Huffpost Germany

Zahl der Hartz-IV-Aufstocker in Deutschland erreicht neuen Tiefststand (Exklusiv)

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ARBEITSLOSE
Zahl der Hartz-IV-Aufstocker in Deutschland erreicht neuen Tiefststand | ullstein bild via Getty Images
Drucken

Immer mehr Europäer gelten trotz eines festen Jobs als armutsgefährdet. 2015 betraf das 7,8 Prozent der Vollzeitbeschäftigten in Europa, 2009 waren es noch 7,0 Prozent. So schreibt es die Bertelsmann-Stiftung in ihrem heute veröffentlichten Bericht zur sozialen Gerechtigkeit in Europa.

Verantwortlich für die Entwicklung sei unter anderem ein wachsender Niedriglohnsektor und eine Spaltung der Arbeitsmärkte in reguläre und in atypische Beschäftigungsformen.

"Ein Vollzeitjob muss nicht nur das Einkommen sichern, sondern auch das Auskommen. Ein steigender Anteil von Menschen, die dauerhaft nicht von ihrer Arbeit leben können, untergräbt die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung", kommentiert Bertelsmann-Vorstandschef Aart de Geus die Ergebnisse.

Weniger Deutsche beziehen neben einem Vollzeitjob noch Hartz-IV

In Deutschland geht dagegen die Zahl der Beschäftigten, die neben einem sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob noch Hartz-IV beziehen, seit einigen Jahren zurück. Wie aus aktuellen Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA), die der Huffington Post vorliegen, hervorgeht, mussten im April 2016 noch 181.000 vollzeitbeschäftigte Aufstocker Geld vom Jobcenter beziehen, 18.000 oder neun Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Im Jahresdurchschnitt 2009 registrierten die Jobcenter bundesweit noch knapp 338.000 vollzeitangestellte Hartz-IV-Empfänger – beinahe 90 Prozent mehr als heute.

Höhere Abhängigkeit bei Teilzeitjobs

Umgekehrt wächst die Zahl der angestellten Hartz-IV-Empfänger mit einem Teilzeitjob – von 215.000 im Jahr 2009 auf 384.000 im Durchschnitt des Jahres 2015.

HuffPost-Tarif

Europa-Flat, Daten-Flat: Einer der günstigsten Handy-Tarife auf dem Markt

Mit der Spar-Aktion der Huffington Post in Zusammenarbeit mit Chip und Tarifhaus bucht ihr einen Smartphone-Tarif, der preislich kaum zu schlagen ist und eine Vielzahl an Vorteilen bietet.
Mehr Infos findet ihr hier.

Unklar ist, in wie vielen Fällen die Betroffenen freiwillig nur einer stundenweisen Beschäftigung nachgehen. Die Zahl der aufstockenden Minijobber und Selbstständigen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Insgesamt zählte die Bundesagentur im Juli nur noch 1,18 Millionen Aufstocker – ein neuer Tiefststand in der Behördenstatistik.

Dennoch berichtet der Bertelsmann-Report, dass auch in Deutschland die Armutsgefährung, die nicht mit einem tatsächlichen Hartz-IV-Bezug gleichzusetzen ist, auch bei Menschen in Vollzeitbeschäftigung gegenüber 2009 gestiegen ist. Ursächlich sei ein wachsender Niedriglohnsektor und eine Spaltung des Arbeitsmarktes, wie sie auch in anderen EU-Staaten zu beobachten sei.

"Wir waren überrascht, dass trotz steigender Beschäftigung in Europa das Armutsrisiko, auch in Deutschland, nicht geringer wird", so Studienautor Daniel Schraad-Tischler.

Hauptverlierer: Kinder und Jugendliche

Jeder vierte EU-Bürger gilt nach der Untersuchung als armutsgefährdet, allerdings mit großen regionalen Unterschieden: In Griechenland und Rumänien betrifft es mehr als jeden dritten Einwohner, in Bulgarien sogar über 40 Prozent der Bevölkerung.

Zudem sind laut Bertelsmann deutlich mehr Kinder und Jugendliche von Armut betroffen: Während fast jedes zehnte Kind in der Europäischen Union schwerwiegende materielle Entbehrungen erlebt, treffe das nur auf etwa 6 Prozent der über 65-jährigen zu, heißt es in der Auswertung der Gütersloher Forscher.

Bertelsmann rüffelt Deutschland: Nicht generationengerecht

Deutschland bleibt zwar dank eines robusten Arbeitsmarktes im Bertelsmann-Ranking der EU-Staaten hinsichtlich ihrer sozialen Gerechtigkeit auf Platz sieben von 28 – hinter den skandinavischen Ländern sowie Tschechien, Niederlande und Österreich.

Gleichwohl attestieren die Autoren der Bundesrepublik "Probleme im Bereich Generationengerechtigkeit". Eine Rüge erteilen die Bertelsmann-Forscher Deutschland insbesondere für den fehlenden Plan, die sozialen Sicherungssysteme nachhaltig finanzierbar zu gestalten.

"Armutsfestigkeit und Generationengerechtigkeit müssen tragende Säulen zukünftiger Rentenreformen werden", schreibt Schraad-Tischler.

Rentenreformen, wie sie zuletzt in Deutschland vorgenommen wurden (Rente mit 63, Mütterrente), gingen hingegen deutlich auf Kosten der jüngeren Generationen und verfehlten zudem das Ziel des Schutzes vor Altersarmut.

"Aus diesem Grund zählt Deutschland zu den Ländern, die sich in Sachen Generationengerechtigkeit in den letzten Jahren am stärksten verschlechtert haben."

(lk)