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Deutschlandchef von Ärzte ohne Grenzen nennt 7 unglaubliche Fakten über die "Hölle von Aleppo"

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ALEPPO
"Ärzte ohne Grenzen"-Deutschlandchef: "Aleppo ist die Hölle" | Abdalrhman Ismail / Reuters
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Die Lage in Aleppo ist beinahe unvorstellbar: Seit Monaten wird die Stadt heftig bombardiert. Kurz beruhigte sich die Situation, doch seit der russische Präsident Putin seinen Flugzeugträger nach der US-Wahl wieder in Stellung gebracht hat, geht es vor Ort unmenschlicher vor als je zuvor. Medikamente gehen aus, mittlerweile ist auch das letzte Krankenhaus im von den Rebellen kontrollierten Ostteil der Stadt zerstört worden.

"Es ist kaum noch zu fassen, dass eine Verschärfung der Lage noch möglich war", sagt der Deutschland-Chef der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, Volker Westerbarkey, im Gespräch mit der Huffington Post. Seit dem 15.11. hätte die Zahl der Angriffe massiv zugenommen - und damit auch die Zerstörung. "Die Waffen sind zerstörerischer, was sich auch am Schweregrad der Verletzungen zeigt. Das ist die Hölle von Aleppo.“

Die Situation ließe ihn fassungs- und hilflos zurück. "Wir erleben in Aleppo das Ende der Humanität. Uns wird verweigert, zu helfen - jetzt, wo die medizinische Versorgung nahezu zusammengebrochen ist, sind die Menschen auf sich alleine gestellt."

Selbst die einfachsten Verletzungen und Wunden könnten nicht mehr behandelt werden. Mit einer Fraktur, die nicht stabilisiert werden kann, haben die Menschen unendliche schmerzen. Wenn man eine Blutung nicht stillen kann, droht Lebensgefahr.

Die Hilfsorganisation ist beinahe täglich in Kontakt mit Ärzten vor Ort. Westerbarkey nennt 7 unfassbare Fakten, die das Grauen vor Ort deutlich machen.

1. Immer wieder brutale Angriffe auf Krankenhäuser

Seit Juli wurden die Krankenhäuser in Ost-Aleppo laut Aufzeichnungen von "Ärzte ohne Grenzen“ 33 Mal durch Luftangriffe getroffen. Zwischen dem 23.9. und dem 16.11. wurden 2700 Verletzte und 580 Tote gemeldet, darunter 140 tote Kinder. "Leute haben Angst, ins Krankenhaus zu gehen. Deswegen ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt.“

2. Die Medikamente gehen aus

Im August erfolgte die letzte Lieferung von Ärzte ohne Grenzen, die 128 Tonnen Güter für drei Monate umfasste. Darunter waren Decken, Nahrungsmittel und Medikamente für Krankenhäuser. Diese Vorräte gehen nun aus.

Ärzte berichten, dass Schmerztabletten und Antibiotika diese Woche ausgehen werden. Einige Medikamente für chronische Erkrankungen sind jetzt schon aufgebraucht.

3. Noch 32 Ärzte in Aleppo

Derzeit arbeiten 32 Ärzte in Aleppo. "Sie sind ausschließlich Syrer, die aus Aleppo nicht fliehen wollten. Die sehen das als ihre Lebensaufgabe. Das sind für mich wahre Helden“, sagt Westerbarkey.

4. Behandlungen werden nun in privaten Wohnungen durchgeführt

Durch die Zerstörung der letzten vier Krankenhäuser hätten sie nun ihren Arbeitsplatz verloren. In dem zerstörten Kinderkrankenhaus wurden noch vor der endgültigen Zerstörung die Stationen in den Keller verlegt. Andere behandeln in privaten Wohnungen oder provisorischen Einrichtungen. Die genauen Orte werden aus Sicherheitsgründen nicht genannt.

5. Häufig wird nur noch amputiert

Bei Brüchen und schweren Verletzungen wird meist nur noch amputiert. "Das geht schneller und ist effektiver", sagt Westerbarkey. Wegen mangelnder Behandlungsmöglichkeiten werden die Patienten teilweise bereits zwei Stunden nach der Operation entlassen.

6. Benzin wird rationiert

Die Benzinvorräte werden rationiert. Derzeit gibt es nur für vier Stunden Elektrizität und damit auch eine saubere Wasserversorgung.

7. Keine Hoffnung auf Nachschub

Eigentlich brauchen die Menschen in Aleppo dringend Nachschub - doch auch Westerbarkey weiß nicht, wann die Hilfslieferungen wieder aufgenommen werden können.

"Wir sehen keine Anzeichen, dass sich die Lage bessert. Sowohl für einen Waffenstillstand als auch für einen humanitären Korridor gibt es derzeit keine Hoffnung", sagt er. "Ärzte ohne Grenzen könne die humanitären Lieferungen erst wieder aufnehmen, wenn man einen humanitären Korridor durch bilaterale Gespräche mit den Konfliktparteien vor Ort bestätigt bekomme.

"Leider reicht eine Pressemitteilung nicht aus, wie das Bombardement eines UN-Hilfskonvois gezeigt hat. Danach benötigen wir einige Tage Vorlauf, weil sich die Lieferungen in der Türkei befinden", sagt Westerbarkey.

Er hat deswegen eine eindringliche Botschaft an die deutsche Politik. Er erwartet von der Bundesregierung, dass sie alles in ihrer Macht stehende tut, um auf diesen Konflikt aufmerksam zu machen. "Sie muss den Konfliktparteien klarmachen, dass sie internationale Gesetze einhalten müssen und das Bombardement eingestellt werden muss.“ Jeder, der in dem Konflikt aktiv ist, mache sich schuldig.

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