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Was mit Kindern passiert, die von ihren Eltern verwöhnt werden

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Jeder kennt sie und keiner mag sie: verwöhnte Kinder, die von ihren Eltern alles bekommen - die aber trotzdem nie zufrieden sind.

Viele Eltern wollen es daher um jeden Preis vermeiden, ihre Kinder zu verwöhnten Bälgern zu erziehen. Doch dabei machen viele gravierende Fehler, die ihre Kinder ein Leben lang begleiten können.

Denn es gibt Situationen und Lebensphasen, in denen Kinder unbedingt verwöhnt werden müssen.

Es ist daher wichtig zu verstehen, was ein Kind in welcher Lebensphase braucht und von seinen Eltern erwarten kann - und was Eltern im Gegenzug von ihren Kindern erwarten können.

kinder verwoehnen

In den ersten zwei Lebensjahren kann man Kinder nicht verwöhnen

Der Begriff “verwöhnen” wird nämlich häufig falsch interpretiert. Einige sind tatsächlich der Ansicht, dass ein Kind schon verwöhnt wird, wenn es nach Bedarf gestillt wird. Oder wenn die Eltern es nicht hin und wieder weinen lassen.

Diese Irrtümer können gefährliche Folgen haben. Kinder, die man schreien lässt, entwickeln im späteren Leben zum Beispiel häufig psychische Auffälligkeiten.

Mehr zum Thema: Was mit Babys passiert, die man schreien lässt

Und es ist absolut sinnvoll Kinder zu stillen, wenn sie Hunger haben. Ein wenige Monate altes Kind kann seine körperlichen Bedürfnisse nicht so kontrollieren wie ein Erwachsener. Und es kann sich nicht selbst versorgen.

Genauso wenig verwöhnen Eltern ihre Kinder, wenn sie ihnen erlauben, im Familienbett zu schlafen.

“Ein Kind zu verwöhnen, bedeutet aus meiner Sicht, etwas für das Kind zu tun, das es auch alleine tun könnte”, sagte Nicola Schmidt, Journalistin und Fachautorin für Erziehung und Familie, der Huffington Post.

“Sicher schlafen kann das Kind nicht selbst und das heißt, wenn ich dafür sorge, dass das Kind sicher schläft, verwöhne ich das Kind nicht.”

Mit Liebe und Nähe kann man Kinder nicht verwöhnen

Liebevolle Zuwendung durch die Eltern sollte niemals mit Verwöhnen verwechselt werden.

“Kinder können nie genug von etwas bekommen, das ihnen gut tut. Ein Kind kann man nicht mit Liebe verwöhnen”, sagte familylab-Seminarleiter Sasha Schmidt der Huffington Post.

“Kinder bis zwei Jahre brauchen die enge Beziehung zu den Eltern, da sehe ich keinerlei Verwöhn-Gefahr.”

Aus Sicht von Kinderarzt Herbert Renz-Polster geht die heutige Diskussion zum Thema Verwöhnen völlig am Thema vorbei:

“Es geht immer nur um die Verkehrsregeln – ob die Kleinen von ihren Großen vielleicht zu viel Nähe bekommen, ob sie vielleicht zu lange gestillt werden, ob wir sie nicht vielleicht ein bisschen “abhärten” sollten. Es geht viel zu wenig um die BEZIEHUNG, die wir miteinander haben”, schreibt Renz-Polster in einem Beitrag auf seiner Website.

Kinder brauchen Nähe, um später selbstständig zu werden

Denn nur eine verlässliche, feinfühlige und authentische Beziehung zwischen Eltern und Kind gebe den Kleinen genug Sicherheit, um ihre eigenen Erfahrungen zu machen und ihre Umwelt erforschen zu können.

Eltern müssen sich also keine Sorgen darüber machen, dass sie ihr Kind mit zu viel Nähe oder Liebe verwöhnen könnten. Um das zweite Lebensjahr herum beginnt ganz automatisch die Zeit, in der Kinder selbstständiger werden und Eltern die komplette Bedürfnisorientierung langsam zurückfahren können.

