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Wie der deutsche Staat jahrzehntelang Rentengelder für eine folternde Sekte verschwendet hat

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FOLTERKOLONIE
Das Archivfoto aus den 1980er Jahren zeigt den Eingangsbereich der "Colonia Dignidad" | dpa
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Die Verstrickungen des Auswärtigen Amts in die Foltersiedlung "Colonia Dignidad" ("Kolonie Würde") in Chile gehen immer tiefer. Nun muss das Amt Vorwürfe prüfen, wonach deutsche Rentenversicherer wegen falscher Informationen der dortigen Botschaft die Kolonie mitfinanziert haben könnten.

Vorausgegangen waren Recherchen des Südwestrundfunks (SWR) für die Dokumentation "Die Sekte der Folterer: Deutsche Diplomaten und die Verbrechen der Colonia Dignidad". Wie der SWR herausfand, sollen zwischen 1961 und 1989 "Beträge von mehreren Millionen Mark" aus Deutschland geflossen sein.

Teilweise flossen Rentengelder an Verstorbene

Denn die Deutsche Botschaft in Santiago de Chile habe sich nicht überzeugt, ob die etwa 50 Rentenempfänger noch leben. Im Gegenteil: Lebensbescheinigungen wurden in pauschalen Sammelverfahren erteilt. Teilweise sei das Geld so auch an bereits verstorbene deutsche Staatsangehörige gegangen.

"Das war ein saftiges Einkommen für einen Folterapparat, mitfinanziert von der Deutschen Rentenversicherung - ohne ihr Wissen", schimpft Norbert Blüm, der damalige Bundesminister für Arbeit. Gegenüber dem SWR bestätigt er, dass die Renten direkt der Führungsriege der "Colonia Dignidad" zugute kamen. "Die deutsche Rentenversicherung zahlte auf ein Sonderkonto", sagt er.

Erst Norbert Blüm ließ die Zahlungen überprüfen

Blüms Misstrauen gegenüber der Deutschen Botschaft in Chile wurde bei einem dortigen Besuch im Jahr 1987 geweckt. Infolgedessen ließ er die Lebensbescheinigungen durch eigene Mitarbeiter überprüfen. Das Ergebnis: Die deutschen Rentenversicherer stellten Anfang 1989 alle Zahlungen ein.

Das Auswärtige Amt in Berlin wollte die Vorwürfe bislang weder bestätigen noch dementieren. "Die Vorgänge um die Colonia Dignidad und die Rolle der deutschen Botschaft zu der Zeit sind Teil umfangreicher wissenschaftlicher Untersuchungen, die das Auswärtige Amt begrüßt und unterstützt", heißt es auf Anfrage. Auch deshalb habe man zahlreiche Akten früher als vorgesehen der Öffentlichkeit zugängig gemacht.

"Weggenommene Pässe wurden stapelweise verlängert"

"Die 'Colonia Dignidad' war von 1961 bis 1996 eine freikirchliche Sekte in Chile um den Anführer Paul Schäfer", stellt die Bundesregierung klar. Schäfer hatte die Kolonie Anfang der 1960er Jahre gegründet. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Chile geflohen.

Bereits seit längerem wird der Botschaft in Santiago eine Kollaboration vorgeworfen. "Ohne die Mitwirkung deutscher Behörden hätte das Betrugssystem der Führungsclique um Schäfer zur Finanzierung der 'Colonia Dignidad' nicht funktioniert", sagt Jan Korte, stellvertretender Vorsitzender der Linken-Fraktion im Bundestag. Er erinnert gegenüber der Huffington Post daran, "dass den Koloniebewohnern weggenommene Pässe in der deutschen Botschaft stapelweise verlängert wurden."

Kortes Parteikollege André Hahn, stellvertretender Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag, fügt hinzu, dass die Führung der Sekte den Bewohnern bis zum Tod Schäfers so gut wie nie Lohn oder Gehalt gezahlt habe. "Ebenso wurde nicht oder nur kaum in die Sozialversicherungssysteme eingezahlt. Diese Nichtzahlungen waren eine der Quellen des hohen Reichtums der Führungsclique und führen heute dazu, dass viele ehemalige Bewohner in bitterster Armut leben müssen", erklärt Hahn gegenüber der Huffington Post.

"Es ist Zeit, Verantwortung zu übernehmen"

Er hält es für "skandalös", "dass die Bundesregierung bis heute keinerlei Veranlassung sieht nachzuforschen, wie viel Geld dem Fiskus durch die jahrelange missbräuchliche Zuerkennung des Gemeinnützigkeits-Status an den Trägerverein der 'Colonia Dignidad' entgangen ist und wie hoch eventuelle Nachzahlungen in die Sozialversicherungs- und Rentenkassen wären."

Linken-Fraktionsvize Korte begrüßt hingegen, dass das Auswärtige Amt die aktuellen Vorwürfe prüft. Dabei dürfe es aber nicht bleiben. "Es ist Zeit, Verantwortung zu übernehmen und die Beteiligung des deutschen Staats am Betrieb der Folter- und Unterdrückungskolonie komplett und ohne Vorbehalte aufzuklären. Die Aufarbeitung sollte übrigens nicht nur Arbeit von Historikern, sondern auch von Gerichten sein.“

"Deutsche Diplomaten schauten jahrelang weg"

Während einer Rede in Santiago de Chile im Juli bedauerte Bundespräsident Joachim Gauck die Versäumnisse der Bundesrepublik: "Deutsche Diplomaten schauten jahrelang weg, wenn in der deutschen Sekte 'Colonia Dignidad' Menschen entrechtet, brutal gefoltert, unterdrückt wurden."

In der heute "Villa Baviera" ("Dorf Bayern") genannten Anlage, die Jahrzehntelang hermetisch abgeriegelt war, kam es zu systematischem Kindesmissbrauch.

"KZ-ähnliche Methoden"

Während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) diente die 15.000 Hektar große Kolonie als Folterlager, es kam zu Ermordungen von Regimegegnern. Deutsche Staatsbürger wurden an der Flucht gehindert. Bereits 1966 hatte der Bundesnachrichtendienst von den dort angewandten "KZ-ähnlichen Methoden" erfahren.

All das wusste die Botschaft, die Gelder flossen trotzdem.

Mit Material der dpa

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(ks)