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Besorgt aber kämpferisch: So beurteilen junge Menschen in Deutschland Nationalismus, Intoleranz und Europa

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YOUNG URBAN PEOPLE
Besorgt aber kämpferisch: So beurteilen junge Menschen in Deutschland Nationalismus, Intoleranz und Europa | Michael Heffernan via Getty Images
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Es herrschen unruhige Zeiten – gerade für die junge Generation. Der Ausblick, aufgrund niedriger staatlicher Renten in Altersarmut zu enden, befeuert Zukunftsängste.

Zudem blicken die Jungen auf eine politische Landschaft, von der sie sich längst nicht mehr repräsentiert fühlen. Sie erleben das Erstarken von Protestparteien, die mit ihren populistischen Forderungen vor allem ältere, von den raschen Entwicklungen der Globalisierung abgehängte Bürger ansprechen.

Die Studie "Generation What?“ hat versucht, die Gedankenwelt eben jener Menschen zwischen Menschen zwischen 18 und 34 Jahren aus 35 Ländern Europas abzubilden und einzuordnen. Die Ergebnisse der Befragung, an der europaweit 940 000 junge Menschen teilgenommen haben, zeigt in Deutschland eine Generation voller Sorge. Eine Generation, deren Einstellung zu Populismus und Intoleranz aber auch Hoffnung macht.

Nationalismus

Mit Besorgnis nehmen drei Viertel der jungen Deutschen laut der Studie einen zunehmenden Nationalismus in Europa wahr. Diese Wahrnehmung ist weitgehend unabhängig von Alter, Geschlecht und Bildung.

Auch in vielen anderen westeuropäischen Ländern herrscht Sorge um die nationalistischen Tendenzen. Im Osten, etwa in Polen, wo mehr als die Hälfte der Befragten den wachsenden Nationalismus positiv bewerteten, begegnen die Jungen dem Rechtsruck der vergangenen Jahre dagegen mit Wohlwollen.

Positiv sehen 12 Prozent der befragten Deutschen einen wachsenden Nationalismus in Europa. Hier ist der Anteil von Männern doppelt so hoch wie der von Frauen (16 Prozent versus 8 Prozent) und der Anteil von Niedriggebildeten doppelt so hoch wie der von Hochgebildeten (14 Prozent versus 7 Prozent).

Heißt: Bei jungen Deutschen haben die Rechtspopulisten, die nationalistische Gefühle ansprechen wollen, ein schwierigeres Spiel, als in anderen Länden.

Europa

Auf die Frage, was Europa für sie bedeutet, antworteten 38 Prozent der jungen Deutschen, Europa sei in erster Linie ein notwendiges Konstrukt. Der Studienleiter des Sinus-Instituts, Maximilian von Schwartz, erklärte: "Trotz ihrer Fehler wird die Europäische Union von den jungen Deutschen als nützlich wahrgenommen. Sie ist für sie aber nicht die große Hoffnung für die Probleme unserer Zeit.“

Es ist eine pragmatische und kühle Haltung.

Ein grundlegendes Problem des politischen Europas scheint die geringe Identifikation der jungen Generation zu sein. Zwar bejahten 81 Prozent der deutschen Studienteilnehmer die Frage, ob sie sich als Europäer fühlten.

Auf die Frage, wozu man sich am meisten zugehörig fühle, antworteten jedoch nur 9 Prozent mit "Europa“. Demgegenüber fühlen sich 42 Prozent ihrer Stadt oder Region am meisten zugehörig, 23 Prozent ihrem Land und 24 Prozent der Welt als Ganzem. Im europäischen Vergleich sind die jungen Deutschen mit den Spaniern (21 Prozent) am wenigstens ihrer Nation verbunden.

Toleranz

62 Prozent der jungen Deutschen gaben an, verschleierte Frauen auf der Straße oder am Arbeitsplatz störten sie nicht.

Auf homosexuellen Paaren gegenüber sind die Deutschen positiv eingestellt. Weit über drei Viertel der Befragten gaben an, ein homosexuelles Pärchen, das auf der Straße Zungenküsse austauscht, störe sie nicht.

80 Prozent der Deutschen bejahten zudem, die Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern bereichere unsere kulturelle Vielfalt.

In Polen, Tschechien, Rumänien, der Slowakei, Ungarn, Kroatien, Russland aber auch den skaninavischen Ländern überwogen bei derselben Frage diejenigen, die diese Aussage verneinten.

Auch hier zeigt sich wieder: Die populistische Stimmungsmache rechter Parteien gegen fremde Kulturen und den Islam trifft bei den jungen Deutschen auf wenig fruchtbaren Boden. In anderen Ländern ist das grundlegend anders.


Zukunft

45 Prozent der Deutschen bezeichneten ihre finanzielle Situation als "in Ordnung“, 24 Prozent gar als "angenehm“.

Nur 26 Prozent der jungen Deutschen glauben, dass ihre Zukunft „eher schlechter“ aussehe, als das Leben ihrer Eltern. 38 Prozent glauben, in der Zukunft ein ähnlich komfortables Leben zu führen, 36 Prozent an eine bessere Zukunft.

Im Süden Europas sowie in Großbritannien und Skandinavien sind die Zukunftsängste der jungen Generation größer. Bei den Briten gaben so 47 Prozent der Befragten an, sie machten sich auf eine "eher schlechtere“ Zukunft gefasst.

Politik

Doch die Skepsis gegenüber der Politik, ist auch in Deutschland spürbar: Mehr als ein Drittel der jungen Deutschen würden sich "an einem großen Aufstand gegen die an der Macht beteiligen, wenn so etwas in den kommenden Tagen oder Monaten stattfinden würde“.

63 Prozent der Befragten lehnten dies kategorisch ab.

Im europäischen Vergleich ist Deutschland hier jedoch immer noch äußerst moderat: In fast allen anderen Ländern gab die Mehrzahl der Jungen an, an so einem Aufstand teilzunehmen. In Rumänien lag die Zustimmung gar bei 71 Prozent, in Griechenland bei 67 Prozent.

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Dennoch: Auch in Deutschland ist das Vertrauen junger Menschen in die Politik gering. Nur jeder Fünfzigste gab an, "völlig" in die Politik zu vertrauen. 21 Prozent sagten dagegen, sie vertrauten Politikern "überhaupt nicht".

Mit Material der dpa. Die Studie "Generation What" entstand in Zusammenarbeit von BR, SWR und ZDF.

(bp)