Die Kinder verlangen dann von ganz allein, Dinge selbst machen zu dürfen. Und diese Freiräume müssen wir ihnen dann unbedingt einräumen.

Wenn Eltern mit Lob verwöhnen

Während Kinder in dieser Lebensphase ihre Umwelt entdecken, gibt es für Eltern zwei entscheidende Dinge zu beachten:

Zum einen sollten sie versuchen, ihr Kind nicht vor allem zu beschützen. Es ist eine sehr gesunde Erfahrung, auch mal von der Wippe zu fallen. Kinder müssen Risiken eingehen dürfen, um zu lernen, was Gefahr bedeutet und um ihre eigenen Fähigkeiten einschätzen zu können.

Mehr zum Thema: Zu wenig Kratzer und blaue Flecken: Ein Kindheitsforscher erklärt, was in der Erziehung heute falsch läuft

Im freien und vor allem unbeaufsichtigten Spiel können sich Kreativität, Belastbarkeit und soziale Fähigkeiten ganz natürlich entwickeln.

Zum anderen sollten Eltern ab dem zweiten Lebensjahr darauf achten, auf welche Art und Weise sie ihre Kinder loben.

“Man kann auch mit Worten verwöhnen. Manche Eltern vergehen in Entzücken, egal was ihre Kinder tun”, sagte Nicola Schmidt.

“Wir sehen in Studien, dass das richtige Lob einen deutlichen Einfluss darauf hat, wie Kinder später mit Herausforderungen umgehen. Und das beginnt in den ersten zwei Lebensjahren.”

Natürlich sollten Kinder gelobt werden. Aber eben nicht für alles, was sie tun, sondern für die Dinge, die sie wirklich gut gemacht haben und vor allem für die Dinge, in denen sie sich verbessert haben.

Auf diese Weise lernen sie, dass ihre eigene Entwicklung ein fortlaufender Prozess ist, den sie selbst beeinflussen können, indem sie zum Beispiel etwas üben.

Häufig brauchen Kinder auch gar kein Lob, sondern nur die Bestätigung, dass das, was sie getan haben, von ihren Eltern wahrgenommen wurde.

“Wenn ein Kind auf das Klettergerüst geklettert ist, sagen Eltern oft: Wow, das hast du toll gemacht! Dabei will das Kind keine Bewertung, es will eigentlich nur hören: Du bist ganz oben, ich sehe dich!”, sagte Nicola Schmidt.

Wenn Eltern nie “Nein” sagen

Ein weiterer großer Irrtum ist, dass verwöhnte Kinder im Grunde nicht zu viel von ihren Eltern bekommen, sondern zu wenig: Zu wenig Kontakt und zu wenig Erziehungsliebe.

Eltern, die ihren Kinder alles erlauben und ihnen jeden Wunsch erfüllen, tun damit nicht ihren Kindern einen Gefallen, sondern sich selbst. Denn dahinter steckt im Grunde Eigennutz.

In Wahrheit handelt es sich dabei nämlich um nichts anderes als die Vermeidung von Konflikten mit dem Kind.

“Wenn man sagt, das Kind will halt so gerne fernsehen, also lasse ich es fernsehen, dann ist das aus meiner Sicht kein Verwöhnen, sondern eine Konfliktverweigerungsstrategie”, sagte Nicola Schmidt.

Familienberater Sasha Schmidt ist derselben Ansicht: “Es gibt keine verwöhnten Kinder, sondern nur konfliktscheue Eltern”, sagte er der HuffPost.

“Kinder werden dann verwöhnt bzw. verzogen, wenn die Eltern sich nicht abgrenzen und den Konflikt mit dem Kind vermeiden. Diese Kinder sind häufig verarmt an wirklicher Erziehungsliebe der Eltern.”

Kinder brauchen den Konflikt mit den Eltern

Viele Eltern würden den Konflikt mit ihrem Kind vermeiden, aus Angst, dass die Auseinandersetzung mit Liebesentzug gleichgesetzt werden könne, so Schmidt.

