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Metallica im Interview: Die Rückkehr des Thrash-Vibes

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Haben immer noch eine Menge zu sagen: Metallica

Selbst nach 35 Jahren scheinen die Metal-Giganten von Metallica noch lange nicht genug zu haben. Ihr neues Album "Hardwired...to Self-Destruct" versprüht nicht nur eine, von vielen lang verloren geglaubte Frische, sondern zeigt sich extrem angriffslustig. Im Interview mit der Nachrichten-Agentur spot on news verrät Bassist Robert Trujillo (52), warum sich das neue Album wie ein Neuanfang anfühlt.

Herr Trujillo, am Montag haben Sie vor rund 400 Leuten für das deutsche Fernsehen gespielt. Wie war das Gefühl vor wahrscheinlich dem kleinsten Publikum seit 20 Jahren zu stehen?

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Robert Trujillo: Kleine Crowds machen eine Menge Spaß. Es waren zwar 400 Leute, aber auch 400 Fans und sie haben sicher diese spezielle Energie gefühlt. Es ist fast wie auf einer Party zu spielen. Diese kleinen Gigs sind wirklich etwas Besonderes. Dabei siehst du erst wirklich den Altersmix im Publikum. Du merkst, dass deine Musik für alle relevant ist, egal ob jung oder alt. Das fühlt sich gut an, besonders so weit weg von Zuhause.

In zwei Jahren sind Sie genauso lange in der Band, wie ihr Vorgänger Jason Newsted. Ist es nicht verrückt, dass es junge Fans da draußen gibt, die Metallica nur mit Ihnen als Bassist kennen?

Trujillo: Das ist wirklich verrückt! Mein Leben hat sich sehr stark verändert, seitdem ich dabei bin. Ich war nicht verheiratet, hatte keine Kinder. Jetzt, fast 14 Jahre später, hat sich das alles geändert. Ich schätze, dass Sachen aus einem bestimmten Grund geschehen. Ich erinnere mich, wie wir mit Suicidal Tendencies Metallica hier in München supported haben und eine gute Zeit hatten. Wir waren auch mit Slayer und Megadeth während des Oktoberfestes hier. Das waren coole Erfahrungen. Ich hab nur gute Erinnerungen an München und den Metal! (lacht) Es ist schön, dass Metallica nun ein Teil meines Abenteuers ist, das bis 1993 zurückgeht.

Metal ist als eine Art von Protestmusik entstanden. Mal ehrlich: Kann man den Reichtum und das mittlerweile fortgeschrittene Alter einfach so vergessen und immer noch die harte, rebellische Musik spielen wie früher?

Trujillo: Wissen Sie, Metal ist für mich eine Kunst-Form, die mir Spaß macht, die aufregend ist und die ein Ventil ist. Wenn wir als Metallica zusammenkommen, jammen oder einfach nur ein paar Cover spielen, genießen wir das. Das hört man und ich denke, das ist der Grund, warum die Leute die neuen Sachen genauso mögen, wie die alten. Außerdem steckt noch sehr viel Kreativität in uns. Wenn eine Band älter wird, geht manchmal die Kreativität verloren. Damit haben wir überhaupt kein Problem. Zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. "Hardwired...to Self-Destruct" fühlt sich wie ein Neuanfang an. Und ich habe schon eine Vision für das nächste Album. Wir hatten jetzt schon einige Momente während der Proben, bei denen wir gedacht haben: "Wow, das ist wirklich cool."

Aber um die Frage zu beantworten: Egal ob wir jetzt Geld oder Familien haben, es ist schwieriger für uns, regelmäßig zusammenzukommen. Wir sind gereift und achten mehr auf uns selbst und unsere Körper, und wenn wir dann zusammen sind, wissen wir die Zeit zu schätzen, die wir haben und achten darauf, dass wir produktiv sind.

Zwischen dem neuen Album und dem letzten, "Death Magnetic", liegen fast acht Jahre. Das ist, bisher, die längste Zeit zwischen zwei Alben überhaupt. Lag das an dem, was Sie gerade beschrieben haben?

