Wieso eure Debatte über Gewalt gegen Frauen verlogen ist

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WOMAN TROUBLED GERMANY
Wieso eure Debatte über Gewalt gegen Frauen verlogen ist | Florian Gaertner via Getty Images
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Deutschland diskutiert wieder über Gewalt gegen Frauen. Genauer: Gewalt von Flüchtlingen und Einwanderern gegen Frauen.

Denn durch die Vorfälle in Freiburg und Bochum rückt eine unbequeme Frage in den Fokus: Wie gefährlich ist das Frauenbild der Menschen, die aus dem konservativ-muslimischen Kulturkreis in unser Land kommen?

Es ist eine Frage, die man durchaus stellen kann – vielleicht sogar muss.

Dennoch ist die Diskussion, die jetzt entbrennt, heuchlerisch. Weil es die gleiche verlogene Debatte ist, die bereits nach den Silvestervorfällen in Köln die Kommentarspalten des Internets und die Talkshows beherrschte.

Denn Fakt ist: Deutschland hat schon lange ein massives Problem mit Gewalt gegen Frauen – und Flüchtlinge haben damit so gut wie nichts zu tun. Statistiken belegen nicht, das sexuelle Übergriffe durch Flüchtlinge zugenommen haben.

Dennoch kocht die Debatte nur dann hoch, wenn wir mit dem Finger auf andere zeigen können.

Dabei...

... wurde in Deutschland im vergangenen Jahr fast jeden Tag eine Frau von ihrem Partner getötet

Das geht aus einer Erhebung des Bundeskriminalamts hervor. So wurden im Jahr 2015 331 Frauen in Deutschland von ihrem Partner getötet. Das ergibt fast ein Tötungsdelikt pro Tag. Begangen wurden sie vor allem von Deutschen.

Insgesamt verzeichnete die Behörde 127.500 Fälle von Gewalt in Partnerschaften. In mehr als acht von zehn Fällen waren die Opfer Frauen. Für einen Aufschrei sorgte die schockierende Statistik nicht, als sie im November dieses Jahres erschien.

Es zeigt erneut, wie falsch wir die Debatte über Gewalt gegen Frauen führen. Denn wir führen sie nur dann, wenn Flüchtlinge oder Einwanderer die Täter sind. Dabei erleben in Deutschland Frauen jeden Tag Gewalt.

Dabei wurden in Deutschland 35 Prozent der Frauen bereits Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt

Mehr als jede dritte Frau in Deutschland hat seit dem 15. Lebensjahr schon sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt, wie eine EU-Studie aus dem Jahr 2014 zeigt.

Eine ältere Studie aus dem Jahr 2004 kam zu einem noch erschreckenderen Ergebnis: Demnach gaben 13 Prozent der Frauen in Deutschland an, bereits vergewaltigt worden zu sein.

Dabei findet jeder vierte Deutsche Vergewaltigungen okay

Auch eine weitere Zahl zeigt, wie verlogen und am Problem vorbei die Diskussion gerade geführt wird.

Denn in einer EU-weiten Studie gaben 27 Prozent der Deutschen an, dass "Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung“ in manchen Fällen gerechtfertigt sei.

Europaweit sagten 12 Prozent der Männer, sie fänden nicht-einvernehmlichen Sex dann okay, wenn die Frau betrunken oder auf Drogen ist.

Elf Prozent der Befragten glauben, sobald eine Frau mit einem Mann mit nach Hause geht, darf er sie vergewaltigen. Die Verachtung von Frauen ist keineswegs nur ein Problem, das einige Einwanderer und Flüchtlinge haben. Vielmehr ist es ein Problem, das in der Gesellschaft weit verbreitet ist.

Gewalt gegen Frauen wird zum Problem "der Anderen"

Es ist beschämend. Und dennoch tun wir noch immer so, als sei Gewalt gegen Frauen ein Problem der "Anderen“ - also der Flüchtlinge oder Einwanderer - wie auch die Journalistin Juliane Leopold kritisiert.

So titelte die "Bild“ gewohnt provokant: "Die große Debatte um das Frauenbild von Flüchtlingen!“ Und sorgte damit für Häme bei denen, die der Boulevardzeitung ihr eigenes Frauenbild, das des willigen Lustobjektes, vor Augen führten.

Andere fragten sich: Wo war die breite Entrüstung nach Bekanntwerden der Gräueltaten von Höxter, wo ein Mann deutscher Herkunft mindestens zwei Frauen zu Tode quälte. Auch hier wäre eine Debatte um das Frauenbild in unserer Gesellschaft dringend nötig gewesen. Doch sie blieb aus.

Stattdessen fragte etwa das ZDF in einer Sendung suggestiv: "Mehr Ausländer, mehr Kriminalität?"

Sicher, diese Frage kann und muss man nach den Vorfällen von Bochum und Freiburg man stellen.

Dennoch muss eine weitere Frage auch lauten: Wie kann es sein, dass in Deutschland jeden Tag im Schnitt mehr als 20 Frauen vergewaltigt werden und die Gesellschaft das ohne Empörung hinnimmt?

Frauen werden zum politischen Instrument

Alle diese Beispiele zeigen: Das drängende Thema Gewalt gegen Frauen hat nur dann Konjunktur, wenn es sich mit der Flüchtlingsfrage verbinden lässt.

Die Reaktionen auf die Fälle von Freiburg und Bochum haben gezeigt, dass wir aus Köln nichts gelernt haben. Nach den Silvestervorfällen in der Domstadt gingen in Köln hunderte Menschen demonstrieren, im Netz solidarisierten sich hunderttausende mit den Opfern der Nötigungen.

Eine Debatte darüber, dass Männer egal welcher Herkunft in Deutschland Frauen jeden Tag Gewalt antun, haben die Vorfälle dennoch nicht angestoßen. Vor allem hat sich seit Köln nichts in den Wohnzimmern und auf den Straßen Deutschlands geändert.

Sind wir ehrlich: Die meisten, die damals besonders laut nach Gerechtigkeit brüllten, hatten das auch nie im Sinn.

Zum politischen Instrument taugten die Opfer der Übergriffe dafür allemal: Rechte Parteien sprachen von "Angsträumen für blonde Frauen", in der völlig überkochenden Diskussion wünschte Publizist Henryk M. Broder zwei Journalistinnen, dass sie "erfahren, was Rape Culture bedeutet". Und alle schossen gegen die Anderen, die Flüchtlinge.

Die Instrumentalisierung der Frau zum politischen Symbol wird weitergehen, auch die Frage nach dem Frauenbild wird den hässlichen Wahlkampf im kommenden Jahr prägen. Das Schweigen über ein tief in der Gesellschaft verankertes Problem auch.

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