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"Von wegen schweigende Mehrheit": Wie eine kleine Gruppe rechter Hetzer die Demokratie gefährdet

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"Von wegen schweigende Mehrheit": Wie eine kleine Gruppe rechter Hetzer die Demokratie gefährdet | Reuters / HuffPost
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Der Ton ist rau, die Meinungen unvereinbar. Wie hochpolarisiert die deutsche Gesellschaft ein Jahr vor der Bundestagswahl ist, lässt sich in den Kommentarspalten nahezu aller Nachrichtenmagazine nachlesen.

Dabei schießen viele Internetnutzer regelmäßig über das Ziel hinaus. Das Bundesamt für Justiz hat dazu beunruhigende Zahlen veröffentlicht. Demnach hat die Anzahl von Hasskommentaren im Internet im Jahr 2015 massiv zugenommen.

Um 130 Prozent stieg die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen "Volksverhetzung" und "Gewaltdarstellungen" im Vergleich zum Vorjahr, berichtet die "Süddeutsche Zeitung“.

Patrick Gensing kennt sich mit dem Phänomen der Hass-Kommentare aus. Der Journalist veröffentlichte im Mai das Buch "Rechte Hetze im Netz - eine unterschätzte Gefahr".

Mehr zum Thema: Liebe wütende Facebook-User, seit ich mit euch zu tun habe, glaube ich an den Dritten Weltkrieg

Der Huffington Post sagte Gensing: "Heute treten diese Kommentare so massiv auf wie nie. Es wird mehr, es wird radikaler. Was wir wahrnehmen ist eine krasse, krasse verbale Gewalt."

Die Folgen dieser Entwicklung können verheerend sein. Der Experte warnt: "Auf diese verbale Gewalt kann immer auch physische Gewalt folgen. Die verbale Gewalt bereitet Attacken und Anschläge vor."

Eine kleine, laute Gruppe

Dennoch dürfe man die Ausmaße des Problems nicht überbewerten. Gensing erklärte: "Wir müssen versuchen einzuschätzen, wie groß die Gruppe der Hetzer wirklich ist. In vielen Kommentarspalten schreiben nämlich wenige dutzend User den überragenden Anteil der Kommentare."

Er glaubt, dass rechte Meinungen im politischen Diskurs derzeit überrepräsentiert seien. Dies liege auch an den Medien, die Populisten eine unverhältnismäßige Bühne bieten würden.

Gensing sagte der HuffPost: "Die Rechtspopulisten stellen sich ja selbst oft als 'schweigende Mehrheit' da. Das ist Unsinn, denn sie sind in der medialen Darstellung eher überrepräsentiert – beispielsweise wurde auch den Pegida-Leuten von den Medien eine unverhältnismäßige Bühne geboten."

In Wahrheit seien es wenige Menschen, die in den sozialen Medien sehr laut aufträten, während die Mehrheit der Deutschen diese Positionen ablehnte.

Die gefährliche Dynamik der sozialen Medien

Der Experte erklärt: "In sozialen Medien entwickelt sich natürlich eine enorme Dynamik, wenn sich die Menschen mit ihren extremen Kommentaren gegenseitig befeuern."

In Zukunft könnte sich dieser Effekt sogar noch verstärken. So erklärte die AfD vor einigen Wochen, im Wahlkampf so genannte Social Bots einsetzen zu wollen. Das sind Programme, die eigenständig Beiträge in sozialen Medien und Kommentarspalten veröffentlichen.

CDU-Vize Julia Klöckner warnte zuletzt in der Huffington Post vor der Einflussnahme solcher Bots auf den Wahlkampf.

"Der Ton im Netz wird rauer, offene Anfeindungen sind keine Seltenheit. Dass auch Bots, also automatisierte Profile, inzwischen verstärkt für üble Attacken genutzt werden, verschärft die Situation inzwischen", sagte Klöckner.

In der CDU wächst die Angst vor der Meinungsgewalt von Facebook. Gensing hat dafür eine einfache Erklärung: "Die etablierten Parteien haben die Entwicklungen in den sozialen Medien sicherlich verschlafen." Die AfD sei auf diesem Gebiet deutlich stärker, da sie sich die Mechanismen der sozialen Medien besser zu Nutzen mache.

"Demokratie löst sich auf"

"Hier funktionieren einfache und emotionale Inhalte – und das entspricht exakt den Politikkonzepten von Populisten", so der Journalist. Das sei aber ausdrücklich kein Alleinstellungsmerkmal von rechten Populisten. "Auch Sahra Wagenknecht von der Linken weiß sehr gut, wie man auf dieser Klaviatur spielt."

Glaubt man dieser Einschätzung, könnte der wachsende Hass bei Facebook letztendlich gar das demokratische System ins Wanken bringen – und das ungeachtet der recht kleinen Gruppe der Menschen, die mit ihren Hetz-Kommentaren täglich über die Stränge schlägt.

Gensing unkt: "Wenn der Hass den konstruktiven Streit ersetzt, erodiert die Demokratie immer weiter. Sie löst sich auf."

Hier geht es zum neuen Buch von Patrick Gensing "Rechte Hetze im Netz - eine unterschätzte Gefahr"

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(mf)