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"China und die islamische Welt lachen sich halbtot ": So gefährlich ist die Achse Ankara-Moskau-Peking wirklich

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PUTIN ERDOGAN CHINA
"China und die islamische Welt lachen sich halbtot ": So gefährlich ist die Achse Ankara-Moskau-Peking wirklich | Mikhail Metzel via Getty Images
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Leise Töne und dezente Diplomatie liegen Recep Tayyip Erdogan nicht. Eher einem Paukenschlag glich denn auch die Erklärung des türkischen Präsidenten, er könne sich durchaus vorstellen, dass sich Ankara der von Moskau und China dominierten Schanghaier Kooperationsorganisation (SCO) anschließe. Er habe darüber auch schon mit Putin gesprochen, erzählte Erdogan auf dem Rückflug von einem Arbeitsbesuch im zentralasiatischen Usbekistan Journalisten.

Erdogans Worte sind eine klare Drohung gegen NATO und EU. Mitglieder der SCO sind neben Russland und China auch die zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan. Die Organisation wurde 2001 gegründet, offiziell als regionaler Sicherheitsblock, zu einem besseren Schutz vor Islamisten und Drogenschmugglern.

Das ist aber bestenfalls ein Teil der Wahrheit. Die gesteuerten russische Medien nennen die SCO zuweilen schon eine "Anti-NATO“ oder einen neuen Warschauer Pakt. Die Türkei hat bislang ebenso wie Weißrussland nur den Status eines Gesprächspartners in der SCO: Sie darf an Treffen teilnehmen darf, besitzt aber kein Stimmrecht.

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Putin ist ein Scheinriese wie aus "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer"

Nach Erdogans Ankündigung geht in vielen westlichen Hauptstädten die Sorge um vor einer neuen Achse Ankara-Moskau-Peking. Moskauer Stimmen wie der Gasprom-Lobbyist Alexander Rahr warnen bereits seit langem vor einer solchen "Bedrohung“ für die EU – und betreiben damit das Geschäft des Kremls.

Mangels Wirtschaftskraft und militärischer Stärke abseits von Atomwaffen konzentriert sich Wladimir Putins Politik in vielem auf das Schaffen von Drohkulissen. Seine Position erinnert dabei an den Scheinriesen Tur Tur aus Michael Endes Kinderbuch "Jim Kopf und Lukas der Lokomotivführer“, der nur aus der Ferne groß und stark scheint.

Ebenso wie Tur Tur entpuppt sich Putin bei Annäherung als viel kleiner als wahrgenommen. Damit enden die Parallelen mit Putin aber auch: Tur Tur ist im Märchen einfühlsam, freundlich und gutmütig und will weder Stärke noch Macht zeigen, wie man es von ihm aufgrund der gefühlten Größe annimmt.

Ebenso wie der frühere KGB-Oberstleutnant Putin versteht sich Erdogan prächtig im Drohen – mangels Masse, Atomwaffen und Geschicklichkeit wird er dabei aber weitaus weniger ernst genommen als sein Widerpart in Moskau, dem er in vielerlei Hinsicht ähnlich ist. Ebenso wie Putin fühlt sich Erdogan vom Westen geschmäht und gedemütigt.

Gerade bemängelte er erneut die zögerliche Haltung Europas im Beitrittsprozess: "Die EU hält uns seit vollen 53 Jahren hin.“ Mit seinen Avancen an die SCO erinnert er an einen verschmähten Liebhaber, der er mit einer konkurrierenden Braut kokettiert.

Die SCO ist für Erdogan so attraktiv wie eine abgetakelte Domina

Die Drohung mit dem Fremdgehen hat nur einen Konstruktionsfehler: Die andere Braut ist für die Türkei etwa so attraktiv wie es eine abgetakelte Domina für jemanden wäre, der eigentlich mit Sharon Stone liiert sein wollte. Militärisch wie wirtschaftlich hat die SCO der Türkei wenig zu bieten – denn das Land ist mit seiner Armee ebenso wie mit seiner Wirtschaft auf den Westen ausgerichtet.

Eine Umorientierung wäre langwierig und verlustreich, sie würde der Türkei viele Perspektiven nehmen.
Schlimmer noch: Anders als die NATO und die EU ist ein auf Russland und China ausgerichtetes Bündnis kein zuverlässiger Partner.

Wo statt Werten und Spielregeln deren Fehlen und der augenblickliche Vorteil das Handeln bestimmen, kann ein schwächerer Juniorpartner wie es die Türkei wäre schnell unter die Räder kommen. Wie brüchig eine Liaison zwischen Autokraten sein kann, haben Moskau und Ankara gerade erst vorgeführt wie in einem billigen Hollywood-Liebesdrama: Einem intensiven Flirt folgte ein öffentlicher Rosenkrieg nach dem Abschuss eines russischen Kampfbombers im Syrieneinsatz über türkischem Hoheitsgebiet, in dem sich beide nichts ersparten, und danach eine ebenso stürmische Aussöhnung.

