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Blue River: Herr Wiegeles Gespür für Schnee

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Spuren setzen in unberührte Hänge: Heliskiing in Kanada

Der 77-jährige Mike Wiegele ist gemeinsam mit dem 2006 verstorbenen Hans Gmoser Pionier des Heliskiing in Kanada. Sein Lebenswerk ist ein Resort für Tiefschneefreaks in Blue River, British Columbia. Der gebürtige Österreicher hat lange gesucht, bis er den Ort gefunden hat, in dem jeden Winter über zehn Meter feinster Powder fällt. "Für mich ist es der Platz für das beste Powderskiing der Welt," sagt der Fachmann. Sein Heliski Village in Blue River ist Ausgangspunkt für über 1.000 Abfahrten in einem 4.800 Quadratkilometer großen Gebiet der Cariboos und Monashees von British Columbia ("British Columbia & the Canadian Rockies"). Skifahrer und Snowboarder aus aller Welt finden hier traumhafte Bedingungen - und ungeschriebene Gesetze. Die werden von erfahrenen Guides vorgegeben, für die die Sicherheit ihrer Schützlinge oberstes Gebot ist.

Charly kennt kein Halten mehr. Er ist im Rausch - im Tiefschnee-Rausch. Mit kurzen Schwüngen sezieren die Skispitzen den Powder. Zurück bleiben Spuren auf einem Hang, der jungfräulich ist, soweit das Auge reicht. Der junge Wilde passiert seine wartende Gruppe, fährt weiter, immer weiter, verschwindet in einer weißen Wolke aus Schneestaub. Endlich schwingt er ab.

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Großer Fehler! Leicht zu erkennen an Bills Augen, die sich ärgerlich verengen. Sonst lässt sich der Guide nichts anmerken. Seine Hände formen einen Trichter um den Mund, und Charly hört: "Komm hoch! Wir müssen in die andere Richtung!" Bedeutet: Gut 200 Meter bergauf in einem Meter tiefen Schnee. Höchststrafe - mit Begnadigung auf Bewährung. Nachdem Charly mühsam ein Viertel der erzieherischen Maßnahme hinter sich gebracht hat, wedelt die Gruppe doch in seine Richtung. In den nächsten Tagen wird Charly das ungeschriebene Gesetz nicht mehr brechen, nach dem der Guide ohne Erlaubnis nicht überholt werden darf.

Sicherheit steht für die Guides an erster Stelle

Bob, ein 40-jähriger Kanadier aus Vermont und seit zehn Jahren in der Company, zitiert eine alte Guide-Weisheit im Umgang mit seinen Gästen: "Nobody cares how much you know. Until they know how much you care." Heißt übersetzt: "Niemanden interessiert, wie viel du weißt. Bis sie wissen, wie sehr du dich kümmerst." Die 30 Guides, die für Mike Wiegele arbeiten, leben diesen Spruch. Weil nichts über die Sicherheit für die begeisterten Skifans aus aller Welt geht, die zwischen November und April ins Heliski Resort nach Blue River reisen, um sich ihren Tiefschnee-Traum zu erfüllen. Respektvoll sprechen die Skiführer von "mother nature" und wissen genau, wie launisch diese sein kann.

Los geht es, wenn die Helikopter gefahrlos fliegen können - und wenn nicht gerade ein Schneesturm tobt oder Nebel den Piloten die Sicht nimmt. Jeden Morgen, Punkt 7.30 Uhr, treffen sich Bill und seine Kollegen im Guide's House des Camps zum Wettercheck, dann wird entschieden, wo der Powder aufgewirbelt wird - unbegrenzt im alpinen Gelände, an der Baumgrenze zum Tree Skiing, oder unterhalb der Wälder. An Schnee mangelt es jedenfalls nicht, mehr als zehn Meter fallen durchschnittlich pro Saison. "Im letzten Winter," erzählt Bill, "hatten wir zwischen Dezember und März nur fünf Tage, an denen es nicht geschneit hat."