Trujillo: Auch. Es lag auf jeden Fall nicht daran, dass wir keine Ideen oder eine mentale oder kreative Blockade hatten. (lacht) Wir haben einfach eine ganze Menge anderes Zeug gemacht. Wir haben zum Beispiel das schwarze Album komplett auf Tour gespielt. Wir haben vieles gemacht, was uns als Band vorwärts gebracht hat. Wir haben vergangenen Sommer auch "Frayed Ends of Sanity" komplett gespielt, ein Song vom dem wir alle dachten, dass er niemals live zum Zug kommen wird. Aber wir haben es durchgezogen, was bedeutet, dass wir nicht faul werden und uns immer wieder selbst herausfordern.

Hatten Sie ein "Mission Statement", als sie mit dem Song-Writing für das neue Album begonnen haben?

Trujillo: Es läuft so ab: Wir jammen oft vor Shows. Wir haben immer einen extra Raum dafür. Dort entstehen sehr viele Ideen. Besonders James [Hetfield] schüttelt immer Tonnen von guten Riffs aus dem Ärmel. Wir nehmen immer alles auf, weil James alles vergisst. (lacht) Natürlich bereitet sich aber auch jeder für sich zu Hause vor. Wenn wir dann wirklich anfangen, an den Ideen zu arbeiten, dauert es dann aber immer einige Zeit, weil wir sehr auf die Details achten und besonders Lars [Ulrich] und James ziemliche Perfektionisten sind.

Aber es geht auch anders. Der Song "Hardwired" wurde innerhalb von nur wenigen Tagen geschrieben. Ich wusste gar nichts davon. Aber dann hat mich Lars angerufen und gesagt, ich müsse jetzt diesen Song einspielen. Ich fragte ihn dann: "Welcher Song? Ich dachte, das Album wäre fertig?!" So etwas kommt auch vor und das ist großartig.

Lars Ulrich sagte 2013 in diversen Interviews, dass das neue Material wie eine Fortsetzung von "Death Magnetic" klingt. Würden Sie dem zustimmen?

Trujillo: Nun ja, um das zu beantworten, muss ich etwas weiter ausholen. Als wir "Death Magnetic" damals schreiben wollten, kam Rick Rubin als Produzent dazu. Seine Führung war damals sehr wichtig für uns, um diese Songs zu entwickeln, die am Ende auf dem Album gelandet sind. Weil er sich sehr auf Details fokussiert. Selbst wie die Instrumente gestimmt sind, war unheimlich wichtig bei jedem Song. Es waren kleine Details, wie, dass wir zum Standard E-Tuning zurückgekehrt sind, die diesen Thrash-Vibe von früher zurückgebracht haben, der dann seinen Weg in die Songs gefunden hat. Das hört man ja in den jetzigen Songs auch. Aber: Wir haben auch einen guten Groove.

Und nun nimmt man diese Vorgeschichte und dazu noch Greg Fidelman als Produzent. Er begleitet uns nun schon seit über acht Jahren. Er war bei "Death Magnetic" ebenfalls dabei, hat mit uns die Platte mit Lou Reed gemacht und versteht einfach die Band. Ihm ist es sehr wichtig, wie wir klingen, wie der Bass klingt. Deshalb fühlt sich es für mich wie ein Neuanfang an. Das neue Material klingt frisch und wir haben eine Menge Spaß - auch weil wir einen Produzenten haben, der es wirklich zu schätzen weiß, was wir machen.

Wo ist der Punkt, an dem Sie sagen: Ok, der Song ist jetzt fertig. Gibt es diesen Punkt, gerade bei Kunst, überhaupt?

