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Wo das Prostituiertenschutzgesetz versagt: Besuch auf dem Straßenstrich in Berlin

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Wo das Prostituiertenschutzgesetz versagt: Besuch auf dem Straßenstrich in Berlin | Getty
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Die Berliner Kurfürstenstraße ist seit Jahren als Straßenstrich bekannt. Die sozialen Probleme und Missstände dort sind groß, die Strukturen schwer durchschaubar. Auch das neue Prostituiertenschutzgesetz trägt hier wenig zur Verbesserung der Lage bei. Unsere Kollegin Uschi Jonas von Focus Online hat sich dort umgesehen.

Ein silberner Kombi mit Frankfurter Kennzeichen hält am Straßenrand. Der Fahrer macht den Motor aus, fünf Männer sitzen darin und starren aus dem dunklen Wagen verstohlen auf den Bürgersteig an der Kurfürstenstraße in Berlin-Mitte.

Folgt man der Straße in westliche Richtung, landet man auf der Flaniermeile der Hauptstadt am Kurfürstendamm. Hier, wenige Kilometer weiter östlich, geht es weitaus weniger glamourös zu.

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Der Straßenstrich in der Kurfürstenstraße in Berlin. Foto: Focus Online

Die Straßen rund um die Kurfürstenstraße sind seit Jahrzehnten als Straßenstrich bekannt. Böse Zungen sprechen vom „Hartgeldstrich“ - wenn ein Freier nicht genügend Geld rausrücken will und der Tag für die "leichte Dame" schlecht lief, gibt es einen Blowjob schon mal für zehn Euro – so der Mythos.

Eine schnelle Nummer auf dem Baugelände

„Französisch kostet 25, Französisch und Fick mit Gummi 50 Euro“, erzählt eine große Blondine mit ungarischem Akzent. Ihre Augenringe sind tief, ihr Haar ist zu einem Dutt hochgesteckt, sie trägt lilafarbene Baumwollleggins und braune Stiefel. „Wie lange das geht? Na bis der Typ kommt!“ Als Örtlichkeit hat Mann die Wahl zwischen einer Kabine für fünf Euro, einer Pension für zehn Euro oder dem eigenen Auto.

Im Juli 2017 tritt das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Es soll mehr Schutz für Frauen schaffen und die rechtlichen Rahmenbedingungen für die legale Prostitution festigen. Demnach müssen sich Prostituierte künftig beim Amt melden und sich einer regelmäßigen gesundheitlichen Beratung unterziehen.

Die sozialen Missstände sind immens

Eine dunkelhaarige Frau kommt hinter einem Bauzaun hervor. Schwarze Netzstrumpfhose, Lackstiefeletten und zerzaustes Haar. „Hast du eine Zigarette für mich?“, fragt sie einen Mann, der vor einem Kiosk steht. Hektisch läuft sie weiter Richtung U-Bahn. Kurz hinter ihr kommt ein schmächtiger Mann vom Gelände hinter dem Bauzaun, er macht sich noch an seinem Gürtel zu schaffen und steckt sein T-Shirt wieder zurück in die Jeans.

Mehr zum Thema: Die brutale Wahrheit: So arbeitet Eva als Prostituierte

Notker Schweikhardt sitzt als Abgeordneter für die Grünen im Berliner Senat. Auf ein unbebautes Gelände direkt an der Kurfürstenstraße hat er einen Container gestellt. Ganz bewusst ist er mit seinem Bürgerbüro in die Straße gezogen. „Das ist hier wirklich ein Brennpunkt, die sozialen Missstände sind immens. Vor allem im Winter ist es schlimm. Die Frauen stehen dünn angezogen stundenlang im Freien, haben keine Rückzugsräume, keine hygienischen Möglichkeiten. Das ist wirklich gruselig“, erzählt der Grüne.

Keiner kann sagen, ob die Frauen freiwillig als Prostituierte arbeiten

„Hey du, warte mal!“ Zwei Frauen umringen einen jungen Mann. Beide mit orangefarbenen, verwaschenen Leggins bekleidet und einer Umhängetasche mit ihren Habseligkeiten. „Hast du nicht Lust, mit uns mitzukommen?“ Der junge Mann bleibt kurz stehen, grinst schüchtern, unterhält sich mit den beiden Mädchen. Er hadert mit sich, doch läuft dann seinem Kumpel hinterher, der schon einige Meter entfernt ist.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles freiwillige Sexarbeit ist, aber die Polizei sagt, es ist einfach nicht nachweisbar. Oft hängt das in Familienstrukturen und die sagen nicht aus“, erzählt Schweikhardt.

