Huffpost Germany

"Jeder neue Tag bedeutet mehr Tote": So schildert ein Notarzt die Lage in Aleppo

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Die Truppen des Diktators Baschar al-Assad nehmen immer größere Teile Aleppos ein. Das Leid der Menschen in der belagerten Stadt nimmt täglich zu. Notarzt Dr. Hamza al-Khatib schildert das Leben in der belagerten Stadt - an die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat er eine deutliche Botschaft.

"Ein typischer Tag sieht für mich so aus: Ich werde in den Morgenstunden entweder durch explodierende Bomben oder die Sirenen der Krankenwagen geweckt. Dann fahre ich selbst ins Krankenhaus und arbeite dort meist 10 Stunden am Stück bis 8 Uhr am Abend. Dann esse ich und warte am Krankenhaus auf neue Fälle. Um 2 Uhr Nachts gehe ich dann meist ins Bett - bis mich der Krieg wieder weckt.

aleppo
(Ein Verletzter wird in Aleppo zu einem Krankenhaus transportiert. Quelle: Getty)

Derzeit fehlt es an allem. Medikamenten natürlich. Krankenschwestern. An Räumen, in denen wir arbeiten können. Es gibt in Aleppo derzeit noch 38 Ärzte und zwei nicht völlig zerstörte Krankenhäuser - für rund 300.000 Menschen. Auch wir Ärzte können jeden Moment zum Ziel werden, es ist eine grauenvolle Art zu arbeiten.

Im Moment ist die Situation ein Desaster, es gibt stündlich Luftangriffe, Bombardements, Granaten- und Mörserangriffe. Auch Chlorgasbomben werfen die Flugzeuge ab. Außerdem gehen uns die Lebensmittel aus. Brot gibt es nur noch alle zwei Tage.

Die Situation in der Stadt hat sich drastisch verändert, seit Russland im letzten September in den Krieg eingegriffen hat. Seitdem ist die Zahl der Verletzten extrem gestiegen und auch Krankenhäuser wurden Ziel der Angriffe.

krankenhaus
(Von syrischen Bomben zerstörtes Krankenhaus in Aleppo. Quelle: Getty)

Jeden Tag wird die Situation schlimmer. Jeder Tag heißt weniger Essen, weniger Strom, weniger Treibstoff, weniger Wasser und mehr Tote.

Da es kaum mehr Holz oder Treibstoff gibt, können wir nicht mehr heizen; jetzt, wo der Winter kommt.

Kürzlich gab es einen Luftangriff - 350 Menschen wurden gleichzeitig im Krankenhaus eingeliefert. Es war ein absoluter Albtraum.

aleppo
(Kinder in den Ruinen von Aleppo. Quelle: Getty)

Derzeit gibt mir nichts mehr Hoffnung. Es gibt einfach keine Zeichen, dass die Angriffe aufhören oder dass es einen dauerhaften Hilfskorridor gibt. Aber dennoch kann es ja nicht sein, dass es hier ewig so weitergeht. Alle Toten - die Väter, Mütter und Kinder - werden hoffentlich nicht umsonst gewesen sein. In den vergangenen Jahren habe ich häufiger den Glauben an die Menschheit verloren - das, was hier passiert, hat nichts mehr mit Menschlichkeit zu tun.

An die deutsche Bundeskanzlerin Merkel habe ich eine eindringliche Bitte und eine Botschaft: Sie könnte so viel tun - sie regiert eines des mächtigsten und größten Länder der Welt. Bitte sorgen Sie dafür, dass die Kriegsverbrechen aufhören und es eine Flugverbotszone in Aleppo und über ganz Syrien gibt!

Sie und die Menschen im Westen hören derzeit fast nur etwas in Aleppo - aber Aleppo ist derzeit überall in Syrien. Es gibt derzeit 14 Gebiete in Syrien, die belagert werden und in denen es den Menschen genauso geht wie uns in Aleppo. Es gibt immer noch Hoffnung auf Frieden."

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(mf)