Die ersten Gäste bezahlten den Helikopter, Mike war der Guide

Es war Mike Wiegeles Gespür für Schnee, das ihn nach langer Suche nach Blue River führte. Und damit ans Ziel seiner Träume, zum "besten Schnee der Welt", wie er sagt. Den Sohn eines Bauern, der gemeinsam mit sechs Geschwistern auf der "Saualp" im Osten von Kärnten aufwuchs, zog es 1959, gerade mal 21 Jahre alt, nach Kanada. In Lake Louise wurde er Skilehrer, Rennfahrer, schließlich Direktor der Skischule. Der erste Helikopterflug mit zwei Gästen in die unendlichen Weiten der Cariboos sollte sein Leben verändern, Mike erinnert sich: "Der Deal war, dass die Gäste den Hubschrauber bezahlten und ich sie führte." Ein Big Deal, wie sich herausstellen sollte. Denn Wiegele machte sich auf die Suche nach "seinem Berg". Jeden Tag wertete er die Wetterkarte der Tageszeitung aus, war in jeder freien Minute unterwegs, befragte Trapper und Holzfäller.

Die Spur führte nach Blue River, einem kleinen Dorf am Highway 5 auf halber Strecke zwischen Kamloops und Jasper. Wiegele erinnert sich: "Bei meinem ersten Besuch habe ich keine Häuser gesehen, alles war eingeschneit." Das war 1973, sechs Jahre später gründete er am Ufer des Lake Eleanor und mit Blick auf den Mount Albreda sein Resort. Inzwischen steht dort auf sechs Hektar ein Dorf mit komfortablen Gästehäusern. 120 Angestellte kümmern sich um rund 2.000 Gäste pro Winter, es fehlt an nichts. Von der Gourmetküche und einem Keller, in dem mehr als 600 feine Weine lagern, über einen Massage- und Gymnastikraum, bis hin zu einer Kletterwand ist alles geboten.

Auch Skistars wie Marcel Hirscher genießen den Powder

Die Luxusoase für besserverdienende Tiefschneefreaks ist das Lebenswerk eines Unermüdlichen. Mike Wiegele erfand gemeinsam mit Atomic die "Fat Skis", die breiten Bretter also, die das Tiefschneefahren zum Kinderspiel machen. Mit "Powder 8", bei dem Zweier-Teams die schönsten "Zöpferl" in den Schnee fuhren (Weltmeister u.a. Christian Neureuther und Rosi Mittermaier), bekam er weltweit Publicity, wie heute noch als Gastgeber von Skistars wie Anna Fenninger oder Marcel Hirscher ("Das Athleten-Kochbuch"). Mike selbst steht jeden Winter an hundert Tagen auf den Skiern, seine ganze Leidenschaft gilt seit vielen Jahren der Vorbeugung von Lawinenunfällen. Zur Erforschung der Naturgewalten hat er in seinem Village ein eigenes "Research Center" eingerichtet. "Heliskiing birgt Risiken wie jede andere Sportart in der Natur", weiß er. "Aber wenn man die Risiken ausschließt, sind die Gefahren minimal".

Ein neuer Tag im Skiparadies: Stahlblauer Himmel, Neuschnee. Als die Gruppe auf einem der Runs aus dem Heli steigt, versinkt sie bis über die Knie im Powder. Bill fährt vor, schwingt im steilen Hang abrupt ab. Kein Schneebrett löst sich. Mit der Schaufel gräbt der Guide einen Meter tief, untersucht das Profil der einzelnen Schneeschichten. Alles sicher. Umsichtig mustert Bill das in den Sonnenstrahlen wie ein Diamentfeld funkelnde weiße Areal, ehe er sich für eine Route entscheidet. Im Sicherheitsabstand von jeweils fünf Schwüngen folgen seine Schützlinge. Rob, der zweite Guide, macht als Letzter den Begleitschutz.

In die Stille mischt sich Euphorie. Als sich beim nächsten Stopp alle hinter Bill versammeln und sich die Atemlosigkeit gelegt hat, blickt man in strahlende Gesichter. Auch Charly bekommt das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Nähere Informationen zum Heliskiing in Kanada gibt es auf "www.aeroski.com".