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"Er wird das Zepter an Merkel übergeben": Was hinter Obamas Deutschlandbesuch steckte

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OBAMA MERKEL
Barack Obama und Angela Merkel am Donnerstag | JOHN MACDOUGALL via Getty Images
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Es ist ein Abschied mit Wehmut. Sowohl für den noch amtierenden US-Präsidenten Barack Obama als auch für Kanzlerin Angela Merkel lauten die wichtigsten Fragen in diesen Tagen: Was kommt nun? Was erwartet uns mit dem frisch gewählten US-Präsidenten Donald Trump?

Obamas Europareise - von vielen Medien als Abschiedstournee interpretiert - dauert vier Tage. Die Hälfte davon verbringt er in Deutschland. Bereits Mittwochabend traf sich Obama mit Merkel zu einem dreistündigen Abendessen unter vier Augen. Am Donnerstag empfängt die Kanzlerin Obama abermals, anschließend steht im Kanzleramt noch ein gemeinsames Abendessen auf der Tagesordnung.

Der lange Aufenthalt Obamas ist "ein Zeichen für Deutschlands Position in Europa"

Jeffrey J. Anderson ist Direktor des "Center for German and European Studies" an der US-amerikanischen Georgetown University. Er sagte der Huffington Post, der lange Aufenthalt Obamas im Land sei "ein Zeichen für Deutschlands Position in Europa". Zugleich zeige sich dadurch der große Respekt Obamas und seiner Administration für die deutsche Führung im Allgemeinen und Merkel im Besonderen.

Auch auf der gemeinsamen Pressekonferenz am Donnerstag betonte Obama immer wieder, wie sehr er die "Führungsstärke" Angela Merkels schätze. Er ließ sich sogar - nach einigem Zögern - zu der Aussage verleiten: "Wäre ich Deutscher, würde ich wahrscheinlich Angela Merkel unterstützen."

Einige Kommentatoren geben dem Besuch des US-Präsidenten bei der Kanzlerin eine zentrale Bedeutung: Während seiner Abschiedstour werde "Obama das Zepter an Merkel übergeben", analysiert die französische Nachrichtenagentur AFP.

Die US-Fachzeitung "Foreign Affairs" titelte am Mittwoch: "Deutschland kann die liberale Ordnung beschützen". Und bei der Tageszeitung "New York Times" heißt es sogar, "wenn Obama die Weltbühne verlässt, könnte Angela Merkel die letzte Verteidigerin des liberalen Westens sein".

"Obama wird bei Merkel nicht die weiße Flagge hissen"

Anderson hingegen bezweifelt diese Lesart. Der aktuelle Präsident werde die amerikanische Demokratie nicht aufgegeben. "Obama wird bei Merkel nicht die weiße Flagge der US-Demokratie hissen."

Ungeachtet davon glaubt Sebastian Feyock, Programmmitarbeiter für die USA und transatlantische Beziehungen bei der "Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik", dass Obamas Besuch in Berlin "die zentrale Rolle der Bundeskanzlerin in der Gestaltung europäischer Politik unterstreicht".

Für die US-amerikanische Regierung stelle die Bundesregierung die erste Ansprechpartnerin in Europa dar, sagt Feyock der Huffington Post. "Barack Obama wird kurz vor Ende seiner Präsidentschaft versuchen, den europäischen Partnern das Bekenntnis der USA zur europäischen Sicherheitsordnung zu übermitteln."

Merkels Rolle wird sich nach der US-Wahl "nicht fundamental verändern"

Und auch Anderson erwartet, dass der Noch-Präsident in den Gesprächen mit Merkel verstärkt versuchen wird, sie darauf vorzubereiten, wie sie mit den USA weiterhin zusammenarbeiten kann. "Um diese Partnerschaft und wichtige Initiativen zu bewahren - egal was auf den höchsten Ebenen in Washington passiert", so der Politikwissenschaftler.

Letztlich werde sich Merkels Rolle innerhalb Europas nach der US-Wahl "nicht fundamental verändern", analysiert Feyock. "Sie wird sich auch weiterhin dafür einsetzen müssen, den Zusammenhalt innerhalb der Europäischen Union in zentralen Fragen der Zusammenarbeit, Integration und Sicherheit sicherzustellen."

Eine globale Führungsrolle werde die Kanzlerin laut Feyock nicht übernehmen - "dafür fehlen sowohl der politische Wille, als auch die öffentliche Unterstützung".

Sicher ist, dass Merkel nach dem Amtsantritt Donald Trumps einen bedeutenden Partner weniger haben wird. "In mancherlei Hinsicht wird ihr das mehr Geltung verschaffen", erklärt Anderson. Zugleich werde Merkel allerdings auch weniger Handlungsoptionen haben - "solange sich nicht Trumps Politik gegenüber Europa wundersamerweise umkehrt".

Anderson befindet: "Das alles wird ein Test für das transatlantische Netzwerk."

Mit Material der dpa

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(lp)