Wir haben die Menschen in Deutschlands reichstem und ärmstem Ort nach ihrer Zukunft gefragt - das waren die Antworten

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An Starnberg im Süden Münchens und Lehe, einem Stadtviertel im Westen von Bremerhaven, zeigt sich eine besorgniserregende Entwicklung: Seit Jahren wird die Schere zwischen arm und reich in Deutschland größer.

Während Starnberg der Ort mit der höchsten Millionärsdichte ist – auf 10.000 Einwohner kommen hier mehr als 12 Millionäre – gilt Bremerhaven-Lehe als "ärmstes Viertel Deutschlands". Mehr als ein Drittel der erwerbsfähigen Menschen leben hier von Hartz IV, mehr als die Hälfte der Kinder kommt aus einer Hartz-IV-Familie.

Was bewegt die Menschen in wohlhabenden und in abgehängten Gegenden Deutschlands? Sprechen die Menschen an Orten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, überhaupt noch die selbe Sprache? Was erwarten sie von ihrer Zukunft?

Die Antworten seht ihr auch oben im Video.

Deutschlands reichster Ort: Starnberg

Mit der Zukunft ist es in Starnberg so eine Sache. Mehr als jeder vierte hier ist 65 oder älter, das mittlere Alter liegt weit über dem Landesdurchschnitt.

Es ist ein ruhiger Ort, ein bisschen gestrig wirkt er schon. "Ich mache mir keine Sorgen, weil ich in Gott geerdet bin", erzählt mir eine Frau. Eine andere ältere Dame sagt: "In Gott zu vertrauen ist doch das einzige, worauf man sich verlassen kann."

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"Gott wird sich schon um mich sorgen"

Bei einem Thema werden viele Starnberger aber tatsächlich nachdenklich: Politik. Ein älterer Mann hat Angst vor den "Rechtsradikalen, den Fanatikern", ein anderer poltert: "Alle Politiker kannste in der Pfeife rauchen." Die Lage der Welt sei eine "reine Katastrophe". Die Hauptschuldige: Angela Merkel.

Eine Dänin, die hier im Süden Münchens lebt, beteuert, eigentlich habe sie keine Angst. Eher plage sie die Sorge, dass die Leute zu viel Angst hätten. Die Politiker würden das nicht erkennen und zu sehr gegeneinander arbeiten, die Probleme nicht ernst nehmen.

"Die Weltpolitik macht mir schon Sorgen"

Angst vor Armut und sozialem Abstieg haben die meisten Menschen in Starnberg dagegen nicht. Zumindest nicht die, die sich bereit erklären vor der Kamera zu treten.

Ich frage einen Obdachlosen, der in der Nähe des Bahnhofs sitzt, nach seinem Blick auf die Zukunft.

Er schaut mich entgeistert an. "Das ist doch Schmarrn", sagt er und wischt mit seiner Handfläche vor den Augen her, um zu signalisieren, wie bescheuert er meine Frage findet.

Die Zukunft ist keine Größe, in der jemand denkt, dessen größte Sorge es ist, die nächste Nacht zu überstehen.

Da wirken die Worte einer anderen Starnbergerin fast zynisch. Sie sagt: "Ich wünschte, wir würden uns wieder mehr auf die inneren Werte besinnen. Die schönsten Dinge kann man nicht kaufen."

Keine 200 Meter weiter kniet eine Frau auf dem Boden und bettelt nach Geld. Die soziale Spaltung, die in Deutschland herrscht, ist im Kleinen auch an seinem reichsten Fleck zu beobachten.

Auf die Frage, was die Bettlerin von der Zukunft erwartet, blockt sie ab: "No, Romania". Der Pappbecher, den sie bittend in beiden Händen hält, ist leer.

Deutschlands ärmster Ort: Bremerhaven-Lehe

Keine acht Stunden vorher bin ich in Bremerhaven-Lehe. Der Stadtteil gilt als sozialer Brennpunkt, mehr als ein Drittel der Menschen konnten hier im vergangenen Jahr ihre Schulden nicht zahlen. Die Diebstahlrate ist hoch, allein im kleinen Teilbezirk Goethestraße wurde im vergangenen Jahr 57 Mal eingebrochen.

Viele Menschen haben Angst. Mehrere Frauen erzählen mit, sie wären besorgt, dass die Gewalt auf der Straße in Zukunft noch schlimmer werde.

Andere plagt vor allem die Angst vor dem sozialen Abstieg. "Die Arbeitsverhältnisse", antwortet eine Frau auf die Frage nach ihrer größten Sorge in der Zukunft. Ein junger Mann sagt: "Ich habe Zukunftsangst. Die Angst, dass man keinen Job findet."

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"Ich mache mir große Sorgen um meine Rente"

Die Arbeitslosigkeit im Bremerhavener Problemviertel liegt bei 38 Prozent. Zum Vergleich: Deutschlandweit beträgt die Quote unter 6 Prozent. Eine 62-jährige Frau erzählt mir, sie mache gerade ein Praktikum. Ohnehin hätte sie in den vergangenen Jahren immer nur befristete Jobs bekommen. Um ihre Rente macht sie sich große Sorgen.

Ich treffe einen jungen Mann im Eingangsbereich einer Bank. Er ist offensichtlich wütend. Seine größte Sorge: der Kapitalismus. "Ich hoffe dass er endlich abgeschafft wird", sagte er und geht schnell weiter.

Nicht nur er hegt Misstrauen in das System. Ein Kioskbesitzer erzählt mir, wie schwer es die Menschen in seinem Viertel haben. Drei Jobs hätten viele seiner Kunden, um über die Runden zu kommen. Vor allem die Älteren. "Das ist doch grausam", stöhnt er, und schiebt hinterher: "Die jungen fahren im dicken BMW vom Amt. Das verstehe ich nicht."

Das Problem mit der Arbeitslosigkeit sei "gewaltig".

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"Die Menschen in Bremerhaven haben Zukunftsangst"

Doch auch in Bremerhaven gibt es Menschen, die Hoffnung haben – und Hoffnung spenden. Die "Zeitschrift der Straße" etwa. Sie kümmert sich in Bremerhaven und Bremen um die zahlreichen Obdachlosen. Die Zeitschrift sammelt Geld für soziale Projekte, versucht Menschen von der Straße wieder ins Arbeitsleben zu integrieren.

Vor einer Kirche treffe eine alte Frau: Sie sagt, sie mache sich weniger Sorgen als andere. Woran das liege, will ich wissen.

Die Frau lächelt: "Wir haben ja schon so einiges bewältigt hier in Deutschland."

(mf)

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