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Brief einer Krankenschwester an alle Eltern, die mit ihren Kindern ins Krankenhaus kommen

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KRANKENHAUS KINDER
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2016-11-07-1478537268-8468889-865FF2224D9940D697EC4089C474FAEE6.png Dieser Artikel erschien zuerst bei freundin.de

Dieser Text bewegt bei Facebook viele Mütter: In einem langen Post schreibt sich eine Krankenschwester von der Seele, was sie jeden Tag in der Notfallambulanz erlebt. Bis jetzt wurde der Beitrag schon zahlreiche Male geteilt und kommentiert, offenbar trifft er bei vielen Frauen einen Nerv:

Kindernotfallambulanz

Wenn sich zu Beginn meines Dienstes die Tür zur Notaufnahme öffnet, blicke ich wie immer in einen überfüllten Wartebereich, mit schnupfenden, hustenden und spielenden Kindern.

Mit meiner Tasche im Arm werde ich von vielen Blicken fixiert. Ich sehe Mütter, die sich schon zu Grüppchen zusammenstellen und lauthals schimpfen, wie lange sie schon warten. Rechts im Spielbereich sehe ich einige Kinder fröhlich singen und spielen und frage mich, was für ein Notfall sie hier her führt.

Links sehe ich einen blassen 8-Jährigen und ich schaffe es gerade noch rechtzeitig, ihm einen Mülleimer hinzuhalten, in den er sich entleert. Seine Mutter - sichtlich besorgt und überfordert - erzählt mir von Erbrechen und Durchfall (seit heute). Und ich überlege ernsthaft, die Mutter darauf hinzuweisen, mit ihrem Sohn doch lieber nach Hause zu fahren, ihn ins Bett zu stecken, damit er in Ruhe seinen Virus auskurieren kann.

Jedoch weiß ich auch, dass solch eine Empfehlung auch nach hinten losgehen kann und der Ruf der Klinik und der unseres Personals daran zu tragen haben. Ich bringe dem Jungen ein kaltes Glas Wasser und bitte ihn, es löffelchenweise zu sich zu nehmen.

Ich kann keine genauen Angaben machen, weil wir eine Notfallambulanz sind


Neben dem Jungen sehe ich ein 5-jähriges Mädchen fröhlich malen. Ach, da sitzt eine Zecke am Hals. Ich frage mich, ob es nicht risikoärmer gewesen wäre, hätte die Mutter die Zecke zu Hause entfernt. So sitzt sie evtl. drei Stunden im Wartebereich und die Zecke hat mehr Zeit, sich ihren Bakterien zu entledigen. Und hoffentlich komme ich morgen rechtzeitig, um diesem Mädchen den Mülleimer zu reichen.

Mit meiner Tasche im Arm, auf dem Weg ins Dienstzimmer, werde ich von den Nächsten beschlagnahmt, die wissen wollen, wie viele Patienten vorher noch dran sind. Ich schaue schnell in den Computer und teile der Mutter mit, dass noch zwei vor ihr dran sind, ich aber trotzdem nicht die Wartezeit mitteilen kann, da wir eine Notfallambulanz sind.

Die Mutter ist trotzdem vorerst beruhigt. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass im Schockraum gerade ein 2-jähriger Junge reanimiert wird.

Angekommen im Dienstzimmer, sehe ich eine volle Kanne mit kaltem Kaffee, ein angebissenes Brötchen sowie Gummibärchen.

Nun trete ich meinen Dienst an und bekomme eine kurze Übergabe. An der Anmeldung hat sich eine Schlange gebildet. Ich bin draußen jetzt die einzige, da der Rest bei dem 2-jährigen Kind ist, reanimiert und seiner Familie beisteht.

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Viele Mütter werden sauer sein

Ich nehme Kinder mit leicht bis hohem Fieber an, das sie seit heute haben. Und weiß, dass die Mamas in drei Stunden hier fluchend die Ambulanz verlassen - mit einem Paracetamol-Rezept. Sie werden sauer sein, dass keine Diagnose feststeht und sie nach dem Paracetamol-Rezept noch nachfragen mussten. Sie fragen sich, ob sie hier drei Stunden umsonst gewartet haben.

Wenige verstehen, dass es völlig normal ist, dass man häufig bei ein bis zwei Tagen Fieber noch keine Diagnose stellen kann, denn häufig stellen sich erst am zweiten Tag Symptome wie Schnupfen, Halsschmerzen usw. ein.

Man empfiehlt dieser Mutter, bei drei Tagen hohem Fieber ohne Fokus wieder bei ihrem Kinderarzt vorstellig zu werden. Sollte ihr Kind kaum noch trinken, somnolent werden, könnte sie jederzeit wieder in die Notfallambulanz kommen.

In der Reihe sehe ich einen 10-jährigen kurzatmigen Jungen. Ich ziehe ihn vor, unter bösen Blicken von anderen wartenden Eltern. Ich gehe mit ihm ins Behandlungszimmer und ermittle alle Werte. Eine schlechte Sättigung lässt mich handeln und er bekommt Sauerstoff.

Da ich weiß, dass unsere Ärzte gerade einer Mutter vom Tod ihres Kindes erzählen, mache ich schon mal auf eigene Faust eine Blutentnahme, Inhalationen und suche ein Bett auf der Station.

Wer länger als 30 Minuten wartet, gehört zu den Glücklichen

Wieder draußen fängt mich Mutter X wieder ein und wird laut, wie es denn sein kann, dass sie jetzt zwei Stunden warten, obwohl vorhin nur zwei Patienten vor ihr dran waren. Ich schaue ihr Kind an - es spielt fröhlich mit dem Handy - messe eine Temperatur von 38.3. Schmerzen werden verneint und ich teile der Mutter mit, dass jetzt drei Patienten noch vorher dran sind.

