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"Ich war ein Sausack": Martin Schulz harter Weg zum Kanzlerkandidaten

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Sein alter Arbeitsplatz: Martin Schulz im Brüsseler Sitz des EU-Parlaments

Martin Schulz (60) tritt in Berlin an. Der Präsident des Europäischen Parlaments hat seinen Wechsel von Brüssel in die deutsche Hauptstadt angekündigt. Und schon wird er dort als neuer Außenminister und möglicher Kanzlerkandidat der SPD gehandelt. Welche Rolle der gebürtige Rheinländer tatsächlich spielen wird, lässt er noch offen. Nur so viel mag er bei der Pressekonferenz verraten: "Ich werde nun von Berlin aus für das europäische Projekt kämpfen." Das kann alles Mögliche heißen.

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Eigentlich ist Schulz als Mann klarer Worte bekannt. 2003 hat er als EU-Abgeordneter dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi derart zugesetzt, dass der ihn entnervt als "Kapo" beschimpfte. Ähnlich wie der ehemalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder gilt Martin Schulz als ehrgeizig und machtbewusst. Und ähnlich wie Schröder weist Schulz auch gern auf seine proletarischen Wurzeln hin.

Nicht immer Geld für Schulbücher

Er kommt aus kleinen Verhältnissen, der Vater entstammte einer sozialdemokratisch orientierten Bergmannsfamilie, die Mutter kam aus einem streng katholischen Haus und gehörte später zu den Gründungsmitgliedern des CDU-Ortsverbandes Würselen. Bei ihm daheim habe das Geld nicht immer für Schulbücher gereicht, erzählt Schulz bei der Verleihung des Heinrich-Albertz-Friedenspreis des Sozialverbands AWO. Er ist das jüngste von fünf Kindern.

"Ich war ein Sausack"

Er besucht in Würselen das katholische Heilig-Geist-Gymnasium, das er 1974 wegen schlechter schulischer Leistungen verlassen muss - ohne Abitur. Später werden ihm vier Ehrendoktortitel verliehen. "Ich war ein Sausack", so beschreibt Schulz anschaulich seine Schulzeit in einem Interview mit dem Magazin "Bunte". Er habe nichts als Fußball im Kopf gehabt, denn er will ja unbedingt als Profi zu seinem Lieblingsverein Alemannia Aachen. Doch eine schwere Knieverletzung, die er sich als linker Verteidiger in der Jugendmannschaft von Rhenania Würselen zuzieht, setzt diesem Berufswunsch ein Ende.

Ganz unten angekommen

Der junge Mann stürzt ab. Alkohol bestimmt sein Leben. Er macht zwar eine Lehre als Buchhändler, doch er trinkt viel zu viel. Das Schlimmste sei gewesen, wenn man morgens mit dem Gefühl aufwache, versagt zu haben, berichtet er in jenem Interview mit "Bunte". Er habe alles getrunken, was er kriegen konnte. Täglich nehme man sich vor, es besser zu machen. Schaffe es aber auch am nächsten Tag nicht. "Das ist ein deprimierendes Gefühl. Solche Prozesse brechen dir langsam das Rückgrat."

Seine Geschwister helfen ihm zurück ins Leben

Die Sucht kostet ihn den Job, außerdem droht ihm die Zwangsräumung seiner Wohnung. Er habe sich mit Selbstmordgedanken getragen, schreibt der "Spiegel" in einem Porträt über Martin Schulz. In dieser Situation wendet er sich an seinen Bruder. Der richtet ihn wieder auf. Und seit dem 26. Juni 1980 habe er keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt, berichtet Schulz in seiner Biografie.

Er gründet mit seiner Schwester die Buchhandlung Martin Schulz in Würselen. Zwei Jahre später wird er für die SPD in den Stadtrat von Würselen gewählt, und 1987 wird er Bürgermeister, mit 31 Jahren der jüngste in Nordrhein-Westfalen. Dieses Amt übt er elf Jahre aus.

Harte Arbeit, steile Karriere

Neben seiner Karriere bei der EU (seit 1994) hat er fleißig Sprachen gelernt. Laut "Spiegel" spricht er fließend Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch und Italienisch. Über die Tiefpunkte seines Lebens redet er ganz offen. "Ich habe nichts zu verheimlichen. Die Kämpfe, die ich in meinem Leben auszutragen hatte, habe ich ausgetragen - und zwar erfolgreich", sagt er auch in jenem "Bunte"-Interview.

Lebt als Anti-Alkoholiker in einer Karnevalshochburg

Martin Schulz ist mit einer Landschaftsarchitektin verheiratet, die beiden haben zwei Kinder und wohnen nach wie vor in Würselen. Er ist ein geselliger Mensch, der gern und laut französische Chansons singt. Über seine Stärken witzelt er bisweilen: Es gehöre viel Talent dazu, seit über 30 Jahren keinen Alkohol mehr anzurühren und trotzdem anerkannter Bürger einer Karnevalshochburg zu sein.