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Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann fordert eine Jugendquote für die Bundestagswahl

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HURRELMANN
Klaus Hurrelmann, Professor an der Hertie School of Governance in Berlin | Universität Bielefeld
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Seien wir ehrlich: Die deutschen Parteien machen vor allem Politik von Alten für Alte. Und die jungen Menschen in Deutschland machen vor allem keine Politik und ärgern sich dann über die Politik.

Es ist ein Teufelskreis.

"Es gibt eine schrecklich große Kluft zwischen den Parteien und der jungen Generation", sagt Klaus Hurrelmann, Professor an der Hertie School of Governance in Berlin, der Huffington Post. Bei den Grünen sei das noch etwas besser als bei CDU und der SPD. Soll heißen: Das Durchschnittsalter ihrer Mitglieder liegt bei etwa 50 Jahren, und nicht bei 60. "Wer als junger Mensch in eine Partei eintritt, kriegt einen Schock – er landet im Altenclub."

"Anders kommen wir nicht weiter"

Hurrelmann fordert deshalb eine Jugend-Quote schon für die kommende Bundestagswahl, etwa in Form einer Selbstverpflichtung, nach der 20 Prozent aller Kandidaten jünger als 30 Jahre sein müssen. "Das würde einen gewaltigen Schub bringen", sagt er. "Anders kommen wir nicht weiter."

Er könnte sich auch vorstellen, dass die staatliche Parteienfinanzierung jene Parteien stützen könnte, die besonders viele junge Mitglieder hat.

Hurrelmann kennt sich aus mit der jungen Generation, der sogenannten Generation Y, die zwischen 1985 und 2000 auf die Welt kam. "Jetzt.de" hat sich einen schönen Namen für Hurrelmann einfallen lassen: "Jugendversteher" nennt die Seite den Soziologen und Erziehungswissenschaftler.

Er hat sich wie nur wenige Forscher in Deutschland auseinandergesetzt mit diesen Menschen, die als junge Erwachsene auf den Arbeitsmarkt drängen. Über die viele schimpfen. Weil sie angeblich unpolitisch sind und auf Bequemlichkeit aus.

Die vorsichtige Generation

Hurrelmann sieht das differenzierter. Für ihn haben zwei Bedingungen diese Generation geprägt: Unsicherheit und die digitale Welt.

"Diese Generation ist in einer digitalen Welt groß geworden, sie will digital arbeiten. Wenn das nicht geht, ist sie irritiert", sagt er.

"Diese Generation hat außerdem Schockerlebnisse gehabt: Jugendarbeitslosigkeit, fehlende soziale und politische Sicherheit, keine festen Arbeitsverträge."

Diese Erfahrungen hätten die jungen Menschen sehr vorsichtig gemacht. Hätten sie dazu gebracht, zu taktieren, sich nicht festzulegen, Opportunität zu leben.

80 Prozent Licht, 20 Prozent Schatten

Was das dann konkret für den Alltag bedeutet, hängt laut Hurrelmann schwer davon ab, wie gut das Bildungsniveau der jungen Leute ist.

80 Prozent, schätzt er, sind gut oder zumindest akzeptabel ausgebildet. Diese Leute sind quirlig, interessiert, motiviert. Beruflich wünschen sie sich flache Hierarchien und eine gute Vereinbarkeit von Familie und Arbeit, ethische Standards im Job. Tatsächlich hat sich da schon so viel zum Guten verändert, findet Hurrelmann, dass er da von einer "heimlichen Revolution" spricht. Heimlich deshalb, weil es ohne große Ankündigung passiert, ohne politisches Programm.

Viele dieser jungen Leute engagieren sich auch – aber gezielt für bestimmte, zeitlich überschaubare Projekte in Bürgerinitiativen, in der Nachbarschaftshilfe. Parteien mit ihrem starren System sind kaum eine Option für jene, die zeitlich und örtlich sehr flexibel sein müssen, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.

Und dann gibt es noch jene 20 Prozent, die schlecht ausgebildet sind, die sich nicht rausbewegen wollten aus ihrer Komfortzone. Die durch Klicks alles lösen wollen. Die kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Und die sich nicht auseinandersetzen wollen mit der Demokratie und ihren langwierigen und teils schwer durchschaubaren Entscheidungsprozessen.

Die Parteien müssen reagieren - und die jungen Leute endlich aus den Puschen kommen

Mit anderen Worten: Diese Generation tickt anders als die älteren. Sie packt ihr Leben anders an. Und muss anders angepackt werden.

Den Parteien rät Hurrelmann, flexible Mitgliedschaften anzubieten und die Möglichkeit, als Gast an Diskussionen teilzunehmen. Sie wollten moderne Kommunikation nutzen, etwa über Skype und soziale Netzwerke.

Deutschland solle über elektronische Wahlmöglichkeiten nachdenken und darüber, ob man auch anderswo wählen gehen dürfe als in der Heimatgemeinde.

Umgekehrt fordert der Forscher, dass die jungen Menschen sich schnell mit konstruktiven Vorschlägen beteiligen sollten. Und nicht erst nicht wählen und dann empört auf die Straße gehen, wie in Großbritannien und den USA.

Und vor allem, sagt Hurrelmann, müsse das unbedingt schnell passieren. Denn sonst wird eine ältere, zunehmend frustrierte Protestwählerschaft die Wahl prägen. Und das kann keiner wollen. Die Alten nicht. Und die Jungen nicht.

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(mf)