Flüchtlinge und sexuelle Übergriffe: Wo ist der Zusammenhang?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MAENNER
Getty/HuffPost
Drucken

Flüchtlinge. Frauen. Vergewaltigung. Nach dem Mord in Freiburg und der Vergewaltigung in Bochum ballt manch lauter Redner diese Worte zu einem Zusammenhang.

Leise Redner setzen sie vorsichtig nebeneinander, als Frage. Mancher sagt, sie dürften weder in der einen noch in der anderen Form verbunden werden.

Die Redaktion der Huffington Post findet: Es ist legitim, Fragen zu stellen, wenn man eine ehrliche Antwort hören will.

Begehen Flüchtlinge mehr sexuelle Übergriffe als Einheimische?

Das weiß man nicht. Es gibt keine Vergleichszahlen.

Was man weiß: Zuwanderer - Asylbewerber, Kontingentflüchtlinge und Bürgerkriegsflüchtlinge, nicht aber anerkannte Asylbewerber - waren im vergangenen Jahr für 4,6 Prozent aller aufgeklärten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung verantwortlich.

In den letzten fünf Jahren ist die Zahl sexueller Straftaten durch Zuwanderer um 178 Prozent gestiegen. Der Anteil der durch Zuwanderer begangenen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung an der Gesamtzahl hat sich fast verdreifacht.

Dabei muss man berücksichtigen: In den letzten fünf Jahren sind viele Zuwanderer nach Deutschland gekommen. Möglicherweise werden durch Aufklärung auch mehr Straftaten angezeigt als früher.

Polizisten und ehemalige Bewohner von Flüchtlingsunterkünften gehen allerdings davon aus, dass viele sexuelle Übergriffe innerhalb von Flüchtlingsunterkünften nicht angezeigt werden - weil die Opfer nicht wissen, dass sie Anspruch auf Hilfe haben, weil die Ansprechpartner schlecht zu erreichen sind oder sie kein Vertrauen in die Justiz haben. Umgekehrt steht zu vermuten, dass einige Deutsche Flüchtlinge vielleicht eher anzeigen als andere Menschen.

Im ersten Halbjahr 2016 machten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung 1,1 Prozent aller Delikte aus, derer die Polizei Zuwanderer - - also Asylsuchende, Asylberechtigte und Kontingentflüchtlinge - verdächtigte. Also etwa 1570 Fälle - laut Polizei ein deutlicher Rückgang.

Wichtig ist aber: "Kriminalität entsteht nicht durch Nationalität. Sie ist von der Lebenslage abhängig", sagt der Tübinger Kriminologie-Professor Jörg Kinzig der Huffington Post. Flüchtlinge, das zeigen die Statistiken, begehen genauso selten schwere Straftaten wie Deutsche.

Haben sexuelle Übergriffe etwas mit dem Frauenbild der Täter zu tun?

Das haben nach der Silvesternacht in Köln viele vermutet, darunter die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und der ehemalige Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky.

Menschen "aus einem gnadenlosen Patriarchat", hatte letzterer gesagt, "empfinden überhaupt nichts dabei, Frauen zu missbrauchen, Frauen auch zu begrapschen, weil, nach Mitternacht auf der Straße befindliche Frauen können nur Schlampen sein, und die verdienen nichts anderes."

Benjamin Idriz vom Münchner Forum für Islam sagt der Huffington Post: "Es braucht Zeit zu verstehen, dass ein freizügiges Plakat oder ein kurzer Rock keine erotische Einladung ist, wenn man aus einem Umfeld kommt, in dem es genau das bedeutete." Dazu kommt, dass nicht alles, was in Deutschland strafbar ist, auch im Heimatland des Flüchtlings unter Strafe steht. Idriz weiß, wovon er spricht: Der Imam kümmert sich darum, dass Zuwanderer die hiesigen Regeln möglichst schnell lernen.

Dominic Kudlacek vom Institut für Kriminologie in Niedersachsen hat sich genauer angesehen, wie das Frauenbild von Flüchtlingen aussieht und gewährt der Huffington Post Einblick in die vorläufigen Daten.

Die Fragen, die er und sein Team den Flüchtlingen gestellt haben, ähneln jenen aus einer Studie des Bundesfamilienministeriums. Die hatte gezeigt, dass Muslime, Männer und schlecht gebildete tendenziell ein konservativeres Frauenbild haben als Christen, Frauen und Gebildete.

Dazu muss man wissen: Der Zentralrat der Muslime in Deutschland schätzt, dass mindestens 80 Prozent der Flüchtlinge Muslime sind. Der Bildungsstand der Flüchtlinge ist extrem unterschiedlich, es gibt viele gut und viele schlecht qualifizierte.

Kudlacek hat nicht nach Religion differenziert, sondern nach Herkunft. Er fragte Flüchtlinge zum Beispiel, ob sich Frauen stärker um Familie und Haushalt kümmern sollen als um ihre Karriere. Unter den Sudanesen und Irakern stimmten etwa 30 Prozent der Frage voll zu, unter den Syrern 24 Prozent, unter Afghanen nur gut 10 Prozent.

