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Der Trump-Effekt: Die OECD feiert den US-Präsidenten als Retter der Weltwirtschaft

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DONALD TRUMP
Der Trump-Effekt: Die OECD feiert Donald Trump als Retter der Weltwirtschaft – das steckt dahinter | ginosphotos via Getty Images
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Großzügige Steuersenkungen für Topverdiener, eine Abkehr vom Freihandel und Schulden für neue Straßen: Die wirtschaftspolitische Agenda des künftigen US-Präsidenten Donald Trump versetzte Ökonomen aus aller Welt bereits vor seiner Wahl in Sorge.

Das Analysehaus The Economist Intelligence Unit warnte vor einem "Handelskrieg“, Top-Ökonomen wie Paul Krugman warnten vor einer weltweiten Rezession.

Doch jetzt - ein paar Wochen nach der Wahl - scheint plötzlich alles anders.

Gerade haben die Experten der Industriestaaten-Organisation OECD eine überraschende Prognose veröffentlicht: Mit seinen radikalen Plänen könnte Trump – statt zur Gefahr – zum Retter der Weltwirtschaft werden.

So soll die US-Wirtschaft im kommenden Jahr um 2,3 Prozent wachsen. Großen Anteil daran soll Trumps Wirtschaftsprogramm haben.

Davon wiederum könnte die Weltwirtschaft massiv profitieren. "Die kräftigere Endnachfrage in den Vereinigten Staaten kurbelt auch das Importwachstum an“, argumentiert die OECD. Sprich: Boomt die Wirtschaft in den USA, kaufen die Amerikaner mehr ausländische Waren.

Waren die Unkenrufe der Vergangenheit also vorschnell? Verteufelten Ökonomen Donald Trump völlig zu Unrecht?

Die vier wichtigsten Fragen zum Trump-Effekt auf die Wirtschaft:

1. Was plant Trump wirtschaftspolitisch?

Donald Trumps großspuriges Auftreten im Wahlkampf und sein Slogan "Make America Great Again“ galten auch für die Wirtschaft.

Trump will die Firmen- und Einkommenssteuern senken und ein gigantisches Investitionsprogramm auflegen - Billionen Dollar sollen in neue Infrastruktur wie Straßen und Brücken fließen. Finanzieren soll das aber nicht nur der Staat, sondern auch private Investoren. Mautgebühren sollen deren Ausgaben wieder einspielen.

In den USA ist diese Form des Private-Public-Partnership (PPP) im Straßenbau bisher die Ausnahme.

Das Ergebnis wäre eine weitreichende Privatisierung der amerikanischen Infrastruktur. Trump wird dafür auch den US-amerikanischen Haushalt belasten, Billionen Dollar Schulden machen, glauben Experten.

Trump propagierte im Wahlkampf außerdem einen knallharten Protektionismus. In seiner viel zitierten Videobotschaft über die Maßnahmen in den ersten 100 Tagen als Präsident kündigte Trump an, das Transpazifische Freihandelsabkommen TPP bereits am ersten Tag seiner Präsidentschaft aufzukündigen. Ein ähnliches Schicksal droht dem Freihandelsabkommen TTIP mit Europa, das unter Trump wohl nicht zu machen ist.

Der Präsident will stattdessen "gerechte, bilaterale Handelsverträge vereinbaren, die Arbeitsplätze und Industrien zurück nach Amerika bringen“.

2. Wie soll diese Politik die Weltwirtschaft beflügeln?

Die Experten der OECD glauben: Die Investitionen Trumps in die Infrastruktur werden das Wirtschaftswachstum der USA massiv ankurbeln. Um 0,4 Prozentpunkte im Jahr 2017 und 0,8 Prozentpunkte 2018.

Das Infrastrukturprogramm Donald Trumps wird so wohl für mehr Jobs, höhere Löhne und in der Konsequenz für eine steigende Kauflaune bei den Amerikanern sorgen.

Paul Welfens, Volkswirt der Bergischen Universität Wuppertal, sagte der Huffington Post: "Es ist klar: Wenn Trump so große Infrastrukturpläne und Steuersenkungen durchsetzt, wird die amerikanische Wirtschaft expandieren.“

Laut den OECD-Experten könnten Exportnationen weltweit davon profitieren. In ihrem Bericht heißt es: "Die kräftigere Endnachfrage in den Vereinigten Staaten kurbelt auch das Importwachstum an.“

Besonders Unternehmen, die viel in die USA importieren, könnten das ausnutzen – gesetzt des Falles, dass Trump mit seinem Protektionismus den Warenverkehr in die USA nicht erheblich erschwert, oder sich gar aus der Welthandelsorganisation (WTO) zurückzieht. Auch damit drohte er.

So könnten von Trumps-Bauboom auch andere Länder profitieren. Volkswirt Welfens erklärt: "Baufirmen aus Kanada, Deutschland, Frankreich und Großbritannien werden zu den Hauptgewinnern gehören, da man dort Erfahrung mit Private-Public-Partnership im Infrastrukturbereich hat - in den USA hingegen kaum. Über den Außenhandel insgesamt werden die genannten Länder vom US-Aufschwung profitieren.“

Die OECD prophezeit wegen Trumps Wirtschaftsprogramm ein zusätzliches weltweites Wirtschaftswachstum von 0,1 Prozentpunkten im kommenden Jahr und 0,3 Prozentpunkten im Jahr 2018.

