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"Unser Sofa ist immer noch voll Blut": Kaum jemand weiß, was diese muslimische Familie nach dem Terror in Paris tat

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  • Familie Syed wohnt direkt an der Konzerthalle "Bataclan"
  • Am 13. November 2015 richteten dort Terroristen ein Blutbad an
  • Die muslimische Familie wuchs in dieser Nacht über sich hinaus

Für das, was Natalia Syed und ihre Familie am13. November - direkt nach dem Anschlag auf den Club "Bataclan" in Paris - geleistet haben, erhalten sie unendlich viel Dankbarkeit und Anerkennung.

Die muslimische Familie wohnt direkt hinter der Bataclan Konzerthalle, in der vor einem Jahr einer der schlimmsten Terroranschläge Europas verübt wurde. 89 Besucher starben in jener Nacht, in der IS-Terroristen das Konzert stürmten, um sich schoßen und Bomben zündeten.

Natalia Syed und ihre Familie wurden nicht nur zu Zeugen des schrecklichen Geschehens, sondern auch zu Helden.

Terror vor der Haustür

Alles fing mit einem normalen Abend vor dem Fernseher an, als es draußen plötzlich knallte. Die Familie dachte zunächst an ein Feuerwerk. Erst als ein Freund von Gabriel, Natalias Ehemann, die Familie benachrichtigte, dass sich ein Anschlag ereignet hatte, wussten sie über die Lage Bescheid.

Sie drehten das Radio an, erfuhren, was sich gerade vor ihrer Haustür abspielte. Sekunden später hörten sie Schreie. “Da waren all die Menschen, die vom Bataclan wegrannten. Jetzt hörte ich die Schüsse lauter. Dann sah ich die Polizei (...) Sie schrien ’Lauft nach Hause, verschließt die Türen.’“, so Gabriel in einem Interview mit dem britischen Nachrichtenmagazin „The Independent“.

Selbst ihr achtjähriger Sohn eilte zur Hilfe

Der Hof der Familie füllte sich mit Menschen, einige von ihnen hatten Schussverletzungen. “Es waren um die 60 Verletzte hier. Es war brechend voll. Die Krankenwägen brauchten eine Weile bis sie eintrafen. Also blieben nur die Zivilpolizisten und wir übrig, um all diesen Menschen zu helfen“, erinnert sich Natalia.

Die ganze Familie half zusammen, um die Opfer des Anschlags in Sicherheit zu bringen. Auch Natalias Kinder – acht, 12 und 18 Jahre alt – zögerten nicht, zu helfen.

Die Nachbarschaft wuchs über sich hinaus

Und sie blieben nicht die Einzigen. Mehrere Nachbarn eilten den Verletzten zu Hilfe. Natalia beschreibt, wie sie mit Kissen, Decken und Bandagen kamen, um die Blutungen zu stoppen.

Familienvater Gabriel kann sich noch gut an das Ende des Attentats vor der Bataclan-Halle erinnern. Auf dem Schusswechsel mit der Polizei folgte ein letzter Knall. “Wir alle hörten, wie sich der Schütze in die Luft sprengte.“

Auf das Attentat folgte eine Welle des Rassismus

Familie Syed leistete viel mehr als eine notdürftige medizinische Erstversorgung. Sie trösteten, beruhigten und wurden zur Anlaufstelle für besorgte Angehörige, die auf der Suche nach ihren vermissten Freunden und Familienmitgliedern waren.

Die tragischen Ereignisse vor einem Jahr lösten viel Misstrauen und Intoleranz unter den Menschen aus. “Ich habe Leute in der Öffentlichkeit sagen hören, dass Araber zurück in ihr Land gehen sollen. Das ist viel häufiger geworden.“, beobachtete Laeticia, die Tochter non Natalia.

Das Schweigen ist gebrochen

Gleichzeitig brachte die Terrornacht auch Menschen zusammen, die sich davor kaum gegenseitig wahrnahmen. “Zuvor schien jeder in diesem Gebäude und der Umgebung zu beschäftigt gewesen zu sein, um miteinander zu sprechen. Aber jetzt, nachdem wir das überstanden haben und so viel Schmerz und Blutvergießen gesehen haben, sind sich alle viel näher gekommen.“, hebt Natalia vor.

Natalia und Gabriel wurden vom Bürgermeister für ihren Einsatz geehrt. Ihre Familie sollte uns allen ein Vorbild für Courage und Toleranz sein.

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(pb)