Frauen für vermeintliches Fehlverhalten zu bestrafen, fänden etwa 58 Prozent der Sudanesen richtig, aber weniger als 50 Prozent der Afghanen.

Aber: "Es ist nie die Herkunft, die Unterschiede erklärt", sagt Kudlacek. "Es kommt darauf an, wie gut die Bildung der Befragten ist, wie gut sie Deutsch sprechen und wie gut sie integriert sind."

Und was folgt konkret aus so einem Frauenbild? Kudlacek sagt mit der Vorsicht des Forschers: "Einstellungsmuster sind die Grundlage für Handlungen. Es ist davon auszugehen, dass sie Auswirkungen haben."

Wobei sagen und tun immer zwei verschiedene Dinge bleiben. "Nach unseren Daten", erklärt Kudlacek, "wollen sich echte Kriegsflüchtlinge aus Syrien etwa an die hier herrschenden Regeln halten – auch wenn sie persönlich anderer Auffassung sind." Bei den Befragten aus Zentralafrika "sehen wir das dagegen nicht in dieser Klarheit".

Spielt es eine Rolle, ob ein Flüchtling ohne Familie reist?

Möglich. Sozialwissenschaftler Kudlacek sagt: "Wenn zum Beispiel ein junger Mann zum ersten Mal ohne elterliche Fürsorge und Kontrolle lebt, zum ersten Mal Zugang zu Alkohol hat und in einer Gruppe abhängt, wo er sich durch Trinken sozialen Status erarbeiten kann, dann ist es wahrscheinlich, dass er Unfug treibt."

Ist es ein Problem, dass viele Flüchtlinge junge Männer sind?

In diesem Jahr waren fast zwei Drittel der Menschen, die einen Asylantrag stellen, Männer. Drei Viertel der Antragsteller waren jünger als 30.

Kriminologie-Professor Jörg Kinzig sagt: "Wir wissen, dass junge Männer aller Kulturen besonders anfällig sind für Kriminalität." Es gebe viele Theorien, warum das so sei. "Diskutiert wird, ob die Erziehung, Rollenbilder, biologische Gründe, vermehrte Gelegenheiten zu einer Straftat beitragen. Doch geklärt ist die Frage nicht", sagt Kinzig.

99 Prozent der Zuwanderer, die im vergangenen Jahr einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung verdächtigt wurden, waren Männer. Jeder Vierte war jünger als 21 Jahre.

Ist das deutsche Strafrecht zu lasch?

Beobachter sagen seit Silvester immer wieder, dass Milde als Schwäche verstanden wird von Menschen, die aus Staaten kommen, in denen die Polizei prügelt und foltert.

"Jugendgerichte", sagt Kudlacek, "urteilen bei uns häufig milde. In den 70ern hat sich bei uns die Erkenntnis durchgesetzt, dass man Jugendliche für relativ unbedeutende Straftaten lieber nicht verurteilt oder in den Knast steckt. Die Demütigung oder die falschen Kontakte befördern eine kriminelle Karriere nur." Doch dieses System sei auf unsere Gesellschaft zugeschnitten.

Heißt: Ein 16-jähriger Gymnasiast vom Dorf schämt sich vielleicht schon deswegen, weil er vor Gericht steht. Ein 16-Jähriger, der vor einer prügelnden, folternden Polizei in ein anderes Land gezogen ist, wird sich da weniger beeindrucken lassen.

"Aber wir können im Recht natürlich keine Ausnahmen zulassen. Ich habe für das Problem keine Lösung", sagt Kudlacek.

Und jetzt?

1. Sprachkurse

"Wir wissen, dass Kriminalität auch aus Perspektivlosigkeit resultiert", sagt Kinzig. "Deswegen ist es plausibel zu sagen, dass eine gute Integration in den Arbeitsmarkt und in das soziale Umfeld Straftaten vorbeugen kann."

Ohne Sprachkenntnisse geht da nichts. Da müsse der Staat ran, und ja, das werde teuer, sagt Kudlacek.

2. Würdig Wohnen

Eine beengte Wohnsituation, sagt Kinzig, könne zu Aggressionen und Gewaltkriminalität führen. Flüchtlinge lebten oft in überfüllten Unterkünften. "Die Opfer von Aggression von Flüchtlingen sind daher zum großen Teil auch Flüchtlinge, was eine Studie des BKA belegt."

Im Fall von Freiburg war der Tatverdächtige in einer Familie untergebracht, hatte also Anschluss und lebte nicht im Heim. "Was da schiefgegangen ist, muss genau geklärt werden", sagt Kinzig. "Ganz generell geschehen diese schweren Straftaten zum Glück so selten, dass wir bisher noch keine spezifischen Muster erkennen können."

3. Erklären

Idriz und sein Verein erklären muslimischen Zuwanderern in einer der wenigen wirklich beeindruckenden Broschüren zum Thema, wie die deutsche Gesellschaft tickt. Und warum Gleichberechtigung aus muslimischer Sicht korrekt und nötig ist. "Es ist meine Aufgabe als Imam, auch solche Tabus anzusprechen", sagt Idriz.

Solche Initiativen brauchen wir. Noch viel mehr.

UPDATE 8. Dezember: Der Text wurde um weitere Statistiken ergänzt.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(mf)

Korrektur anregen