Kinder brauchen jedoch hin und wieder den Konflikt, um zu lernen, was die Regeln sind. Anders können sie lernen, wie man sich als sozialkompetenter Mensch in der Gesellschaft bewegt.

Wenn Kinder nie an eine Grenze stoßen, werden sie immer deutlicher nachfragen - und immer unglücklicher werden:

“Kinder, die überhaupt keine Grenzen bekommen, erscheinen häufig sehr unzufrieden”, sagte Nicola Schmidt.

Wenn Eltern mit materiellen Dingen verwöhnen

Auch Kinder, die mit materiellen Dingen überschüttet werden, sind im Grunde zu bemitleiden.

“Kinder, die mit iPads oder anderen materiellen Dingen überschüttet werden, sind häufig nicht verwöhnt, sondern emotional vereinsamt, denn ihnen fehlt der Kontakt zu den Eltern”, sagte Sasha Schmidt.

“Das Kind will dann immer mehr, um mit den Eltern in Kontakt zu kommen. Das funktioniert aber nicht, indem die Eltern immer mehr erlauben, sondern indem sie Nein sagen. Denn dann sind sie wieder in Kontakt mit dem Kind.”

Auch hier gehen Eltern häufig Konflikten aus dem Weg. Sie kaufen ihren Kindern die Dinge, nach denen sie verlangen und hoffen, dass sie dann ruhig sind.

In einigen Fällen ist dies sicherlich auch Ausdruck von Erschöpfung: Es fehlt dann die Energie, sich wirklich mit dem Kind auseinanderzusetzen und seine wahren Bedürfnisse zu erkennen.

Verwöhnte Kinder leiden unter den Konsequenzen

Das Problem ist aber, dass die Kinder unter dieser mangelnden Erziehungsliebe leiden. Sowohl in der Kindheit als auch im Erwachsenenleben.

“Das Gemeine ist: Wenn Eltern den Konflikt mit ihren Kindern vermeiden, enthalten sie ihnen etwas vor: Zu lernen, wie man mit Frustrationen umgeht und die Erfahrung, dass das Leben danach weitergeht”, sagte Sasha Schmidt.

“Diese Erfahrung müssen die Kinder dann sehr hart im echten Leben machen, wenn sie es in der Kinderstube nicht gelernt haben. Und das fällt ihnen häufig auf die Füße.”

“Einem verwöhnten Kind fehlt es an Selbstständigkeit und an Kompetenz im Umgang mit sich selbst und seiner sozialen Welt”, sagt auch Kinderarzt Renz-Polster.

“Es hat diesen Teil der Entwicklung einfach nicht einüben können. Und so bleibt es auf sein vorheriges Ich, sein Säuglings-Ich, festgenagelt. Es kann sich nicht selbst regulieren und nicht in Beziehungen einbringen. Es sieht deshalb immer nur seine eigenen Wünsche.”

Die Konsequenzen zeigen sich in der Schule und am Arbeitsplatz

Kinder, deren Eltern ihnen immer den Weg freigeräumt haben, haben im Erwachsenenalter daher große Schwierigkeiten. Denn sie haben nie gelernt, einen Konflikt selbstständig zu lösen und sie wissen nicht, wie man konstruktiv mit Frustrationen umgeht.

Wer diese Erfahrungen nicht in der Kinderstube gemacht hat, muss sie sie dann im echten Leben auf sehr harte Weise machen.

“Die Folgen spüren dann Schulen und Arbeitgeber: Kinder, die zu Hause nie ein Nein gehört haben und die immer alles durften, besitzen keine Konfliktkompetenz. Wenn Lehrer oder Vorgesetzte dann plötzlich klipp und klar sagen, was nicht geht, können sie mit diesem Konflikt schwer umgehen”, sagte Sasha Schmidt.

Wer sein Kind also zu einem sozialkompetenten, gesunden und vor allem glücklichen Menschen erziehen möchte, der muss achtsam mit den Bedürfnissen des Kindes umgehen. Erkennen, was es in welcher Lebensphase von seinen Eltern braucht, wenn nötig in Konflikt treten und gewährleisten, dass es ihm weder an Nähe noch an Freiräumen mangelt.

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(lk)