POLITIK
09/12/2016 22:33 CET | Aktualisiert 09/12/2016 22:58 CET

"Journalisten sind Teil des Establishments geworden", schimpft "Zeit"-Reporter Stephan Lebert

ASSOCIATED PRESS
Bundeskanzlerin Angela Merkel umringt von Journalisten

Donald Trump verteufelte in seinen aggressiven Wahlkampfreden die "Establishment-Medien". Dazu zählte er allen voran die liberalen Tageszeitungen "Washington Post" und "New York Times", aber auch einige Fernsehsender wie ABC, NBC und CNN.

Die genannten Medienhäuser würden einer großen Verschwörung gegen ihn angehören. "Denen warf Trump, unter großem Gejohle des Publikums, in Bausch und Bogen Korruption und Vetternwirtschaft vor", wie die beiden Medienwissenschaftler Wolfgang Hagen und Hermann Rotermund bildhaft beschreiben.

Eine raue Zeit, auch in Deutschland ist ähnliches zu Hören. Stichwort: Lügenpresse.

Trotzdem sagt Stephan Lebert: "Journalismus ist der tollste Beruf der Welt." So beginnt sein Plädoyer in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit". Lebert ist selbst Journalist, seit Jahrzehnten, seine Eltern waren es ebenfalls.

Was wie eine Lobeshymne beginnt, ist tatsächlich ein Appell, dass sich etwas ändern muss. Denn auch er erkennt, "etwas ist schiefgelaufen". "Wir Journalisten sind Teil des Establishments geworden." Was wie Trump klingt, hat damit nur zum Teil zu tun.

Die Mehrheit der Bevölkerung sieht die Medien als "Stütze des Establishments"

Dennoch ist es eine Einschätzung, welche die Mehrheit der Bevölkerung teilt. Wie eine bundesweite und repräsentative Studie des "Bayerischen Rundfunks" von Mai 2016 zeigt, gaben 55 Prozent der Befragten an, dass Medien eine "Stütze des Establishments" seien. Nur 31 Prozent entgegneten, Journalisten würden mit ihrer Berichterstattung die "Mächtigen" im Land, also Staat, Regierung, Wirtschaft, einflussreiche Personen und Interessengruppen kontrollieren.

Auch Lebert bestätigt in seinem Artikel diese Sicht. Ende der 1990er Jahre, Anfang der 2000er macht er ein verändertes Selbstverständnis vieler Journalisten aus.

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"Man träumte nicht mehr davon, gefürchtet zu werden, man wollte geachtet werden." Anstatt den "Mächtigen" auf die Finger zu schauen - und bei Bedarf auch draufzuschlagen - sei man stolz darauf geworden, "wenn die Mächtigen nach einem riefen, wenn man bei der Macht am Tische saß und sie beraten durfte."

Sozialreportagen und Geschichten, die soziale Missstände anprangerten, wurden abgeschafft

Die Medien unterscheide damit nichts mehr von Politik, Wirtschaft oder Verwaltung - sie seien Teil des Establishment geworden. Folglich konnte man so die "Obrigen" nicht mehr (ausreichend) kontrollieren, da man selbst dazu gehörte, kritisiert Lebert.

Das ist das eine Problem. Das andere ist, dass man die Nähe zum Leser, zum Zuschauer, zum Hörer verlor - zur normalen, durchschnittlichen Bevölkerung. Sozialreportagen, Nahaufnahmen aus den unteren Milieus, und Geschichten, die soziale Missstände anprangerten, wurden abgeschafft, beschreibt Lebert den Prozess.

Mit der Entfremdung, kam erst der Vertrauensverlust und dann der Hass. "Anfeindungen, Beschimpfungen, weil man seine Arbeit macht? (...) Das hat erst vor wenigen Jahren richtig angefangen", erinnert sich Lebert.

"Zertrampelte Wege" verlassen

Aus dieser Misere kennt er nur einen Ausweg, der Journalismus müsse "zertrampelten Wege" verlassen und "wieder aus vielen kleinen Bildchen ein großes Puzzle zusammensetzen". Schließlich "sich darauf zu konzentrieren, was Journalismus kann. Zu recherchieren und zu schreiben und nicht vorher schon zu wissen, was."

Michael Fleischhacker setzte sich mit dieser Problematik und den Wirkungen von Trumps Erfolg in der "NZZ Österreich" ausgiebig auseinander.

Im Gegensatz zu Lebert glaubt er, dass die mediale Selbstkritik - die nach Trumps Wahlsieg weltweit eingesetzt hat - "leider in die Irre führt". Fleischhacker sagt: "Die These, die Medien hätten den Wahlausgang falsch eingeschätzt, weil sie den Kontakt zu den Menschen da draußen verloren hätten, ist einfach Quatsch."

Das Problem war aus seiner Sicht nur, dass die US-Journalisten dachten "ihr Umerziehungsprogramm, das sie 'kritischen Journalismus' nennen", würde den Sieg Trumps verhindern können.

Genau diese Denke führt jedoch dazu, dass Journalisten zum Establishment gezählt werden - in diesem Fall zu Recht.

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