Für die war allerdings ein kaum kaschierter öffentlicher Kniefall Erdogans vor Putin nötig – eine Demütigung, die der schnell gekränkte Erdogan wohl kaum so schnell vergessen wird.

Auch für Russland macht eine Achse mit Ankara und Peking keinen Sinn. Schlimmer noch: Sie mag vorteilhaft für den herrschenden Clans um Putin sein – doch sie widerspricht den langfristigen Interessen des Landes.

"China und die islamische Welt lachen sich halbtot über Russland"

"China und die islamische Welt sind unsere wichtigsten Konkurrenten, an der Grenze zu ihnen laufen die Haupt-Konfliktzonen unseres Landes“, mahnt ein bekannter Russe, der einst eng mit Putin zusammenarbeitete, ihm heute kritisch gegenübersteht und deshalb anonym bleiben will.

Er sagte: "In Russlands langfristigem Interesse wäre eine enge Zusammenarbeit und ein Schulterschluss mit dem Westen, mit dem man gemeinsam die Interessen gegen China und die islamischen Welt verteidigen könnte; beide lachen sich halbtot darüber, dass Russland sich jetzt mit seinem natürlichen Verbündeten prügelt. Das ist die Tragödie von Putins Außenpolitik.“

Ein Blick auf die Landkarte genügt, um sich die Gefahren für Russland zu vergegenwärtigen: An die ebenso menschenleeren, rückständigen wie rohstoffreichen russischen Gebiete in Sibirien und dem Fernen Osten grenzt das wirtschaftlich weitaus weiter entwickelte und überbevölkerte China.

Schon heute hat Peking großen Einfluss jenseits der chinesisch-russischen Grenze – und der wird wachsen, auch politisch. Bei einem möglichen Auseinanderbrechen Russlands wäre China der größte Sieger und würde maßgeblichen Einfluss auf die Gebiete im heutigen Osten des Landes mit seinen gigantischen Bodenschätzen erhalten.

Als Rohstoffkunde ist China weitaus weniger zuverlässig und auch ein viel härterer Geschäftspartner als der Westen; zudem kann Peking die von Moskau etwa für die Ölförderung benötigte Hochtechnologie kaum liefern.

"China und die islamische Welt lachen sich halbtot über Russland"

Zudem ist Russland unter Putin kaum partnerschaftsfähig. Es liegt mit fast allen Nachbarn regelmäßig im Clinch; selbst mit den autoritären Regimen in Weißrussland und Nordkorea fliegen des öfteren die Fetzen – ebenso mit China.

Putin hat gezeigt, dass er mangels Vertragstreue zu längerfristigen Bündnissen nicht in der Lage ist; erst recht nicht als Juniorpartner, was er aufgrund der wirtschaftlichen Stärke in einem Verbund mit China wäre. Peking wiederum würde sich allenfalls kurzfristig und zum Schein auf eine Führungsrolle Russlands einlassen.

Der Islam indes, für den der Glaubenskrieger Erdogan steht, ist die größte innenpolitische Herausforderung Russlands; es waren in der Vergangenheit und sind bis heute vor allem die islamischen Teilrepubliken, in denen es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam – nicht nur in Tschetschenien.

Gefahr eines Bürgerkriegs in Russland

Ranghohe Moskauer Politiker sehen die Gefahr eines Bürgerkrieges – zwischen Christen und Moslems. Den gab es bereits zweimal im Kaukasus – und in Ansätzen schwelt er bis heute weiter.

Eine Achse Moskau-Peking-Ankara, als Internationale der autoritären Regime, wäre also wegen der massiven inneren Interessenkonflikte langfristig kaum stabil. Andererseits könnte sie – gerade auch weil keine Werte oder demokratische Institutionen den Handlungsspielraum einschränken – kurzfristig sehr effektiv sein und massiven Schaden anrichten.

Dies zeigt die jüngste Drohung von Recep Erdogan Richtung EU: "Wenn Sie noch weitergehen, werden die Grenzen geöffnet, merken Sie sich das“, so antwortete Erdogan am Freitag auf die Forderung des EU-Parlaments, die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei einzufrieren.

Sein Ministerpräsident Binali Yildirim wurde noch deutlicher: "Wir sind einer der Faktoren, die Europa beschützen. Wenn Flüchtlinge durchkommen, werden sie Europa überfluten.“ Eine Perspektive, die auch für Wladimir Putin reizvoll ist, dem ja Angela Merkel mit ihrer kremlkritischen Haltung seit langem ein Dorn im Auge ist. So unrealistisch eine längerfristige "autoritäre Achse“ ist – so wahrscheinlich ist es, dass sich Moskau, Ankara und Peking die Bälle zuspielen, um dem Westen zu schaden.