Trujillo: Ich denke, diesen Punkt muss es bei Allem geben. Was das Album betrifft, gibt es dazu eine lustige Geschichte. Am allerletzten Tag, bevor wir "Spit Out The Bone", zum finalen Mix geben wollten, war ich im Studio und wollte ein paar Dinge ausprobieren. Wir hatten gerade die Probe beendet und alle machten sich bereit, nach Hause zu fahren. Ich selbst hatte genau 20 Minuten, bevor ich los musste, damit ich noch meinen Flieger bekomme. Für diese 20 Minuten habe ich mich mit Greg ins Studio geschlichen und Lars wusste nichts davon. Er kam rein, in seinem Bademantel und sagte: "Wollt ihr mich eigentlich verarschen?" Lars möchte immer alles über die Songs wissen und der Bass war eigentlich schon fertig eingespielt. Greg meinte dann nur: "Lars, bitte lass uns einfach allein. Vertrau mir!" Und das ist einfach das Tolle an ihm. Er will immer, dass alles so gut wie nur möglich wird. Die Chemie stimmt einfach und ich verspreche, dass es keine acht Jahre bis zum nächsten Album dauern wird, soviel ist verdammt noch mal sicher.

Lassen Sie uns ein wenig über die thematische Ausrichtung von "Hardwired...to Self-Destruct" reden. Was verbirgt sich hinter dem Titel?

Trujillo: James hat mit einem Freund darüber geredet, wie wir als erwachsene Männer einfach manchmal dumme Fehler machen. Das können ernste Dinge, aber auch völlig banale Dinge sein. James meinte dann, dass wir als Menschen vielleicht einfach so verdrahtet sind, Scheiße zu bauen. Daraus entstand dann später das jetzige Konzept von "Hardwired...to Self-Destruct". Aber wenn man den hinteren Teil des Titels einfach weglässt, kann er auch etwas völlig anderes bedeuten. Wir sind genauso für die Liebe, das Abenteuer oder für das Versagen vorprogrammiert - oder was immer man daraus ziehen mag. Es steckt einfach sehr viel Kraft in diesem Titel.

Damit bewegen Sie sich thematisch auf einem sehr persönlichen Level und James hat öfter betont, dass Religion und Politik die Menschen spalten und, dass Sie als Band die Menschen lieber über Ihre Musik zusammenbringen wollen. Ist das etwas, was Musik überhaupt leisten kann?

Trujillo: Es ist doch fast unmöglich eine homogene Gruppe an Menschen zu finden, die alle das Gleiche denken oder das Gleiche tun. Metallica ist eine Band, die aus vier sehr unterschiedlichen Individuen besteht. Wir haben verschiedene Ansichten. Sei es Religion, Politik oder selbst bei der unserer Lieblings-Sport-Mannschaften. Gleichzeitig sind wir uns gegenseitig sehr verbunden. Wie Brüder. Ja, Religion und Politik bergen großes Konflikt-Potenzial. Wir versuchen sicherzustellen, dass wir viel miteinander reden und wir stimmen darüber überein, dass wir durch unsere Musik miteinander verbunden bleiben wollen.

Die Hörer denken oft, dass wir mit einem bestimmten Text, etwas ganz Bestimmtes sagen wollen. James sieht das eher so, dass seine Texte natürlich eine bestimmte Bedeutung für ihn haben, aber er lässt immer sehr viel Interpretationsspielraum für den Hörer übrig. Nehmen wir den Song "Hardwired". Die Menschen tendieren dazu, ihn aufgrund des aktuellen Klimas in der Welt, als politisches Statement zu verstehen. Aber das ist er nicht zwangsläufig. Solange jeder für sich eine positive Message aus den Songs zieht, ist das cool für uns.

Was steht als nächstes bei Metallica an?

Trujillo: Wir werden für jeden Song ein eigenes Video herausbringen. Und ich muss da wirklich den jeweiligen Regisseuren danken, denn sie hatten wirklich wenig Zeit und Geld, haben aber alle etwas Großartiges geschaffen. Wir haben auch ein Video, dass Lemmy Kilmister von Motörhead huldigt und ich weiß genau, dass er es lieben würde! Außerdem werden wir natürlich auch auf Tour gehen. Wir werden in Deutschland voraussichtlich ein paar kleine und ein paar richtig große Shows spielen. Wir werden sehen.