Huffpost Germany

Ibrahim Abou-Nagie: Das ist der Kopf von Deutschlands bekanntester Salafisten-Organisation

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ABOU NAGIE
Ibrahim Abou-Nagie | Screenshot Youtube
Drucken

Der Mann schüttelt bedauernd den Kopf. Spricht ruhig, sanft. Das Gift steckt in dem, was er sagt.

"Alle Propheten werden bekämpft und der Lüge bezichtigt" sagt er. Die Propheten, damit meint er sich und seine Männer. Mit allen Mitteln versuchten die "Kuffar", die Ungläubigen, die Heuchler unter den Muslimen, die zionistischen Medien, ihnen und ihrem erfolgreichen Projekt zu schaden. Aber: "Das ehrt uns, das ist eine Ehre für uns."

Der Mann ist Ibrahim Abou-Nagie, Kopf und Gründer der Vereinigung "Die Wahre Religion" (DWR), das Video ging im Sommer vergangenen Jahres online.

DWR und "Lies!" verboten

Jetzt ist Abou-Nagie, um in seiner Diktion zu bleiben, eine der höchsten Ehren zuteil geworden, die die Bundesrepublik in der Sache zu vergeben hat: Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat DWR an diesem Dienstag verboten. Und alle Teil- und Aliasorganisationen gleich mit. Also die "LIES! Stiftung“/"Stiftung LIES" samt gleichnamigem Verlag, der "ReadLiesLtd" und der "Insamlingsstiflesen Al Quran Foundation".

2005 hatte Abou-Nagie DWR gegründet, laut Verfassungsschutz ging es damals vor allem um Seminare und Vorträge, die den Zuhörern die "reine Botschaft" des Islam näherzubringen.

Nicht, dass Abou-Nagie ein ausgewiesener Experte für den Islam wäre. Er wurde 1964 in einem Flüchtlingslager im Gazastreifen geboren. Er träumte, so erzählte er es, von der Disziplin und Technik in Deutschland, zog im Alter von 18 Jahren hierher, um laut "Spiegel" Elektrotechnik zu studieren. 1994 wurde er deutscher Staatsbürger, arbeitete im In- und Export. Eine theologische Ausbildung hat er nicht.

Doch irgendwann sei er in eine Sinnkrise geraten, der er mit Hilfe der Religion entkam.

Abou-Nagie will nicht Salafist genannt werden

Heute vertreten Abou-Nagie und seine Anhänger den Behörden zufolge eine ebenso radikale wie konservative Form des Islam, den Salafismus. Salafisten gelten als am stärksten wachsende Islamistengruppe Europas, die DWR wiederum als aktivste Gruppe in Deutschland.

Abou-Nagie dagegen wehrte sich immer gegen das Attribut. Salafisten, das sei ein Begriff, den Medien und Politik nutzen, um die Muslime zu spalten, sagte er einmal der Deutschen Welle. Er will sich nur als Muslim bezeichnen.

Seit 2011 arbeitet er intensiv daran, andere zu diesem Glauben zu bekehren. Er startete die "Lies!"-Kampagne. Er und seine Anhänger verteilten nach eigenen Angaben 3,5 Millionen Koran-Exemplare. An Ständen in Fußgängerzonen überall in Deutschland, und aus dem Rucksack heraus. Zuletzt waren sie in 15 Ländern weltweit aktiv, unter anderem Österreich, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Bahrain und Brasilien.

Das "Starterpaket" für Muslime

Über einen professionell aufgezogenen Internetauftritt etwa warb "Lies!" für die Konversion um Islam. Eine geschulte Stimme pries ein kostenloses "Starterpaket" für künftige Muslime, mit Gebetsteppich, Anleitungs-DVD zum Beten, einer deutschen Koranübersetzung, "Und das beste: eine Urkunde", die den Neuling als Muslim oder Muslima ausweise.

All das kann noch nicht erklären, warum der deutsche Staat zu seiner stärksten Waffe im Kampf gegen Vereinigungen greift; warum die Behörden nach Aussage des Innenministers von NRW ein Jahr in die Vorbereitung des Vereinsverbots steckten. Zumal die Sache besonders heikel ist, schließlich ist die Religionsausübung vom Grundgesetz gestützt.

Das Gift steckte in dem, was die Abou-Nagie und seine Koranverteiler sonst noch taten oder getan haben sollen.