Immer wieder gibt es Runde Tische zum Thema Prostitution und auch das Quartiersmanagement hat eine Arbeitsgruppe zur sozialen Lage am Strich in der Kurfürstenstraße. In der Apostelkirche bekommen die Frauen zwei Mal pro Woche eine warme Mahlzeit und es gibt den Olga-Treff – eine Beratungs- und Betreuungsstelle für drogenabhängige und sich prostituierende Frauen.

Der Straßenstrich und seine Strukturen sind nur schwer kontrollierbar

Bei genauem Hinsehen fällt ein breit gebauter Mann mit hartem Blick, schwarzer Kleidung und verschränkten Armen auf dem Bürgersteig auf. Er steht die ganze Zeit über am selben Fleck, schaut nach links und rechts. Er ist wohl einer der Aufpasser, beobachtet jeden Schritt der Frauen. Wer mit ihnen spricht, wohin sie gehen.

„Es gibt eine gewisse Struktur, aber die Probleme - Aggressivität und Misshandlungen und der Sex auf offener Straße, in Treppenhäusern oder hinter Gebüschen - bleiben“, sorgt sich Schweikhardt. „So wie es jetzt ist, kann es auf keinen Fall bleiben. Das ist menschlich nicht akzeptabel.“

In Bordellen müssen nach dem neuen Gesetz Auflagen eingehalten werden, Sozialräume und sanitäre Anlagen geschaffen werden, Kondome bereitliegen, Höchstarbeitszeiten eingehalten werden. „Da kann Kontrolle stattfinden und es gibt Zugriff – auf der Straße ist das unkontrollierbar.“

300 bis 500 Frauen arbeiten jede Woche rund um die Kurfürstenstraße

Gegen Abend, wenn es dunkel wird, ist am meisten los. Aber auch tagsüber blüht das Geschäft. „Wo könnten wir hingehen? Hast du ein Zimmer in einer Pension?“ Völlig ungeniert spricht ein großer glatzköpfiger Mann ein kleines junges Mädchen an und tritt so nah an es heran, dass es fast an seinen Bierbauch stößt. Das Mädchen trägt Pumps, eine fast durchsichtige Strumpfhose und nur eine kurze Jacke darüber.

Das Bedürfnis nach schnellem, anonymem Sex scheint riesig zu sein. „Laut Berliner Polizei arbeiten hier in der Woche 300 bis 500 Frauen“, sagt Notker Schweikhardt. Von seinem Bürgerbüro aus bekommt er so einiges mit. Einmal wollte er einem Paketboten entgegenlaufen - und musste dann feststellen, dass dieser nur kurz das Zustellfahrzeug für seinen Kollegen freimachte. Während der eine eine Zigarette rauchte, vergnügte sich der andere für fünf Minuten mit einer Dame zwischen den Paketen im Laderaum.

Anwohner wollen den Frauen helfen

In den Nebenstraßen arbeiten auch viele ältere Damen, viele sind über 60 Jahre alt. „Das sind meist Berlinerinnen und die haben ihre Stammkundschaft.“ Ansonsten sind es viele junge Frauen aus Ungarn, Rumänien oder anderen osteuropäischen Ländern.

„Achtung Kinder!“, steht auf dem Schild vom Berliner Rundfunk, das an einem an einem Laternenpfahl hängt. Die Kirche wirbt für eine Veranstaltung: „Bibel verstehen bewahrt vor Homophobie“. Die Kurfürstenstraße ist eine von tausenden Straßen in der Berliner Innenstadt.

Viele Anwohner leben schon seit Jahren hier und wollen auch nicht weg. Der Strich gehört zu ihrer Straße, wie der Dönerimbiss, der Friseursalon und "Woolworth". Manche wollen, dass der Strich möglichst schnell verschwindet, anderen liegt es am Herzen, dass etwas für die Frauen getan wird. Doch wie, das weiß keiner so recht.

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