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Wie du die Beziehung zu deinem Kind gefährdest, ohne es zu merken

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PARENT CHILD TEARS
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"Wenn du jetzt nicht mitkommst, gehe ich ohne dich nach Hause."

"Wenn du dich jetzt nicht benimmst, wird der Mann da drüben böse."

"Wenn du nicht artig bist, bringt der Weihnachtsmann dir keine Geschenke."

Die große Mehrheit der Eltern lügt ihre Kinder an. In den meisten Fällen sind es Erziehungslügen, die ausgesprochen werden, weil nichts anderes zu funktionieren scheint.

Manchmal lügen Eltern auch, um ihren Kinder vorzugaukeln, dass sie etwas gut gemacht haben. Und unterschätzen dabei vollkommen, welche Konsequenzen das falsche Lob haben kann.

Über die beliebtesten Eltern-Lügen berichteten Forscher vor drei Jahren im Fachblatt "Internal Journal of Psychology". Sie hatten das Verhalten chinesischer und amerikanischer Eltern analysiert und herausgefunden, dass 84 Prozent der Amerikaner und 98 Prozent der Chinesen ihre Kinder anlügen.

Die beliebteste Lüge in beiden Ländern ist die Drohung, das Kind alleine zu lassen, wenn es sich nicht so verhält, wie von den Eltern gewünscht.

Was mit Kindern passiert, die angelogen werden

Was die Forscher 2013 allerdings nicht untersuchten, war die Frage, was es für die Kinder bedeutet, angelogen zu werden.

Dieser Frage gingen Wissenschaftler der University of California ein Jahr später nach. Sie untersuchten eine Gruppe von 200 Fünfjährigen in einem Experiment, bei dem die Hälfte der Kinder angelogen wurde und die andere Hälfte nicht.

Anschließend testeten die Forscher, ob die Kinder selbst bereit waren, zu lügen. Das wenig überraschende Ergebnis: Kinder, die zuvor angelogen worden waren, logen selbst deutlich häufiger als die Kinder, denen man die Wahrheit erzählt hatte.

Ihr Verhalten ist absolut logisch, schließlich lernen Kinder vor allem durch Imitation ihrer Eltern und anderer erwachsener Bezugspersonen.

Mehr zum Thema: Wie wir das Leben unserer Kinder zerstören, ohne es zu merken

Kinder merken, wenn sie angelogen werden

Was die meisten Eltern aber nicht wissen: Kinder merken, wenn sie angelogen werden. Und das schon im Alter von zweieinhalb Jahren, wie Forscher der Universitäten Illinois und Singapur jetzt nachweisen konnten. Bisher waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass Kinder diese Fähigkeiten nicht vor dem vierten Lebensjahr beherrschen.

"Die Meinungen gehen auseinander", sagte Renée Baillargeon von der University of Illinois.

Die Forscherin ist überzeugt, dass Zweijährige Lügen erkennen, dies jedoch in bisher verwendeten Testverfahren nicht zeigen konnten, weil diese nicht auf die geistigen Fähigkeiten von Kindern in diesem Alter ausgerichtet waren. Baillargeon konnte ihre Theorie jedoch erfolgreich belegen.

Eltern sollten ihre Kinder nicht unterschätzen

Sie entwarf ein neues Testverfahren, das dem Alter der untersuchten Kinder besser entsprach und stellte fest, das die Kleinen eine falsche Annahme erkannten.

"Die Fähigkeit, eine falsche Annahme zu erkennen, bedeutet zu verstehen, dass Menschen andere Gedanken haben können, als man selbst", sagte Peipei Setoh von der Nanyang Technological University in Singapur. "Diese Fähigkeit ermöglicht Kindern zu erkennen, wenn andere lügen, betrügen oder etwas vortäuschen."

Setoh warnt Eltern davor, ihre Kinder in dieser Hinsicht zu unterschätzen: "Eltern und Erzieher sollten sich darüber im Klaren sein, dass die geistigen Fähigkeiten von Kleinkindern weiter entwickelt sein könnten, als bisher angenommen."

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt, was Kinder mehr als alles andere von ihren Eltern brauchen

Eltern, die ihre Kinder anlügen, gefährden die besondere Beziehung

Diese neuen Erkenntnisse sind extrem wertvoll, denn sie können Eltern darauf aufmerksam machen, wie feinfühlig schon Kleinkinder auf ihr Verhalten reagieren. Wenn Eltern ihre Kinder immer wieder anlügen, gefährden sie die besondere Beziehung zu ihnen.

Denn das Verhältnis zwischen Kindern und ihren Eltern beruht zu einem großen Teil auf Vertrauen: Kinder müssen davon ausgehen können, dass ihre Eltern ehrlich sind, sie aufrichtig lieben und ihnen die Welt so erklären, wie sie tatsächlich ist.

"Wenn Eltern ihre Kinder anlügen, verletzten sie sie tief", schreibt Psychologin Kate Roberts von der Brown University in einem Beitrag für "Psychology Today".

"Wenn ein Kind die Wahrheit kennt und wenn seine Eltern diese Wahrheit bestreiten, wird das Kind an sich selbst zweifeln."

Lügen können erheblichen Schaden anrichten

Eltern, die ihre Kinder immer wieder anlügen, würden ihre Kinder in die sehr unangenehme Lage bringen, sich entscheiden zu müssen: Entweder sie vertrauen auf sich selbst, oder sie vertrauen ihren Eltern.

"Diese Entscheidung kann ein Kind nicht treffen, ohne Schaden davonzutragen", schreibt Roberts. Die Psychologin ist überzeugt, dass eine Lüge nicht einmal dann gut ist, wenn Eltern glauben, ihr Kind damit zu beschützen.

"Kinder können mit beinahe jeder Enttäuschung umgehen, wenn die Eltern sie dabei unterstützen." Mit Lügen können Kinder hingegen weniger gut zurechtkommen: "Kinder, die andauernd angelogen werden, fangen an, schon die simpelsten Wahrheiten anzuzweifeln", warnt die Psychologin.

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(lk)