"Einzigartiges Sammelbecken für Islamisten"

Nach der Erkenntnis des Innenministeriums und des ihm unterstellten Verfassungsschutzes waren unter Abou-Nagies Helfern "zahlreiche Personen" aus dem dschihadistischen Spektrum. Und die Helfer hätten erfolgreich versucht, Jugendliche zu ködern und zu radikalisieren.

Die Verteilaktionen seien nur der Deckmantel gewesen. 140 Menschen hätten sich in Syrien und im Irak Terrororganisationen angeschlossen, nachdem sie an DWR-Aktionen teilgenommen hätten. Die DWR sei ein "bundesweit einzigartiges Rekrutierungs- und Sammelbecken" für Islamisten geworden.

In Berichten fallen etwa die Namen von Christian Emde, Propagandist des IS in Mossul, oder Denis Cuspert, der sich ehemals Rapper Deso Dogg nannte. Oder der Solinger Selbstmordattentäter Robert B. In Ulm hat die Polizei im April Männer festgenommen, die auf "Lies!"-Aktionen Geld für den Islamischen Staat (IS) gesammelt haben sollen.

In dem Video vom Sommer 2015 weist Abou-Nagie den Vorwurf, seine Organisation mache junge Menschen zu Terrorkämpfern in Syrien, mit mildem Nachdruck von sich. "Gewalttätig sind diejenigen, die uns bekämpfen", sagt er.

Alle Nicht-Muslime in die Hölle

Auch da bleibt Abou-Nagies Stimme ganz sanft. Genauso wie bei dem Satz, Juden und Christen, alle Nicht-Muslime eben, würden unweigerlich in die Hölle kommen.

Medien zitieren ihn sogar mit inhaltlich noch viel bedenklicheren Sätzen. Etwa mit: "Wenn wir die Demokratie akzeptieren, dann sind wir auch Kuffar." Homosexualität sei für ihn eine Krankheit. Karneval und Musik? Verboten.

Hat Abou-Nagie den Sozialstaat um mehr als 50.000 Euro betrogen?

Die Behörden haben den Prediger allerdings nicht nur wegen seiner Thesen im Visier. Im Februar verurteilte ihn das Amtsgericht Köln wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Bewährungsstrafe. Der dreifache Vater soll zu Unrecht 53.000 Euro Sozialleistungen für sich und seine Familie kassiert haben. Er soll Nebeneinkünfte und Konten verschwiegen haben, Spenden aus dem Koran-Projekt für sich selbst verwendet haben.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Abou-Nagie hat Berufung eingelegt. Ein Termin für die Verhandlung steht noch nicht fest.

Die Finanzen des Mannes scheinen zumindest dubios. So bezieht er laut "Süddeutscher Zeitung" zwar seit 2005 schon Sozialleistungen, hat aber seine "Lies GmbH" 2014 mit einem Stammkapital von 25.000 Euro gegründet.

Das Verbot und die Razzien in zehn Bundesländern könnten da Klarheit bringen. Abou-Nagie war übrigens während der Durchsuchungen nicht in Deutschland. Er hält sich wohl in Malaysia auf, wo er dem Vernehmen nach auch Korane verteilen will.

Anfällig für ihn und seine Botschaften sind vor allem junge Menschen, die nach Sinn und Halt suchen. Für sie wird er auch im Ausland greifbar bleiben, über Telefon und Internet.

Wie Tini und Stephanie zum Islam konvertieren

Auf Youtube findet sich ein Video von 2011, in dem zwei Mädchen, die er Tini und Stephanie nennt, das islamische Glaubensbekenntnis via Telefon nachsprechen lässt. Damit gelten die Mädchen fortan als Musliminnen. "Jetzt seid ihr unsere Schwestern im Islam", sagt Abou-Nagie da. Nervöses Kichern offenbar junger Frauen oder Mädchen ist die Antwort. Und Tini sagt, dass sie sich befreit fühlten.

Der Prediger fragt, ob die Mädchen denn wüssten, dass 90 Prozent aller, die den Islam annehmen würden, Frauen seien. "Das ist ein Zeichen, dass Allah mit dem Deutschen Volk was vorhat."

HuffPost-Tarif

Europa-Flat, Daten-Flat: Einer der günstigsten Handy-Tarife auf dem Markt

Mit der Spar-Aktion der Huffington Post in Zusammenarbeit mit Chip und Tarifhaus bucht ihr einen Smartphone-Tarif, der preislich kaum zu schlagen ist und eine Vielzahl an Vorteilen bietet.
Mehr Infos findet ihr hier.

(lk)