zufolge häufiger gestillt, als wenn sie in ihren eigenen Betten schlafen.

“Ich sag immer, nehmt die Kinder mit ins Bett, ihr spart euch hinterher den Nachhilfeunterricht. Denn Kinder, die häufig und lange gestillt werden, haben nach aktueller Studienlage einen bis zu zehn Punkte höheren IQ. Wir wissen nicht genau warum, aber es ist so”, sagte Schmidt der HuffPost.

Mehr zum Thema: Was mit Kindern passiert, die nicht alleine schlafen lernen

Zu wenig Hingabe richtet langfristig Schaden an

Zudem deuten weitere wissenschaftliche Untersuchungen darauf hin, dass Babys, denen Nähe und Hingabe verweigert werden, extrem darunter leiden.

Eltern, die ihre Babys schreien lassen, um sie nicht zu verwöhnen oder weil sie glauben, dass sie auf diese Weise lernen, alleine einzuschlafen, können damit erheblichen Schaden anrichten.

Babys, die zum Beispiel ein Schlaftraining durchmachen müssen, stehen häufig die ganze Nacht unter Stress.

Schlaftraining ist für Babys eine Qual

“Es ist anzunehmen, dass diese Anspannung die Kinder auch mit in den Schlaf begleitet, schließlich nehmen sie ja gerade auf der ersten Strecke des Schlafes die Welt noch mit einem halben Auge wahr”, schreiben Kinderarzt Herbert Renz-Polster und Nora Imlau in ihrem Buch “Schlaf gut, Baby!”.

“Messungen des Stresshormons Cortisol deuten tatsächlich daraufhin, dass Babys, die sich in den Schlaf schreien müssen, auch während der weiteren Nacht ‘unter Strom’ stehen.”

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Auf lange Sicht kann das zu psychischen Problemen führen, die bis ins Erwachsenenalter zum Tragen kommen können. Dazu gehören Schlafstörungen, Angststörungen, Abhängigkeiten und Depressionen.

Man kann Babys schlichtweg nicht verwöhnen

Aus Sicht von Experten ist die Angst, ein Baby durch zu viel Hingabe zu verwöhnen, ohnehin unbegründet.

“Kinder unter zwei Jahren kann man nicht verwöhnen, denn zu viel Liebe gibt es nicht”, sagte Nicola Schmidt der Huffington Post.

Auch Kinderarzt Renz-Polster ist dieser Ansicht. Er zieht dazu einen spannenden Vergleich heran:

“In [Afrika und Asien] werden die kleinen Menschlein gestillt, sobald sie einen Mucks machen. Wenn sie weinen, ist immer gleich jemand zur Stelle. Sie schlafen nachts an der Seite ihrer Mutter. Und getragen werden sie so ziemlich die ganze Zeit. Das volle Verwöhn-Programm! Und doch fehlt von verwöhnten Kindern jede Spur, im Gegenteil: die Kinder sind relativ früh selbstständig, übernehmen als Jugendliche Aufgaben für die Familie und kommen mit dem Leben gut klar.”

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(lm)

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