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"Maischberger": Wickert erklärt, wie die Beeinflussung der Medien wirklich abläuft

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MAISCHBERGER
Die Talkrunde bei Sandra Maischberger | ARD Mediathek
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Berichten Journalisten nur, was in ihr eigenes Weltbild passt? Gibt es sogar eine Verschwörung aus Politik und Medien? Moderatorin Sandra Maischberger zeigte in ihrer gestrigen Sendung mit dem Titel "Vorwurf 'Lügenpresse' - Kann man Journalisten noch trauen?" unabsichtlich, warum mehr und mehr Presse und Fernsehen vorwerfen, politisch voreingenommen zu sein.

Als die Moderatorin Joachim Radke, Busfahrer und AfD-Mitglied aus Berlin, vorstellte, trat sie gleich in ein Fettnäpfchen. Er sei auch bei Pegida "mitmarschiert", sagte sie.

Radke wehrte sich gegen diese Wortwahl. Das Wort "Marschieren" wecke historische Assoziationen und sei ein typischer Ausdruck, der benutzt würde, um Pegida und AfD abzuwerten. Er bevorzugt den das Wort "mitgelaufen".

Tatsächlich entschuldigte sich Maischberger: "War nicht so gemeint!"

Radke gab zu, dass auch er schon auf Demonstrationen "Lügenpresse" gerufen hab. Doch das sei nur ein Schlagwort, sagte er. Die Presse lüge nicht komplett, aber es gebe "Halbwahrheiten und Unwahrheiten", es finde Meinungsmanipulation statt.

Wickert erklärt, wie Beeinflussung der Medien wirklich abläuft

Ex-"Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert wehrte sich gegen den Vorwurf, es gebe eine Verschwörung aus Politikern und Medien. "Kein einziges Mal", habe ein Politiker bei ihm angerufen, um seine Berichterstattung zu beeinflussen. Nur Norbert Blüm habe einmal angedroht, aus dem Fenster zu springen, nachdem er dessen Konkurrenten Otto Graf Lambsdorff zum Thema Pflegeversicherung interviewt habe. "Kein Problem, ich weiß, sie wohnen im ersten Stock", hatte er geantwortet.

Politiker würden auf andere Weise Einfluss auf die Medien nehmen. So sei Nikolaus Brender 2010 als ZDF-Chefredakteur auf Druck von Roland Koch und dem Kanzleramt abgesetzt worden, "weil er völlig unabhängig war".

Es habe Druck aus den Gremien gegeben, die "so besetzt waren, wie es nicht richtig war". Soll heißen: mit zu vielen Politikern. Später verlangte das Bundesverfassungsgericht eine "staatsferne" Zusammensetzung der Gremien.

Ob er ein Beispiel für Medienmanipulation habe, fragte Wickert den AfD-Wähler Radke. Der wählt das denkbar Unpassendste: der Galgen für Sigmar Gabriel und Angela Merkel, der auf eine Pegida-Demonstration mitgeführt wurde. Der sei von der Presse viel größer dargestellt worden, als er war.

"Aber es gab ihn!", warf Wickert ein. Das musste auch Radke zugeben.

CDU-Politikerin zeigt unfreiwillig, warum man nicht auf Quellen aus dem Internet vertrauen sollte

CDU-Politikerin Vera Lengsfeld zeigte unfreiwillig, wie problematisch es ist, wenn man sich auf Informationen aus dem Internet verlässt. Sie prangerte Fälle an, in denen die Presse irrte und vorschnell urteilte: der angeblich von Rechtsradikalen ertränkte Junge in Sebnitz etwa oder der erstochene Flüchtling in Dresden, der zum "ersten Pegida-Toten" ernannt wurde. Sebnitz sei eine Woche lang als "braunes Nest" dargestellt worden, obwohl der Junge an einer Herzattacke gestorben sei.

Doch sie selbst nimmt es mit der Wahrheit auch nicht so genau: Lobo weist darauf hin, dass sie in ihrem Blog einen Text mit dem Titel "Linke für Trump" geschrieben habe, in dem Unwahrheiten standen. Zum Beispiel, dass Susan Sarandon und Matt Damon Trump unterstützen würden. Doch ihre Quelle sei ein "Scherzartikel" gewesen.

"Die Mehrheit ist skeptisch, und das ist gut so"

Lengsfeld machte die Situation noch schlimmer und behauptete, sie habe auf die Quelle verlinkt. Maischberger sprach das Urteil: Bei Sarandon sei die Quelle nicht ganz klar gewesen. Das Interview sei definitiv nicht von Matt Damon gewesen. Autsch!

Später behauptete Lengsfeld, dass Justizminister Heiko Maas seinen Entwurf zum Kinderehen-Gesetz "mit der Bitte um geneigte Berichterstattung" an den "Spiegel" weitergeleitet habe. Maischberger wies darauf hin, dass dies ein schwerwiegender Vorwurf sei. Sie wollte wissen, woher sie die Information habe, dass Maas um einen wohlwollenden Bericht gebeten habe.

Blogger Sascha Lobo sprach aus, was in diesem Moment jeder dachte: "Aus dem Internet vielleicht?"

Der Medienwissenschaftler Gerhard Vowe von der Uni Düsseldorf widersprach der verbreiteten Vorstellung, den Medien werde immer weniger geglaubt. Das Vertrauen in den Medien sei unverändert: 40 Prozent der Bürger trauten ihnen, 60 Prozent eher nicht. "Die Mehrheit ist skeptisch, und das ist gut so. Wir wollen ja nicht, dass alle Bürger vorbehaltlos Herrn Wickert folgen.“

Lobo streitet mit Busfahrer Radke über Nazi-Vokabular

Zum Schluss der Sendung kriegten sich Lobo und Radke in die Haare. "ARD und ZDF haben in der DDR" die Rolle gespielt, die jetzt die Netz-Medien spielen", sagte Radke. "Wir haben die Gleichschaltung damals erlebt, bei 'Aktuelle Kamera', sämtliche Printmedien, alles gleichgeschaltet, nicht so krass, wie es heute ist."

Er habe "nicht den Westmedien geglaubt, und schon gar nicht den Ostmedien". So mache er es auch heute, er schaue ARD und und lese gleichzeitig Blogs wie "Tichys Einblick" und "Jung und naiv".

Lobo schaut ungläubig. Ob Radke gerade wirklich gesagt habe, dass die Gleichschaltung heute krasser ist, als sie in der DDR war? Das hat er tatsächlich gesagt, aber er scheint sich einfach versprochen zu haben.

Davon lässt sich Lobo nicht aufhalten. "Ich würde wirklich bitten, dieses Wort, das im Nationalsozialismus geprägt worden ist, eine Idee bedächtiger zu verwenden", geht er Radke an. "Begreifen sie doch mal, dass sie hier vor einem Millionenpublikum sitzen!“

Radke: "Vielleicht sollten Sie mal bemerken, dass Sie sich permanent selbst intellektuell überhöhen!" Das saß. "Sie haben meine Schwäche erkannt", gesteht Lobo.

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(ks)