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Die Wut-Wahl: Warum Merkel in dieselbe Falle wie Hillary Clinton tappen könnte

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Die Wut-Wahl: Warum Merkel in dieselbe Falle wie Hillary Clinton tappen könnte | Fabrizio Bensch / Reuters
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Angela Merkel ist sich sicher: "Diese Wahl wird wie keine zuvor seit der deutschen Einheit schwierig."

Den Satz sagte sie am Sonntag in Berlin auf einer Pressekonferenz, auf der sie ihre vierte Kandidatur als Kanzlerkandidatin bekannt gab.

Wie recht sie hat.

Die deutsche Gesellschaft ist gespalten wie lange nicht. Die AfD gewinnt immer mehr Anhänger. Und der gesellschaftliche Dialog ist in vielen Debatten vergiftet.

Das erinnert an die Situation vor der US-Wahl, die Donald Trump gegen die Favoritin Hillary Clinton gewann.

Könnte so etwas auch in Deutschland passieren?

Merkel könnte Fehler von Clinton wiederholen

Sicher: Dass die AfD als stärkste Partei aus dem Bundestagswahl hervorgeht, glauben wohl die AfD-Politiker selbst nicht. Aber die Partei könnte, wie der Politikwissenschaftler Werner Patzelt aus Dresden glaubt, noch deutlich zulegen - und damit das politische System in Deutschland als zweit- oder drittstärkste Kraft auf den Kopf stellen.

Derzeit sehen Umfragen die AfD zwischen 12 und 15 Prozent. Aber die Zustimmung zu ihren Thesen ist weitaus größer als die Umfrageergebnisse vermuten lassen:

Wie eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, glauben 40 Prozent der Deutschen, dass der Islam das Land unterwandert. 28 Prozent sind sogar der Auffassung, dass es im Land keine Meinungsfreiheit mehr gibt. Ebenso viele stimmen der Aussage "Die regierenden Parteien betrügen das Volk" zu.

Die Ideen der AfD treffen also auf fruchtbaren Boden - und auf eine Kanzlerkandidatin Merkel, der dieselben Fehler wie Hillary Clinton in den USA zum Verhängnis werden könnten.

Politikforscher Patzelt: “Merkel muss Fehler eingestehen”

Die Kanzlerin dürfe nicht unterschätzen, "dass sich in ihrer Person die Kritik am politischen Establishment konzentriert", sagt der Politologe von der Universität Dresden.

Gerade deshalb müsse sie jetzt zugeben, was politisch in den vergangenen Monaten falsch gelaufen sei. Patzelt denkt hier vor allem an die Flüchtlingspolitik, die viele Deutsche und CDU-Mitglieder von der Kanzlerin entfremdet habe.

"Merkel muss jetzt nicht nur ihre Flüchtlingspolitik korrigieren, wie sie es schon getan hat, sondern sie muss auch erklären, dass sie Fehler gemacht hat. Erst dann wird sie die Menschen, die sich in der Flüchtlingskrise von ihr und der CDU abgewandt haben, zurückgewinnen."

Vor einer ähnlichen Aufgabe habe Hillary Clinton in den USA gestanden - und sie scheiterte daran. Auch sie habe Fehler zum Beispiel in der E-Mail-Affäre zu lange kleingeredet, sagt Patzelt - damit habe Clinton Wähler verprellt.

Wähler sagen in Umfragen häufig nicht Wahrheit

Und wie in den USA könnte auch in Deutschland der wahre Erfolg der AfD lange unerkannt bleiben. In Amerika schätzten Demoskopen die Gewinnchancen von Clinton auf mehr als 90 Prozent ein. Erst spät in der Nacht des Wahltages, als Trump schon die ersten wichtigen Bundesstaaten gewonnen hatte, stiegen seine Chancen.

Die Demoskopen hatten sich bei ihren Berechnungen auf die Umfragen gestützt - in denen Hillary teils deutlich führte. Die Umfragen stellten sich im Nachhinein als falsch heraus.

Auch in Deutschland schnitt die AfD zuletzt in den Umfragen regelmäßig schlechter ab als in den Wahlen selbst. Viele AfD-Wähler verheimlichen gegenüber den Demoskopen, wen sie wählen. Dieses Phänomen ist unter Fachleuten als Lügenfaktor bekannt.

Mehr zum Thema: "Der Lügen-Faktor": Darum lagen die Meinungsforscher bei der US-Wahl so krass daneben

Das wahre Ausmaß der Beliebtheit der AfD könnte also bis zum Wahltag unerkannt bleiben. Vor allem unterschätzten die Wahlforscher in den USA, wie motiviert und enthusiastisch die Trump-Wähler waren - sie strömten massenhaft an die Urnen.

Clinton dagegen konnte mit ihrer bürokratischen Art sehr viel schlechter mobilisieren. Experten sprachen von einem "enthusiasm gap". Auch Merkel ist nicht für ihre mitreißende Rhetorik und überzeugende Reden bekannt - auch ihr könnte also der "enthusiasm gap" zum Verhängnis werden.

”Clinton hat die Wut der Wähler unterschätzt”

Und am Ende könnte es noch eine weitere Parallele zwischen Merkel und Clinton geben: “Clinton hat die Ablehnung und die Wut eines breiten Teils der Bevölkerung gegen das Establishment unterschätzt”, sagt Patzelt.

Wie Umfragen in den USA ergaben, stimmte ein Großteil der Trump-Wähler nicht für den Milliardär, weil der so ein überzeugendes Programm hatte, sondern weil er nicht zum politischen Establishment gehörte.

Patzelt sagt: "Die Menschen wählen doch die AfD nicht, weil die so ein tolles Programm haben, sondern weil sie der politischen Klasse die gelbe Karte zeigen wollen."

Auch Deutschland droht 2017 eine solche Wut-Wahl. Merkel weiß das. Ob sie weiß, wie groß die Wut wirklich ist, darf man bezweifeln - denn kaum einer weiß das mit Sicherheit zu sagen.

Die Frage ist: Hat Merkel die richtigen Rezepte und die mitreißenden Ideen, um auf diese Wut überzeugend zu reagieren?

(lp)