Kölner Psychologe Grünewald: "Deutschland muss sich leider daran gewöhnen, dass es noch mehr Anschläge geben könnte"

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  • Der Kölner Psychologe Stephan Grünewald nennt den Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt einen "Anschlag auf unser Geborgenheitsparadies"
  • Deutschland müsse sich daran gewöhnen, dass es noch weiter Anschläge geben könnte
  • Dafür "müssen sie ein ganz neues Selbstverständnis entwickeln"

Auch, wenn die Hintergründe noch nicht geklärt sind: Die Deutschen reagieren fassungslos auf den Anschlag auf einem Berliner Weihnachtsmarkt.

Viele sind betroffen. Manche fürchten, dass sich das Land spalten könnte. Und wieder andere lassen ihrer Wut freie Bahn - gegen die Regierung, gegen Flüchtlinge.

Was macht so ein Anschlag mit einem Land, das lange Zeit von großen Anschlägen verschont blieb? "Der Anschlag trifft uns an einem empfindlichen Nerv", sagt der Psychologe Stephan Grünewald, Chef des Forschungsinstituts Rheingold, der Huffington Post. Grünewald hat in den vergangenen Jahren tausende Deutsche in Tiefeninterviews befragt und seine Erkenntnisse in mehreren Büchern veröffentlicht.

Deutschland wollte das Jahresende friedlich begehen und sich über Weihnachten besinnen, sagt Grünewald, zudem sei der Weihnachtsmarkt ein Ort der Fröhlichkeit. "Insofern war es ein Anschlag auf unser Geborgenheitsparadies, der uns zutiefst erschüttert und unser Land in totale Ohnmacht stürzt", sagt der Kölner.

Das ist gefährlich: „Einige in diesem Land versuchen, Trauer und Ohnmacht in Wut zu verwandeln". Sie definierten sehr schnell einen Schuldigen, etwa die Flüchtlingspolitik oder die Flüchtlinge selbst. Das gebe ihnen das Gefühl der Handlungsfähigkeit.

"Unser Signal sollte es sein, dass wir uns die Art unsere Lebens nicht kaputtmachen lassen"

"Sie wollen unser Land in eine Rolle Rückwärts stoßen und sehnen eine abgeschottete Welt herbei, wie es sie etwa in der guten alten BRD gab", sagt Grünewald. "Das ist aber eine Illusion."

Die Globalisierung lasse sich nicht zurückdrehen. "Wo es das Geschwür des Terrors gibt, werden wir es auch so schnell nicht los", sagt er. "Deutschland muss sich leider daran gewöhnen, dass es noch mehr Anschläge geben könnte."

Dennoch sollten die Deutschen nicht fatalistisch sein, sondern ein ganz neues Selbstverständnis dafür entwickeln, "wer wir sind und wie wir leben wollen.“

Die Gesellschaft müsse mit Stolz hochhalten, "was uns stark macht." Das sei die Gemeinschaft, Freiheit, Lebensfreude und Offenheit. "Unser Signal sollte sein, dass wir uns die Art unseres Lebens nicht kaputtmachen lassen"; sagt Grünewald.

Das allein reicht aber noch nicht. Damit Deutschland "nicht in Panik verfällt, müssen die Bürger in der Öffentlichkeit das Gefühl der Sicherheit bekommen", sagt er. Außerdem müssten Politiker nun besonnen reagieren. "Aktivismus ist jetzt gefährlich."

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