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Siebenjährige twittert aus Ost-Aleppo: "Wir haben kein Zuhause mehr"

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ALEPPO
Siebenjährige twittert aus Ost-Aleppo: "Wir haben kein Zuhause mehr" | Twitter/ Bana
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  • Der Twitteraccount der siebenjährigen Bana al-Abed gibt Einblicke in den Alltag zehntausender Kinder in Aleppo
  • Nach den Luftangriffen am Montag hat sich die Lage im Osten der Stadt abermals verschlimmert
  • Auch das Zuhause der Siebenjährigen wurde dabei wohl zerstört

Hunger, Tod und Zerstörung prägen den Alltag im umkämpften Ostteil Aleppos. Nach Schätzungen sind 275.000 Menschen dort eingeschlossen – mehr als ein Drittel davon sind Kinder.

Der Twitteraccount der siebenjährigen Bana al-Abed, der von ihrer Mutter Fatemah geführt wird, gibt Einblicke in ihre Kindheit im Kriegsgebiet Ost-Aleppo. Rund 165.000 Menschen folgen Banas auf Twitter – darunter "Harry Potter"-Autorin J.K. Rowling und Unicef.

Der Account macht sichtbar, was für viele im sicheren Westen kaum vorstellbar ist. Ein Video, das am 26. November von Bana’s Account gepostet wurde, zeigt dicke Rauchschwaden über den Häuserblöcken Aleppos aufsteigen. "Das ist gerade Aleppo. Wir haben große Angst. Bitte betet für uns", steht darüber.

"Ich bin unter die Trümmer gekommen"

Einen Tag später scheint das Worst-Case-Szenario eingetroffen zu sein. Fatemah al-Abed postet ein Foto ihrer Tochter, die mit feinem Staub besetzt, betroffen auf den Boden schaut.

Darüber steht: "Heute Nacht haben wir kein Zuhause mehr, es wurde bombardiert und ich bin unter die Trümmer gekommen. Ich habe viele Tote gesehen und ich bin fast gestorben – Bana".

Das syrische Regime und Verbündete hatten am Montag weitere Teile der Rebellengebiete eingenommen. Willkürliche Bombardements aus der Luft im östlichen Teil der Stadt hätten viele Zivilisten getötet und verletzt und Tausende vertrieben, sagte UN-Sprecher Stéphane Dujarric am Montag.

Mindestens vier Kinder starben bei neuen Angriffen in Aleppo

Laut Rami Abdel Rahman, Leiter der Beobachtungsstelle, sollen bei diesen neuen Angriffen mindestens elf Menschen gestorben sein, darunter vier Kinder.

Der Tod - er scheint allgegenwärtig im Alltag der Siebenjährigen. So zeigte ein Post auf Banas Account vom 24. November eine blutende Kinderleiche. Darunter steht: "Oh, liebe Welt, heute Nacht weine ich, das ist meine Freundin, die diese Nacht von einer Bombe getötet wurde. Ich kann nicht aufhören zu weinen".

Ein Video vom gleichen Tag zeigt Bana, die sich hinter einer Couch zusammenkauert: "Bitte rette mich jemand", steht darüber.

Nach den Angriffen am Montag befindet sich die Familie laut des Twitter-Accounts auf der Flucht. "Wir fliehen, während viele Menschen in den heftigen Bombardements sterben. Wir kämpfen um unser Leben - Fatemah", heißt es in einem der aktuellsten Posts.

Tausende Zivilisten auf der Flucht

Gegenüber dem amerikanischen Nachrichtensender NBC sagte Banas Mutter, sie und ihre Kinder seien nach der Zerstörung ihres Zuhauses bei Freunden untergekommen.

Wie Bana und ihre Familien waren nach Montag tausende Zivilisten auf der Flucht vor Kämpfen und Luftangriffen. Sie flohen nach Angaben von Aktivisten in Stadtteile unter Kontrolle des Regimes und in von Kurden gehaltene Viertel. Andere suchten im Südosten Aleppos in Rebellengebieten Schutz.

Die Echtheit des Twitteraccounts lässt sich zwar nicht eindeutig überprüfen - die geschilderten Vorfälle decken sich allerdings mit Berichten internationaler Hilfsorganisationen.

"Ich bin keine Terroristin"

Banas Account ist mittlerweile so populär, dass sogar Syriens Machthaber Assad darauf aufmerksam geworden ist. In einem TV-Interview stellte er die Echtheit des Accounts in Frage - und warf der Familie gar vor, für "Terroristen" zu arbeiten.

"Ich bin keine Terroristin, ich will nur leben. Ich will nur, dass die Bombardierung aufhört, bitte", antwortete Banas Account am 6. Oktober auf die Vorwürfe des Diktators.

Unabhängig von der Echtheit des Accounts - die Lage im syrischen Aleppo ist nach Angaben der Vereinten Nationen angesichts verschärfter Kämpfe höchst besorgniserregend.

Die Menschen im östlichen Aleppo lebten in "entsetzlichen Zuständen" und benötigten dringend Unterstützung, da humanitäre Helfer die Gegend seit Juli nicht mehr hätten betreten können.

Auswärtiges Amt fordert Einstellen der Kämpfe

Die letzten Lebensmittelrationen des Welternährungsprogramms seien den Betroffenen vor gut zwei Wochen ausgegangen. Auch Vorräte von Partner-Organisationen neigten sich dem Ende. Die UN stünden bereit, die Betroffenen umgehend zu versorgen, sagte Dujarric in New York.

Seit Montag beherrschen das syrische Regime und ihre Verbündeten jetzt den kompletten Norden der bislang von der Opposition gehaltenen Viertel. Damit haben die Regimegegner innerhalb weniger Tage mehr als ein Drittel ihres Gebietes in der Stadt verloren.

"Das ist die schwerste Niederlage der Rebellen, seitdem sie Aleppo 2012 eingenommen haben", sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman.

Das Auswärtige Amt forderte, Kampfhandlungen müssten eingestellt werden. "Der Menschen in Aleppo willen ist eine sofortige humanitäre Feuerpause notwendig", sagte eine Sprecherin.

Viele der Geflüchteten seien schwer verletzt, ohne noch die geringste Chance auf überlebensnotwendige medizinische Hilfe zu haben. "Diese Tragödie muss ein Ende haben. Dafür tragen das Regime und seine Unterstützer, allen voran Russland und Iran, die größte Verantwortung."

Mit Material der dpa

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(lp)