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Finnland will alle Schulfächer abschaffen - ein Vorbild für Deutschland?

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SCHOOL LESSON
Warum Deutschland alle Schulfächer abschaffen sollte. | Hemera Technologies via Getty Images
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"Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Mit diesem kurzen Statement auf Twitter brachte die Kölner Schülerin Naina K. vor einem Jahr eine Debatte über das deutsche Schulsystem ins Rollen.

Die Diskussion darüber, ob Schulen die Schüler auf die Herausforderungen des Lebens richtig vorbereitet, kocht seitdem.

Nun hat Finnland beschlossen, bis Ende 2020 alle Schulfächer abzuschaffen und sie durch sogenannten "Phänomene-Unterricht“ zu ersetzen. Ist das auch ein Modell für Deutschland?

Statt Fachunterricht soll es anwendungsorientierte Projektkurse geben

Das Problem: "Es gibt Schulen, die immer noch auf die altmodische Art und Weise lehren, wie es Anfang des 19. Jahrhunderts üblich und erfolgreich war", sagt Marjo Kyllonen, Chefin der finnischen Bildungsbehörde. "Aber die Umstände sind nicht mehr die Gleichen und wir brauchen etwas, das ins 21. Jahrhundert passt.“

Konkret heißt das: In Finnland sollen Schüler in der Oberstufe künftig interdisziplinäre Projektkurse besuchen. Sie können dafür aus verschiedensten Angeboten wählen. Darunter "Arbeiten in einem Restaurant“ oder auch "Der Zweite Weltkrieg“.

In dem Gastronomie-Kurs sollen die Schüler beispielsweise in Projektarbeit verschiedene Aufgaben erledigen, um dabei Englisch zu lernen, ein Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu bekommen, oder Mathe-Kenntnisse zu trainieren.

„Warum lerne ich das überhaupt?“ Diese Frage soll sich künftig überhaupt nicht mehr stellen.

Schüler sollen so vernetztes Denken lernen

„Statt Wissensaneignung geht es um Lebenskompetenz“, sagt Michael Schratz vom Institut für Schulforschung der Universität Innsbruck. „Schüler müssen sich heute eine immer komplexere Welt erschließen und der finnische Ansatz könnte helfen, übergreifend zu denken, arbeiten und zu handeln. Auch später im Beruf sind fachübergreifende Kenntnisse notwendig, um Situationen ganzheitlich bewerten zu können, beispielsweise als Arzt.“

Finnische Schüler können dabei schon in den Kursen ausprobieren, welcher Beruf zu ihnen passt. Außerdem sollen sie lernen, sich Wissen selbst zu erarbeiten, statt Frontalunterricht über sich ergehen zu lassen.

Passt diese Reform in das deutsche Schulsystem?

Von diesem Denkansatz ist das deutsche Schulsystem noch meilenweit entfernt: „In Deutschland soll man den Gegenstand lernen und beherrschen, das ist die Grundlage humanistischer Bildung. Dieser Gedanke ist im deutschsprachigen Schulsystem fest verankert“, erklärt Schratz.

So ist es kein Wunder, dass der finnische Ansatz in Deutschland auf Kritik stößt. Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband etwa hält die Reform „für einen Irrweg“.

„In Deutschland ist das völlig undenkbar und entspricht nicht dem Qualitätsanspruch. Man braucht erst einmal solide Grundlagen in jedem Schulfach. Denn statt vernetztem Denken kommt es dann bei solchen Ansätzen zur Vernetzung von Nullmengen.“

Kraus spricht sogar von einem historischer Analphabetismus. Schüler würden nicht mehr wissen, wer die Mauer gebaut habe und hätten keine Vorstellung davon, wie beispielsweise unsere Demokratie funktioniere.

Als einen Grund für dieses mangelnde Wissen nennt er die Einführung von Mischfächern in einigen Bundesländern (Beispiel: GSE also Geschichte-Sozialkunde-Erdkunde).

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Eine Umsetzung wäre sehr "anspruchsvoll"

Sein Beispiel weist auf ein Problem hin, das die finnische Reform mit sich bringen könnte: Es besteht die Gefahr, dass sich Schüler zu früh spezialisieren.

Sie lernen zwar selbstständiges Arbeiten, aber haben dafür vielleicht keine Ahnung von wichtigen Themen, die sie nicht interessieren und deshalb keinen Projektkurs dazu belegt haben.

„Ich finde einen Ansatz wie in Finnland überlegenswert, auch wenn die Umsetzung einer solchen Reform sehr anspruchsvoll wäre“, sagt hingegen der österreichische Bildungsforscher Schratz.

Das gilt nicht nur für die fachliche Ausbildung der Lehrer - man müsse auch bedenken, dass dann die individuelle Aneignung von Unterrichtsstoff viel stärker berücksichtigt werden muss.

Auch Schratz ist der Meinung, dass der Fachunterricht in Kernfächern wie Mathematik nicht aufgegeben werden soll. „Aber Zusatzfächer wie Theater führen zu besseren Kenntnissen in den Kernfächern, man kann durchaus darauf aufbauen“, sagt Schratz.

Immerhin biete ein offenerer, anwendungsorientierter Unterricht auch neue Möglichkeiten für die Schüler: „Im angloamerikanischen Raum sind die Fächergrenzen viel weniger stark ausgeprägt. Im deutschsprachigen Raum ist Bildung dagegen manchmal eine Einbahnstraße, aus der man nicht mehr herauskommt, wenn man eine bestimmte Richtung einschlägt“, sagt Schratz.

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(sm)