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Die Gefahr eines Atomkrieges war seit Jahrzehnten nicht so groß. Leider merkt es keiner

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NUCLEAR EXPLOSION
Aufnahme eines Atomtests aus den 60iger Jahren | Rob Atkins via Getty Images
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Wer hat noch Angst vor einem Atomkrieg? Offenbar kaum jemand.

Als ein Kamerateam des US-Senders CBS im Jahr 2014 ein Atomraketensilo von Minuteman-3-Raketen besuchte, stellte es überrascht fest, dass die Bunkertür sich nicht schließen ließ. Sie musste mit einem Brecheisen offen gehalten werden. Das sei schon seit Jahren so, sagten die Soldaten.

Eine Überraschung bot sich dem Kamerateam auch, als die Soldaten ihnen die Computer zeigten, welche die Waffen abfeuern sollten, wenn der Befehl der US-Präsidenten kommen sollte. Sie wurden mit Disketten betrieben. Und zwar mit jenen großen 5-Zoll-Disketten in weichen Papierhüllen.

Angst vor dem Atomkrieg? Total Achtziger!

Angst vor einem Atomkrieg - das scheint etwas aus den 80er Jahren zu sein, als Filme wie "Der Tag danach" oder "War Games -Kriegsspiele" in die Kinos kamen. Doch es könnte ein Fehler sein, die nukleare Bedrohung als ein Relikt der Vergangenheit abzutun.

"Die Gefahr eines Atomkrieges könnte heute höher sein als zu jedem Zeitpunkt der 80er Jahre", warnt Andrew Kuchin, Russland-Experte der Georgetown University in Washington in einem Report, welcher der "Financial Times" vorliegt.

"Unglücklicherweise scheinen die Gesellschaft und das politische Establishment sich nicht im Klaren zu sein, dass diese wirklich existenzielle Bedrohung zurückgekehrt ist."

Weitgehende unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich jenes Gebilde aus Verträgen und ungeschriebenen Regeln zwischen Russland und dem Westen aufgelöst, das uns über Jahrzehnte hinweg vor der nuklearen Katastrophe geschützt hat.

"Russland ist eine der größten Atommächte der Welt"

Angefangen hat dieser Prozess mit der Ukraine-Krise 2014. Damals sagte Putin bei einem Jugendtreffen: "Russland ist eine der größten Atommächte der Welt. Das ist Realität, nicht nur Worte." Ob es um Syrien, die Krim oder die Ukraine geht - seither setzt Putin die nukleare Option zunehmend als politisches Druckmittel ein.

Putin sieht sich schon lange im Kalten Krieg mit dem Westen.
Im Oktober setzte Russland eine Vereinbarung mit den USA zur Vernichtung von atomwaffenfähigem Plutonium aus. Als Begründung nannte Präsident Wladimir Putin "unfreundliche Handlungen der USA" gegen Russland.

Dann wurde eine 2013 geschlossene Vereinbarung über die Zusammenarbeit bei der Kern- und Energieforschung auf Eis gelegt. Den Schritt begründete Moskau mit "Einleitung von Gegenmaßnahmen" gegen die Sanktionen.

"Russland ist eine der größten Atommächte der Welt"

Gleichzeitig hat Russland atomwaffenfähige Iskander-M Raketen in der russischen Enklave Kaliningrad zwischen Polen und Litauen stationiert. Die Waffen haben eine Reichweite von 700 Kilometern und könnten somit Berlin erreichen. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, sagte, man habe die Raketen absichtlich US-amerikanischen Spionagesatelliten gezeigt.

Die Iskander ist eine Mittelstreckenrakete – und gerade diese kleinen, taktischen Atomwaffen sind der wahrscheinlichste Auslöser für einen Atomkrieg.

Bei taktischen Atomwaffen ist die Hemmung, sie auf dem Schlachtfeld einzusetzen, geringer als bei den Mega-Waffen, den strategischen Interkontinentalraketen. Deshalb beschlossen die Sowjetunion und die USA 1987 mit dem INF-Vertrag, Mittelstreckenraketen mit Reichweiten von 500 bis 5000 Kilometern zu verbieten.

"Russland bereitet sich auf einen großen Krieg vor"

Mit der Stationierung von Iskander-Raketen in Kalinigrad weicht Russland diesen Vertrag auf. Zudem warfen die USA dem Land vor, ab 2014 neue Mittelstreckenraketen getestet zu haben.

In der Öffentlichkeit des Westens wurden diese Ereignisse kaum diskutiert. Für die russische Bevölkerung ist die Bedrohung durch Atomwaffen dagegen sehr real.

Nach Angaben des konservativen Nachrichtenportals "Washington Free Beacon" baut das russische Militär neue Atombunker in Moskau und modernisiert seine Atomwaffen.

"Russland bereitet sich auf einen großen Krieg vor, von dem es annimmt, dass er nuklear wird, und sie den ersten Angriff ausführen werden", sagte Mark Schneider, ein früherer Beamter des Pentagons im Bereich Atompolitik dem Portal.

In Moskau werden Bunker gebaut - in Deutschland werden sie zu Museen

Auf diesen Krieg bereitet sich das Land vor. Im Oktober wurde eine viertägige Notfall-Übung durchgeführt. Etwa 40 Millionen Menschen nahmen laut Regierungsangaben an den Zivilschutzübungen teil, darunter rund 200.000 Rettungskräfte.

Das Ministerium für Zivilverteidigung und Katastrophenschutz bestätige die Pläne zum Bunkerbau. In naher Zukunft sollen in Moskau Anlagen gebaut werden, die allen Einwohnern der Stadt im Ernstfall Schutz bieten sollen.

Während des Kalten Krieges garantierte die Angst vor einem Atomkrieg auf beiden Seiten, dass die Gegner sich zusammensetzten, um Systeme zu schaffen, die eine Katastrophe zu verhindern.

Zurzeit scheint allerdings nur die russische Seite die Gefahr wahrzunehmen und sich darauf vorzubereiten - und das macht die Situation so gefährlich.

Der deutsche Regierungs-Atombunker in Ahrweiler, 30 Kilometer von Bonn entfernt, wurde ab 2001 abgerissen. Nur noch zwei Bunkertüren und einige Hundert Meter der Gänge stehen noch.

Als Museum.

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