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Liebes Deutschland: Wenn ich bei dm oder Edeka an der Kasse stehe, machst Du mir Angst

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Liebes Deutschland, wenn ich bei dm an der Kasse stehe, machst Du mir Angst (Symbolbild) | dpa
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Liebes Deutschland,

es gibt Momente, in denen ich mich ernsthaft Frage, ob Du noch bei Verstand bist. Oder hat Dich die allseits grassierende Angst schon so weit gebracht hat, dass Du Dich selbst nicht mehr erkennst?

Neulich in Berlin etwa, an der Kasse meines Edekas in Moabit: Dort wurden mit großen Aufstellern für ein neues Produkt geworben: Pfefferspray. Das Döschen für 5,99 Euro, "mit praktischem Gürtelclip“ und "patentiertem Panikverschluss“. Natürlich nur zur Tierabwehr. Zwinkersmiley. Als ob es mitten in der Großstadt vor Wölfen, Bären und hungrigen Pumas nur so wimmeln würde.

Gekauft wurde das Spray natürlich vor allem von Leuten, die sich vor ihren Mitbürgern fürchteten. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales liegt zum Beispiel in Moabit, dort werden Flüchtlinge registriert. Da fällt es nicht sonderlich schwer sich zusammenzureimen, wo Edeka in diesem Stadtteil die Nachfrage für Reizgas identifiziert haben will.

Auch bei "dm" gibt es jetzt Pfefferspray

Auch in den "dm“-Drogeriemärkten wird Pfefferspray nun angeboten. Zur Erinnerung: Das ist exakt jene Ladenkette, die einst von dem Anthroprosophen Götz Werner gegründet wurde, der seine Azubis als "Lernlinge“ bezeichnet hat und sie während der Ausbildung in Theater-Workshops geschickt hat, um ihre Persönlichkeitsbildung zu unterstützen.

Auch dort trauen die Kunden nun offenbar anderen Menschen nicht mehr über den Weg. Angeblich hat sogar Götz Werner persönlich die Aufnahme von Pfefferspray ins Sortiment unterstützt.

Aber es geht nicht nur um die kleinen Döschen, die angeblich so ein großes Sicherheitsgefühl vermitteln können. Überall wird in Deutschland gerade aufgerüstet.

Passend zum Thema: Lieber dm, wegen dieses Produkts habt ihr mich als Kunden verloren

Deutsche rüsten auf

Ende Oktober wurde bekannt, dass in Deutschland mittlerweile 440.000 Menschen einen "kleinen Waffenschein“ besitzen, der zum Tragen von Schreckschuss- und Reizgaspistolen berechtigt. Im Vergleich zu 2014 hat sich die Zahl der "kleinen Waffenscheine“ damit fast verdoppelt. Insbesondere Reizgaspistolen können eine tödliche Wirkung haben – wenn etwa die Gaskartusche aus kurzer Entfernung abgefeuert wird.

Insgesamt sind in Deutschland fast sechs Millionen Waffen registriert – überproportional viele übrigens in Bayern. Insgesamt soll es darüber hinaus 20 Millionen illegale Waffen in der Bundesrepublik geben.

Und wer sehen will, wie tief die neue Militanz schon in die Gesellschaft eingesickert ist, der musste in den vergangenen Wochen nur die Anzeigen und Werbevideos studieren, die Facebook in den Stream seiner Nutzer laufen lässt. Mit dabei war unter anderem Reklame für den "Trustbag“ - einem Hipster-Turnbeutel aus einem Material, das auch für Schutzwesten verwendet wird. Es ist stich- und schnittfest – genau das, was der verängstigte Großstadtbürger von heute braucht, wenn er sich das nächste Mal vor die Tür wagt.

Das Produkt wurde zu einem Viralhit und offenbar auch zu einem Verkaufserfolg – trotz eines nicht immer seriös wirkenden Geschäftsgebahrens.

Liebes Deutschland: Ich war als Kriegsreporter in Ländern wie Afghanistan und dem Irak. Als ich im Hindukusch mit der Bundeswehr unterwegs war, habe ich auch eine Schutzweste getragen – deren "weichballistische Einlagen“ unter den harten Schutzplatten übrigens aus einem ähnlichen Material gemacht waren wie der "Trustbag“.

Ich habe die Notwendigkeit dazu akzeptiert, mich schützen zu müssen. Mehrmals geriet ich in Schusswechsel. Und einmal ist wenige Fußminuten von meinem Haus in Kabul entfernt eine Autobombe explodiert, die mehr als ein Dutzend Menschen in den Tod gerissen hat.

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Absurde Angst in Deutschland

In Ländern wie Afghanistan ist es ganz natürlich, dass man regelmäßig über die eigene Sicherheit nachdenkt.

Aber hier, in Deutschland?

Im Jahr 2015 gab es 181.386 Fälle von Gewaltkriminalität in Deutschland. Das sind fast 17 Prozent weniger als noch 2007. Und wer glaubt, dass "die Asylbewerber“ an allem Schuld sind: Im Jahr 2015 gab es deutlich weniger Gewaltkriminalität als noch 2013, dem letzten Jahr vor dem signifikanten Ansteigen der Flüchtlingszahlen.

Der größte Teil dieser Welt wäre absolut froh darum, in einem so sicheren Land wie der Bundesrepublik leben zu können.

Wir führen eine irrationale Debatte

Aber Argumente zählen gerade nicht viel. Denn was wir erleben, ist etwas vollkommen Irrationales: Wir bilden uns ein, dass die Welt um uns herum immer schlechter wird. Unser Empfinden von Sicherheit ist nicht mehr im Einklang mit dem, was sich objektiv messen und feststellen lässt.

Damit steht etwas auf dem Spiel, was bisher die Qualität dieses Landes ausgemacht hat. Etwas, dass es übrigens in Rio, Kapstadt oder auch Moskau in dieser Form nicht gibt: Die gefühlte Sicherheit, dass man der Welt dort draußen grundsätzlich trauen kann. Ohne, dass man die Gefahr einkalkulieren muss, erschossen, gekidnappt oder über den Haufen gefahren zu werden.

Wenn man es so will, ist das ein Teil des "bundesdeutschen Lebensgefühls“: Eine Kultur, die nicht das Recht des Stärkeren fördert, sondern besonders die Rechte der Schwächeren beschützt.

Liebes Deutschland, es liegt an uns allen, dass dieses Gefühl nicht den Bach runter geht. Ein bisschen weniger Panik, und ein wenig mehr Vernunft: Das würde ich mir in diesen Tagen wünschen.

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(cho)