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Wendepunkt im Syrien Krieg? Das bedeutet die Rückeroberung großer Teile Aleppos

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ALEPPO
Noch bis zu 250.000 Menschen sind wohl noch in der nahezu vollständig zerstörten Stadt Aleppo. | Abdalrhman Ismail / Reuters
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"Das ist die schwerste Niederlage der Rebellen, seitdem sie Aleppo 2012 eingenommen haben." Das sagte der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman am Montag.

Denn Syriens Regime ist im Kampf um die wichtige Großstadt Aleppo ein entscheidender Schlag gegen die Rebellen gelungen. Die Armee und ihre Verbündeten nahmen nach heftigen Kämpfen und Luftangriffen den kompletten Norden der Rebellengebiete in Aleppo ein, wie die Beobachtungsstelle und die staatliche Nachrichtenagentur Sana am Montag vermeldeten.

Damit haben die Regimegegner mehr als ein Drittel des bislang von ihnen kontrollierten Gebietes in der einstigen Millionenstadt verloren. Die dreiwöchige Offensive, die das Regime am 15. November startete, brachte nun schneller als erwartet den gewollten Erfolg für Assad.

Doch was bedeutet die Rückeroberung großer Teile Aleppos?

1. Den höchsten Preis zahlt die Zivilbevölkerung

Mindestens 500 Menschen starben laut der syrischen Hilfsorganisation "The White Helmets" (Weißhelme) bei den jüngsten Kämpfen.

Zudem seien rund 6000 Menschen in den kurdischen Ortsteil Scheich Maksud geflohen, erklärte die Beobachtungsstelle, "Spiegel Online" nannte gar 10.000 Flüchtende.

Im Osten Aleppos sollen nach Schätzungen noch etwa 250.000 Menschen leben. Wegen der Blockade fehlt es in den Rebellengebieten akut an Lebensmitteln, sauberem Trinkwasser, Strom und medizinischer Versorgung. Das internationale Rote Kreuz warnte, in dem eingekesselten Gebiet gingen die Nahrungsmittel zur Neige.

Die von der Regierung gestellten "menschlichen Korridore" boten keinen durchgängigen und sicheren Ausweg. Sie wurden immer wieder von Überraschungsangriffen heimgesucht.

Nach heftigen Bombardierungen durch Syriens Regime und Russland sind laut "Ärzte ohne Grenzen" acht von neun Krankenhäusern in Aleppo außer Betrieb.

Die Weißhelme erklärten Aleppo zu einer "völlig zerstörten Stadt", in der sich eine "humanitäre Katastrophe" abspiele. Die Organisation habe fast alle Geräte zur Rettung von Zivilisten verloren.

2. Das Aushungern und Ausbomben hat System

"Assad hat die Strategie des systematischen Aushungerns und Ausbombens schon vielfach erfolgreich angewendet", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Sei es in Homs oder in Daraya, einem Vorort von Damaskus. Was blieb sind Geisterstädte, die nur aus Ruinen bestehen.

So auch in Aleppo: Die Straßen auf den Triumphbildern im syrischen Staatsfernsehen sind menschenleer. Von den Kurden verbreitete Aufnahmen zeigten, wie Menschen nur mit dem Nötigsten als Gepäck aus den befreiten Stadtteilen in andere Viertel zogen.

3. Für Assad könnte Aleppo zum Wendepunkt des Syrien-Krieges werden

Aleppo ist das wirtschaftliche Zentrum von Syriens Nordwesten. Eine Rückeroberung der Stadt würde für Assad und seine iranischen und russischen Verbündeten einen großen Erfolg bedeuten.

Sollte es der syrischen Regierung gelingen, das Momentum aufrecht zu erhalten, könne der Fall von Aleppo zum Wendepunkt des syrischen Bürgerkriegs werden, so der TV-Sender CNN.

Bei einer vollständigen Rückeroberung könnte der syrische Präsident Aleppo als Stützpunkt nutzen und von dort weitere Offensiven in ländliche Gebiete starten, die weiterhin unter rebellischer Führung stehen.

Schon jetzt ist die Opposition in anderen Teilen Syriens auf dem Rückzug. Nach einem Abkommen mit dem Regime zogen rund 350 Rebellen mit ihren Familien aus dem Ort Khan Scheichun rund 20 Kilometer südwestlich von Damaskus ab, wie es aus Regierungskreisen hieß.

Militärexperten sind sich jedoch einig, dass der Fall von Aleppo nicht das Ende des Syrienkonfliktes sein wird. Die Rebellen sind ohnehin nicht die einzige Gruppierung, die sich gegen das Assad-Regime wehrt.

4. Putin will bis zu Trumps Amtseinführung Fakten schaffen

Der russische Präsident Wladimir Putin, der Assad unterstützt um seinen Status im Mittleren Osten und im eigenen Land zu stärken, profitiert erheblich vom jüngsten Erfolg.

Wie die starke militärische Unterstützung insbesondere durch Bombardements aus der Luft zeigt, will Putin mit allen Mitteln durchsetzen, dass Assad Aleppo kontrolliert. "Allerdings will Assad das ganze Land wiederhaben, und es ist keinesfalls sicher, ob Putin auch dafür zur Verfügung steht", schreibt die österreichische Zeitung "Der Standard".

In jedem Fall will Moskau bis zu Trumps Amtseinführung Fakten schaffen, glaubt der der Uno-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura. Putin wolle die Zeit scheinbar für eine zerstörerische Offensive nutzen, so Mistura

An Aleppo zeigt sich zudem die Schwäche und die verfehlte Politik des Westens, allen voran der USA und seiner Verbündeten. Sie ließen ein Machtvakuum im Bürgerkrieg entstehen, in das Moskau zugunsten der syrischen Regierung vorstieß - und schauen nun ohnmächtig zu.

Mit Material der dpa

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