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Kioskbetreiberin hat kein Geld für Rentenbeiträge - der Tipp eines CDU-Politikers entsetzt das Publikum

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(Eine Zusammenfassung seht ihr im Video oben)

Während Andrea Nahles und Wolfgang Schäuble im Kanzleramt noch um das Rentenniveau feilschten, diskutierte "Maybrit Illner mit ihren Gästen über die Zukunft der Altersvorsorge.

Viele Betroffene kamen zu Wort. Zuerst sprach die Moderatorin mit der Rentnerin Magda Kunkel. Die hatte 40 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt und drei Kinder großgezogen - erhält nun aber nur 630 Euro und ist daher von der Grundsicherung abhängig.

"Viel schlimmer als die Armut ist aber die Demütigung", sagt sie - wenn sie beim Amt zum Beispiel einen Zuschuss für Schuhe beantragen muss, und dann zum Vorzeigen von Quittungen und Kontoauszügen aufgefordert wird.

"Man wird bestraft, wenn man Mutter sein möchte"

Der Vorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, möchte Schicksale wie dieses mit einer Mütterrente mildern - eine Rente für Frauen, die nicht oder nur in Teilzeit arbeiten, weil sie Kinder erziehen. Er warnte jedoch vor der Annahme, die beitragsfinanzierte Rentenkasse könne "alle sozialen Probleme, die es gibt in diesem Land" regeln.

Die Gebäudereinigerin Carla Rodrigues Fernandes ist 43 Jahre alt und arbeitet Teilzeit zum Mindestlohn, um sich um ihre Tochter zu kümmern. "Man wird bestraft, wenn man Mutter sein möchte", beklagt sie sich.

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"In die Rentenkasse einzuzahlen, kann ich mir nicht leisten", sagt sie. Selbst wenn sie die nächsten 20 Jahre voll verdienen würde, wird ihre Rente nur rund 800 Euro betragen. Das entspricht der Grundsicherung.

"Der ganz große Knall kommt ja noch"

Sie erwartet wenig von der Zukunft: "Der ganz große Knall kommt ja noch", sagt sie. "Und da gehöre ich wahrscheinlich dazu".

Den großen Knall sehen auch die anderen Gäste kommen. Der Politikwissenschaftler Antonio Brettschneider, Co-Autor der Studie "Lebenswege in die Altersarmut" warnt, das bald der Jahrgang der Babyboomer in Rente gehe - mit vielen "perforierten Erwerbsbiografien".

Da muss auch Malu Dreyer, SPD-Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, zugeben: "Die Beiträge werden steigen, das Rentenniveau wird sinken und wir müssen über eine Flexibilisierung des Rentenalters sprechen."

Das Beispiel der Fernandes nimmt Brettschneider zum Anlass, seinen Vorschlag für einen "Renten-Cent" in die Diskussion einzubringen. Der derzeitige Mindestlohn von 8,50 Euro reiche nicht für eine Rente über der Grundsicherung. Die erforderlichen 12,50 Euro Stundenlohn seien aber nicht durchsetzbar.

"Die Lösung für den Lebensabend lautet Hartz IV"

Er schlägt daher eine Mindestbemessungsgrundlage für Rentenbeiträge vor. "Das heißt, der Arbeitgeber müsste nochmal für jede Stunde 75 Cent drauflegen für die Rente." Der Anteil der Rentenbeiträge der Arbeitgeber wäre also so groß, als würden sie 12,50 Stundenlohn zahlen - obwohl sie nur 8,50 Euro Mindestlohn geben.

Dem widerspricht der Wirtschaftsweise Christoph M. Schmidt: "So einfach ist die Welt nicht." Wenn die Lohnkosten steigen, würde umgekehrt die Zahl der Arbeitsplätze sinken. Der JU-Chef stimmt ein: "Populistisch" nennt er diesen Vorschlag.

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Claudia Kloß-Fricke beschreibt das Schicksal vieler Selbstständiger. Sie betreibt am Bahnhof von Bad Pyrmont einen Kiosk. Kloß-Fricke arbeitet jeden Tag 12 Stunden und mehr. Am Ende des Monats bleiben ihr 800 Euro - viel zu wenig, um etwas für das Alter zurückzulegen. Ihre Lösung für den Lebensabend lautet "Hartz IV".

"Unsere Politiker haben den Hang zu der Realität verloren"

"Unsere Politiker haben den Hang zu der Realität verloren", beklagt sie sich. Selbständige wie sie sollen nun verpflichtet werden, in die Rentenkasse einzuzahlen. "Von was?", fragt sich die Frau.

Ziemiak will eine ehrliche Antwort geben - macht sich aber nicht gerade beliebt beim Publikum. Sie müsse sich die Frage stellen, ob sie so einen Kiosk noch weiter führen wollen. Sie solle "etwas anders machen, um mehr Geld zur Verfügung zu haben." Gemurmel und höhnische Gelächter im Publikum. "Das finde ich so eine Frechheit", sagt Kloß-Fricke.

Ziemak verteidigt sich. Andere Lösungen zu finden - "das gehört doch dazu".

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(ks)