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Ein Jahr nach den Anschlägen von Paris: Der muslimische Wachmann, der einen Terroristen stoppte, erinnert sich

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SALIM TOORABALLY
Ein Jahr nach den Anschlägen von Paris: Der muslimische Wachmann, der einen Terroristen stoppte, erinnert sich | DR
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Viele Überlebende der Anschläge von Paris sagen, dass sich ihr Leben seit diesem grauenvollen Abend verändert habe. Auch Salim Toorabally. Ihm wurde jedoch erst nach mehreren Tagen bewusst, dass er den 13. November 2015 völlig anders erlebt hatte als seine Kollegen.

Der französisch-mauritische Wachmann muslimischen Glaubens war gerade im Fußballstadion Stade de France im Einsatz, als drei Selbstmordattentäter sich ganz in der Nähe selbst in die Luft sprengten – dies war der erste einer ganzen Reihe von Anschlägen, zu denen sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) später bekannte und bei denen über 130 Menschen getötet und mehrere hundert Menschen verletzt wurden.

Er hatte einen der Attentäter nicht durchgelassen


Fünf Tage danach, am 18. November 2015, ging Toorabally auf die Polizeiwache im Pariser Vorort Bobigny im Nordosten der Stadt. Dort sah er sich die Bilder eines toten Mannes an. Es war nur der Kopf des jungen Mannes zu sehen. Der Rest des Körpers war weggerissen worden, als sein umgehängter Sprengstoffgürtel losging.

Bei dem Mann auf den Fotos handelte es sich um Bilal Hadfi, einen der Selbstmordattentäter. Toorabally erinnerte sich, dass dieser Mann am Tag der Anschläge versucht hatte, an ihm vorbeizukommen – er hatte Hadfi jedoch nicht durchgelassen.

Obwohl Toorabally bereits seit 13 Jahren als Sicherheitsmann arbeitete, war er an diesem Abend zum ersten Mal im Stade de France im Einsatz. Ungefähr 80.000 Zuschauer hatten sich im Stadion versammelt, um sich das internationale Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland anzusehen. Für den leidenschaftlichen Fußballfan Toorabally war diese Schicht etwas ganz Besonderes.

"Ich muss da unbedingt rein", sagte der Terrorist

“Es war ein sehr wichtiger Moment und ich war stolz darauf, dabei sein dürfen”, berichtet er knapp ein Jahr nach den Anschlägen von Paris im Gespräch mit der Huffington Post Frankreich. “Wegen des 11. Novembers* war es ein langes Wochenende, und die Leute freuten sich, dabei zu sein. Es waren auch deutsche Fans, Familien und Kinder im Stadion.”

Hadfi versuchte, ohne Ticket hineinzukommen. Der Sicherheitsmann erinnert sich, dass Hadfi zu ihm sagte: “Ich muss da rein, ich muss da unbedingt rein.”

“Er kam zum Eingang L und ging dabei sehr dicht hinter einem der Zuschauer her”, so Toorabally. Hadfi habe “gestresst und gehetzt” ausgesehen, berichtet er weiter.

Nach Angaben von Toorabally versuchte Hadfi danach noch ungefähr zehn Minuten lang, ins Stadion zu kommen – jedoch ohne Erfolg. Schließlich gab er auf und ging weg. Kaum eine Stunde später gab es die erste Explosion.

"Ich dachte, ich sehe meine Tochter nie wieder"

Bei den insgesamt drei Explosionen rund um das Stade de France wurde eine Person getötet und 56 weitere Menschen wurden verletzt. Unter den Verletzten waren auch drei Kollegen von Toorabally – einer von ihnen wurde am ganzen Bein entlang von Schrauben und Muttern getroffen.

Toorabally hatte Angst, als er versuchte, den Opfern zu helfen und die Menschenmenge zu beruhigen. Er dachte ständig nur an seine Familie.

“Ich dachte, dass ich nicht mehr heil nach Hause kommen würde und dass ich meine Tochter nie wieder sehen würde”, gesteht er.

"Pass auf dich auf, Papa"

Seine sechzehnjährige Tochter Yza hatte sich bereits vorher schon Sorgen um Toorabally gemacht. Bevor er sich auf den Weg ins Stadion machte, hatte sie zu ihm gesagt: “Pass auf dich auf, Papa. Es könnte etwas passieren.”

Sie hatten sich auf Auseinandersetzungen mit Hooligans eingestellt, so Toorabally. Doch “auf so etwas” waren sie nicht vorbereitet.

Die Medien erklärten Toorabally direkt im Anschluss zum Helden, weil er Hadfi nicht ins Stadion gelassen hatte. Außerdem wurde er als Redner zu verschiedenen internationalen Veranstaltungen eingeladen. Im Juli flog er nach Orlando, Florida, um bei der National Sports Safety and Security Conference eine Rede zu halten.

Toorabally nahm auch an Konferenzen in Arizona, Massachusetts und Mississippi teil und erhielt dabei mehrere Auszeichnungen.

“Bei meinen Reden erinnere ich die anderen Sicherheitskräfte daran, dass wir unser Land vertreten, und dass wir das Gesetz vertreten”, so Toorabally.

"Wer nicht redet, hat Angst"

Toorabally hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch die Welt zu reisen und seine Geschichte zu erzählen. “Wer nicht redet, hat Angst. Und ich finde es schlimm, wenn man Angst hat”, sagt er.

Er gibt jedoch zu, dass auch ihn hin und wieder die Angst überkommt. “Einige Tage nach den Anschlägen wurde mir bewusst, dass ich nicht einfach nur irgendjemanden aufgehalten hatte, sondern einen Daesh-Kämpfer”, fügt er aufgeregt hinzu. Daesh ist ein anderer Name für den Islamischen Staat.

Toorabally ist nach dem Vorfall ganz bewusst mehrmals ins Stade de France zurückgekehrt, weil er “seine Angst ablegen und das Passierte verarbeiten” wollte.

Durch dieses Erlebnis ist Tooraballys Liebe zu seinem Land noch stärker geworden und er und seine Familie haben sich vorgenommen, “die Republik von nun an an die erste und unsere Religion an zweite Stelle” zu setzen, so berichtet er.

Eine Version dieses Artikels erschien ursprünglich bei der Huffington Post Frankreich. Sie wurde übersetzt und bearbeitet. Die englische Version wurde von Susanne Raupach ins Deutsche übersetzt.

*Der 11. November ist ein Feiertag in Frankreich, an diesem Tag endete 1918 der erste Weltkrieg.

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