Das wirkt vielleicht wenig, bei einem weltweiten Wirtschaftsvolumen von fast 74 Billionen US-Dollar ist es jedoch eine gewaltige Summe, die der Mann im Weißen Haus mit seinem Aktionsplan in Bewegung setzen könnte.

3. Was lässt die OECD-Studie außen vor?

Die OECD-Studie konzentriert sich vor allem auf das unmittelbare Wirtschaftswachstum. Sie stößt an ihre Grenzen, wenn es um die weitreichenderen Folgen der massiven Investitionen und Steuersenkungen Trumps geht.

Denn es drohen gefährliche Szenarien: Durch die massiven Ausgabe-Pläne Trumps müssen sich die USA voraussichtlich Billionen Dollar im Ausland leihen – zu deutlich höheren Zinsen als bisher.

In der Folge könnte der Dollar aufwerten, was zu einem steigenden Handelsdefizit führen würde. Unternehmen würden leiden, ein Job-Abbau wäre mittelfristig wohl kaum abzuwenden.

Auch Volkswirt Welfens sieht nach dem kurzfristigen positiven Effekten von Trumps Wirtschaftspolitik mittelfristig vor allem negative Folgen: "Die OECD übersieht das steigende Leistungsbilanzdefizit der USA“, sagte er der Huffington Post.

Die Expansion der US-Bauwirtschaft bedeute ein Anwachsen des Sektors der nichthandelsfähigen Güter, was die US-Exportdynamik schwäche, so der Volkswirt.

Heißt: Einige Unternehmen profitieren zwar von Trumps Wirtschaftsplan – etwa die Baufirmen – die Exporte werden dadurch aber kaum steigen.

Damit nicht genug. Es droht ein regelrechter Handelskrieg mit China, sollten die USA hohe Importzölle auf chinesische Waren erheben.

“Falls der US-Protektionismus Chinas Wachstum dämpft, wirkt das negativ auf die USA zurück, denn die US-Exporte nach China werden langsamer wachsen - noch dazu, wenn China selbst protektionistische Gegenmaßnahmen ergreift und wenn die US-Währung verstärkt aufwertet“, sagt Welfens.

Sogar nach Europa könnte dieser Konflikt überschwappen. Welfens Szenario: Wenn China die Waren, die es nicht mehr in den USA los wird, auf den europäischen Markt wirft, fallen die Preise, europäische Unternehmen leiden.

Auch Michael Holstein, Ökonom bei der DZ Bank, sieht die mögliche wirtschaftliche Abschottung der USA unter Trump kritisch – er hat aber Hoffnung, das der Präsident von einigen Positionen abrückt:

Der Huffington Post sagte Holstein: "Die Politik des Protektionismus sehen wir mit großer Sorge. Trump wird jedoch wahrscheinlich nicht alles durchsetzen, was er im Wahlkampf angekündigt hat. Wir rechnen kurzfristig nicht mit Maßnahmen in diese Richtung."

4. Welche Wirtschaftszweige profitieren von Trump, welche leiden?

Die Bauindustrie wird profitieren. So viel scheint sicher. Auch europäischen Unternehmen, wie die deutsche Baufirma Hochtief.

Ebenso kann sich die Pharmaindustrie über Trumps Sieg freuen. Hillary Clinton hatte gedroht, die Preise für Medikamente zu deckeln. Von Trump ist ein solcher Schritt nicht zu erwarten.

Ebenfalls unter den Gewinnern: die Waffen- und Rüstungsindustrie in aller Welt. Europäische Staaten könnten künftig mehr in ihre Verteidigung investieren, wenn Trump seine Ankündigung wahrmacht und den Nato-Staaten Teile der militärischen Unterstützung entzieht.

Die großen Verlierer unter Trump dürften die Erneuerbare-Energien-Branche, die Auto- und die Digitalindustrie sein.

Erstere ist Trump ein Dorn im Auge. Der künftige Mann im Weißen Haus predigt gebetsmühlenartig, den so genannten Clean Power Plan der Regierung Obama kippen zu wollen. Auch die deutsche Windkraftindustrie hat Trump bereits ins Visier genommen.

In einem Gespräch mit der "New York Times" wütete er: "Ich habe ein Problem mit Wind. (...) Windmühlen töten Vögel und Windmühlen benötigen massive Subventionen.“ Die meisten dieser Windmühlen kämen aus Deutschland und Japan.

Stattdessen will Trump die Umweltauflagen für die Erdgas-, Kohle- und Ölindustrie senken.

Auch der Autoindustrie drohen wegen der angekündigten Handelsschranken Einbußen. Viele ausländische Autohersteller sind vom US-Markt abhängig, auch die deutschen. Denen blüht sogar noch ein weiteres Hindernis: Trump will massive Strafzölle auf Waren aus Mexiko einführen. Volkswagen, BMW und Daimler haben in der Vergangenheit stark in Produktionsstätten in dem US-Nachbarstaat investiert.

Was Hoffnung macht: Trumps Pläne, Importe drastisch zu kürzen und Waren in Zukunft exklusiv in den USA zu produzieren, um "Jobs zurückzuholen", sind in letzter Konsequenz kaum realistisch.

Das Online-Magazin "Marketplace" rechnete bereits 2014 vor: Ein Made-in-America-iPhone würde rund 2000 US-Dollar kosten.

DZ-Bank-Analyst Holstein könnte mit seiner Einschätzung also Recht behalten: Trump wird die Forderungen aus dem Wahlkampf nicht 1:1 durchsetzen. Denn selbst ein US-Präsident ist nicht mächtiger als die Realität. Retter hin oder her.