Am liebsten würde ich in den Wartebereich rein rufen, dass drei Räume weiter unsere Ärzte gerade eine Stunde um ein Leben gekämpft haben. Und die Mutter des Jungen würde wahrscheinlich jetzt alles dafür geben, mit nur einem schnupfenden Kind drei Stunden hier zu warten.

Am liebsten würde ich an die Wand schreiben: 'Alle, die hier länger als 30 Minuten warten, können sich zu den Glücklichen zählen, denn ihr Kind ist kein Notfall.'

An der Anmeldung sehe ich an dritter Stelle einen Kinderwagen mit einem grauen Säugling drin. Ich bitte die Mutter, in ein Behandlungszimmer zu gehen. Die Mutter auf Platz eins wird böse, da ich ständig Kinder vorziehe. Ihr Kind wäre auch ein Notfall.

Ich schaue mir ihr blass-rosiges Kind an, welches eine Capri-Sonne schlürft. Ich kümmere mich um das graue Baby. Die Mutter berichtet mir, ihr Baby wäre irgendwie komisch heute. Ich funke unseren Arzt an und hoffe, sein Gespräch mit den leidenden Eltern ist beendet.

Ich bereite eine Vigo (Infusion) vor, denn ich weiß, es muss gleich schnell gehen. Mein Gefühl sagt mir, dass dieses Baby eine Sepsis (Blutvergiftung) hat. Unsere Ärztin kommt mit roten Augen rein. Alles geht schnell und das Kind ist bestens versorgt.

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Es ist nicht immer ein Notfall

Wieder draußen wird unsere Ärztin von Mutter X angeschrien, sie solle endlich ihre Arbeit machen, man würde hier die ganze Zeit keinen Arzt sehen. Unsere Ärztin wird unfreundlich und sagt leider das, was ich denke: 'Ihr Kind ist kein Notfall.' Die Mutter verlässt ohne Untersuchung mit ihrem Kind die Klinik und ein Gespräch bei der Direktion ist vorprogrammiert.

Unsere Ärztin hat nun Zeit für den Asthmatiker, der Assistenzarzt schickt den 8-jährigen Magen-Darm-Jungen mit einem Vomex-Rezept nach Hause. Zu müde, um der Mutter zu erklären, dass sie ihr Kind lieber brechen lassen soll. Jede Unterdrückung mit Vomex verlängert nur den Zustand.

Mein Pieper geht. Zwei Rettungswagen kommen. Zwei Schockräume werden vorbereitet. Der erste Rettungswagen wurde wegen Fieber gerufen. Ich schau mir dieses Kind an, es ist nicht nackensteif und entscheide mich dazu, dass es draußen mit den anderen fiebernden Kindern warten kann.

Der andere Rettungswagen bringt uns eine Verbrennung. Das Kind schreit und durchlebt höllische Schmerzen. Unsere Ärzte müssen wieder einmal alles andere liegen lassen und hier tätig werden. Das Kind wird sediert und den Chirurgen überlassen.

65 Patienten, 10 Notfälle

Draußen kommt mir eine Patientin von zwölf Jahren entgegen und ich werde traurig. Sie hat einen austherapierten Hirntumor und war fünf Jahre bei uns in der Klinik in Behandlung. Ich weiß, sie kommt, weil ihre Schmerzen jetzt unerträglich sind und sie jetzt ihren letzten Weg bei uns in der Klinik gehen wird. Vorbei an unverständlichen Blicken kommt sie in Raum 3 und ich schließe für zehn Minuten die Tür. Diese zehn Minuten gehören der Patientin und mir.

Danach sehe ich an der Anmeldung eine Mutter mit einem fünf Wochen alten Säugling. Sie ist verzweifelt, ihr Baby schreit seit Tagen. Sie ist müde. Ich habe Mitleid und nehme mir die Zeit, der Mutter ein paar gute Tipps zu geben und zeige ihr, wie sie ihr Baby richtig ins Tragetuch packt.

Leider hat sie keine Hebamme mehr bekommen, deren Arbeit in der Nachsorge so wichtig und wertvoll ist. Das Baby wird untersucht und ist gesund.

Am Ende meines Dienstes habe ich 65 Patienten gesehen und versorgt, davon waren zehn Notfälle.

Ich weiß, dass Mütter sich häufig sorgen machen

Mit meinen kleinen Einblick will ich keine Mutter davon abhalten, in die Klinik zu fahren. Jedoch bevor ihr in die Klinik fahrt, überlegt euch, ob euer Kind wirklich sehr krank ist, welches sofortiger Behandlung bedarf. Vielleicht kann ich meinem halsschmerzenden Kind auch erstmal anderweitig helfen und am Montag den Kinderarzt kontaktieren.

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Ich bin nicht nur Kinderkrankenschwester, sondern auch Mutter und weiß, dass man sich aber manchmal auch einfach große Sorgen macht. Der Instinkt sagt, wir benötigen einen Arzt. Auch ich bin mal mit meinem sehr schläfrigen Kind ins Krankenhaus und befürchtete das Schlimmste. Im Wartebereich sang sie dann "Backe, backe Kuchen" und war kerngesund.

Aber wenn ihr zwei Stunden im Wartebereich sitzt und das Gefühl habt, hier arbeitet keiner: dem ist nicht so. Dein Kind ist nicht unbeobachtet, auch wenn es einem so vorkommt. Das Pflegepersonal ist geschult, um einschätzen zu können, wie schwer krank ein Kind ist.

Seid froh, wenn ihr warten dürft, denn dann ist euer Kind kein Notfall.

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