Huffpost Germany

Politologe Krastev: "2017 könnte für Europa ein Revolutionsjahr wie 1917 werden"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FLAMES
Politologe Krastev: "2017 könnte für Europa ein Revolutionsjahr werden wie 1917" | Getty
Drucken

Es ist eine extrem provokante These. Der renommierte Politologe Ivan Krastev warnt davor, dass 2017 ein Revolutionsjahr wie 1917 werden könnte. 1917, das war das Jahr, in dem die bolschewistische Revolution Russland erschütterte und damit auch weitreichende Folgen for Europa hatte.

Wir haben ihn gefragt, wie er darauf kommt – und wie die Revolution ablaufen könnte. "2017 könnte ein Schicksalsjahr für die Europäische Union werden", sagt er im Gespräch mit der Huffington Post. "Entscheidende Ereignisse haben das Potential, die Welt, wie wir sie kennen zu verändern."

"Wir nehmen die EU als gegeben hin. Aber das ist sie nicht"

Den Wahlsieg von Trump und den Brexit sieht er als Warnsignale dafür, dass die Welt vor einem großen Wandel steht. "Erschreckend daran ist nicht, dass es passiert ist – sondern, dass es so viele Menschen überrascht hat", sagt er. Die politische Klasse – also Politiker, Akademiker und Medien – hätten keine Ahnung gehabt, was vor sich geht. Ähnlich sei es um den Zustand der EU bestellt.

"Wir nehmen den Staatenbund als gegeben hin. Aber das ist er nicht", sagt Krastov. Die EU könnte in sich zusammenfallen – und das könnte schon am 4. Dezember beginnen.

Wahlen in Italien und Österreich: Der 4. Dezember ist von immenser Bedeutung

Dann wählen die Österreicher einen neuen Präsidenten. Es steht unentschieden zwischen dem EU-Verfechter Alexander van der Bellen und Norbert Hofer, der laut über einen EU-Austritt nachdenkt.

Am gleichen Tag stimmt Italien über wirtschaftliche Reformen ab, an die Ministerpräsident Mario Renzi sein Schicksal geknüpft hat. Renzi ist der letzte verbliebene EU-Verfechter unter Italiens Spitzenpolitikern. Geht er, ist der Verbleib im Staatenbund ungewiss. Gewiss hingegen ist der Rückschlag für die Wirtschaft, die Zinsen könnten in die Höhe schnellen, die Eurokrise wäre zurück.

Großbritannien, Österreich, Italien: "Wenn sich die Anzeichen der Desintegration in der EU verstärken, wenn sich Furcht breitmacht, dass die EU nicht für immer ist, würde das zu Panik in den Regierungen der Mitgliedsstaaten führen“; sagt Krastov.

So könnte der Zerfall der EU ablaufen

Die Länder würden anfangen, sich von der EU so weit wie möglich unabhängig zu machen. Das heißt: Regierungen würden ihre Grenzen selbst schützen, wie das bereits in den Balkanländern passiert. Schengen wäre damit quasi tot. Sie würde über eine eigene Währung nachdenken – der Euro wäre passé. Die Zahlungen an die EU und damit das Solidarprinzip würden in Frage gestellt.

Hinzu kommt, dass ein EU-Zerfall auch dazu führen könnte, dass Staaten auseinander brechen. In Spanien gibt es eine gewaltige Unabhängigkeitsbewegung, die bei einem EU-Austritt gestärkt wäre. "Die EU würde noch existieren, aber sie wäre fundamental anders", sagt Krastov.

Die EU basiere auf der Annahme, dass die Zusammenarbeit der Staaten das Kriegsrisiko minimiert. Je mehr Integration, desto geringer ist die Kriegsgefahr. "Das trifft bei positiven Erwartungen an die Zukunft auch zu“, sagt Krastov. "Aber wenn die Erwartungen negativ werden – besonders im wirtschaftlichen Bereich – steigt die Kriegsgefahr", sagt er.

Vier zentrale Ereignisse: Das könnte 2017 passieren

2017 könnte die Tragödie ihren Lauf nehmen.

Am 20. Januar kommt Trump an die Macht. "Das wird die Rechtspopulisten weiter bestärken, die jetzt schon denken, dass die Geschichte auf ihrer Seite ist", sagt Krastov. Trump könnte eine Zäsur für die Europäer bedeuten – die USA als Staat, der die europäische Integration unterstützt hat, wäre Geschichte. Das Trump als ersten europäischen Politiker den Brexit-Kämpfer Nigel Farage getroffen hat, befeuert diese Sorge.

Am 17. März dann wählen die Niederlande. "Ein Gründungsmitglied und noch dazu eines der liberalsten Länder des Staatenbundes könnte in die Hände von Rechtspopulisten fallen. Das wäre ein fatales Signal", sagt Krastov.

Noch fataler wäre es, wenn im Mai Marine Le Pen nächste Präsidentin Frankreichs wird. "Die deutsch-französische Freundschaft, die so entscheidend ist in der EU, wäre von heute auf morgen paralysiert", sagt Krastov. Le Pen steht an der Seite von Trump und Putin – und nicht von Merkel. Hinzu kommt: Die Front-National-Politikerin hat ihren Wählern ein Referendum über den EU-Austritt versprochen.

"Europas Schicksal entscheidet sich in Berlin"

"Unionen zerfallen nicht in der Peripherie, sondern im Zentrum“, sagt Krastov. Deswegen wird die Bundestagswahl auch eine Schicksalswahl über Europa. Bislang sieht es so aus, als würde Merkel die Wahl gewinnen und ihren EU-freundlichen Kurs fortfahren.

Aber wird sie sich damit noch durchdringen können, wenn sie umringt ist von EU-Feinden in Italien und Frankreich? "Das wird schwierig", sagt Krastov. "Merkel und Deutschland wären isoliert", sagt er.

Der Forscher hat aber auch ein anderes Szenario. Eines, das weniger düster ist. "Der Sieg von Trump könnte auch identitätsstiftend sein", sagt Krastov. Eingeengt zwischen Putin und Trump könnte Europa so stark zusammenwachsen, wie es heute noch keiner zu träumen wagt.

Ivan Krastev ist Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien. Gleichzeitig leitet er das Centre for Liberal Strategies in Sofia. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und schreibt Kolumnen für die "New York Times". 2007 zählte er zu den Gründungsmitgliedern des European Council on Foreign Relations in Brüssel.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(ks)