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Medien bejubeln Steinmeier als "Anti-Trump" - aber es gibt auch heftige Kritik

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STEINMEIER MERKEL
Medien bejubeln Steinmeier als "Anti-Trump" - aber es gibt auch heftige Kritik | Reuters
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Es war ein würdeloses Gezerre. Wochenlang haben Spitzenpolitiker nach einem neuen Bundespräsidenten gesucht. Wochenlang wurde in der Diskussion ein Name nach dem anderen verbrannt.

Nun läuft doch alles auf den beliebten Außenminister Frank-Walter Steinmeier hinaus.

Für die Entscheidung gab es viel Lob. Doch die Kommentatoren in den Medien sind nicht alle begeistert.

"Focus Online" lobt ihn als "versierten Politiker", als "Profi" auf dem internationalen Parkett. "Spiegel Online" schreibt, an der Eignung des 60-Jährigen gebe es kaum Zweifel.

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Die "Süddeutsche Zeitung" wiederum nennt ihn wegen seiner ausgeglichenen Art gar den "Anti-Trump" und einen "Bundespräsidentenkandidaten, wie er im Buche steht".

Die "taz" findet zwar, Präsidentschaftswahlkämpfe in den USA hätten "mehr Sex", aber dafür stünden bei uns eben nicht "rüpelnde Machos, narzisstische Psychopathen und lärmende Schulhofschlägertypen" zur Wahl, sondern die Bundesprepublik setze einen "leisetreterischen, knuddeligen Verlierertypen dagegen", einen "netten, grundsoliden" Typen – der trotzdem über Durchsetzungskraft verfüge, wie er im Ukraine-Konflikt gezeigt habe.

Die "Bild" lobt ihn sogar als "so ehrbar wie erfahren".

Die Union hat klug gehandelt, den SPD-Mann zu stützen, findet die "Neue Osnabrücker Zeitung". "Wenn Finanzminister Wolfgang Schäuble dies eine Niederlage nennt, geht an ihn die Frage, wo sein Lösungsvorschlag war."

Die "Frankfurter Neue Presse", kommentiert etwas verhaltener. "Mit Steinmeier bekommen die Deutschen sicher einen guten Mann, wenn auch von ihm rhetorische Glanzstücke wie von Gauck nicht zu erwarten sind”, schreibt die Zeitung.

Er habe zwar mehr als den Charme einer Büroklammer, der ihm einmal attestiert wurde, neige aber zu einer eher bräsigen, risikoscheuen Diplomaten-Sprache. “Dass von dem altgedienten SPD-Mann besondere Impulse für die Tagespolitiker ausgehen, ist eher zweifelhaft.”

"In ziemlich dreister Weise undiplomatisch"

Eine Zeitung enthält sich demonstrativ jeden Jubels: die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Sie stellte am Montagvormittag einen Kommentar ins Netz, der sich zwar nicht direkt mit seiner möglichen Kandidatur beschäftigt – aber eine Abrechnung mit seiner Politik ist.

Steinmeiers Äußerung über Trump im Sommer sei "zumindest fahrlässig" gewesen. Dass er Trump riet, die Spaltung der US-Gesellschaft schnell zu kitten, anstatt ihm zum Wahlsieg zu gratulieren, sei "höchst überflüssig" gewesen.

"Steinmeier nutzte nach der Wahl nicht etwa die Chance, sich nun diplomatisch zu äußern. Vielmehr erteilte er dem gerade Gewählten Ratschläge."

All das sei "in ziemlich dreister Weise undiplomatisch" gewesen.

Auch in der "Bild" ist zu lesen, dass Steinmeier sein großes Verständnis für Putin besser ablegen solle.

"Peinlich" für Kanzlerin Angela Merkel

Zudem klingt in einigen Kommentaren Kritik an seiner Nominierung durch: SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte Steinmeier ins Rennen gebracht, CDU und CSU sträubten sich lange – gaben aber ihren Widerstand mangels Alternative an diesem Montag auf.

Dieses Prozedere sei "kein Ausweis für die Stärke der Kanzlerin", kommentiert "Focus Online", sie habe sich "verzockt". "Peinlich" sei dieser "Coup" Gabriels, notiert auch "Spiegel Online".

“Es ist Merkels Fehler in der Präsidentenfrage gewesen, zu lange alle Optionen offenhalten zu wollen”, kritisiert auch die “Sächsische Zeitung”. “Nun fehlen ihr auch Optionen für 2017.”

Die "NZZ" bezeichnet es gar als "Armutszeugnis" für die Union, "wenn sie keine geeignete Persönlichkeit findet, die bereit ist, Bundespräsident zu werden und sich nötigenfalls auch dem politischen Wettbewerb in der Bundesversammlung zu stellen".

Zu viel Einigkeit unter den großen Parteien?

Viele Kommentatoren geißeln sowohl das Vorgehen der SPD wie der Union – denn die Warnung der SPD, Steinmeier aus parteitaktischen Gründen abzulehnen, sei "scheinheilig". Schließlich habe auch bei der SPD Taktik eine Rolle gespielt.

Die "Bild"-Zeitung fürchtet, dass die Bevölkerung die mit Ach und Krach zustande gekommene Einigung auf Steinmeier als politisches Geklüngel empfinden wird.

"Statt zwei Kandidaten in ein spannendes Rennen zu schicken, schüren solche GroKo-Abmachungen ohne Not Verdruss und Überdruss all jener, die tönen: “Die in Berlin stecken doch eh’ alle unter einer Decke!“"

"Ehrbarer Wettbewerb und politische Konkurrenz" wären aus Sicht des Kommentatoren möglich gewesen. Doch jetzt entstehe wieder das Gefühl, dass die großen Parteien kaum noch unterscheidbar sind.

Die "SZ" hat damit weniger Probleme. Ihr Kommentator nennt die Entscheidung sogar "spektakulär gut". Abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass diese "Heiligsprechung" eine Last für Steinmeier bedeuten könnte.

(sma, lk)